„Völlig überzogene Berichterstattung“

Zur Berichterstattung über die Ersterwähnung von Eichenhausen und die Absage der 1000-Jahr-Feier schreibt Kreisheimatpfleger Reinhold Albert:

Schon in der Antike galt: Der Überbringer schlechter Nachrichten wird geköpft. Daran hat sich, im übertragenen Sinn, offensichtlich bis in unsere Zeit nichts geändert. Nach der völlig überzogenen und zum Teil falschen Berichterstattung in Sachen Ersterwähnung von Eichenhausen (Süddeutsche Zeitung vom 5.1.2009 „Tausendjahrfeier fällt aus, weil sich der Heimatpfleger irrte“; Main-Post Frankenseite vom 8.1.2009: „Die Sache ist ein Irrtum des Kreisheimatpflegers,“ im Bericht auf der Königshöfer Seite vom gleichen Tag wird unterschwellig behauptet, ich sei an der Absage schuld; BR-alpha Kurznachrichten vom 8.1.2009 und BR-Teletext: „Heimatpfleger verhindert Tausendjahrfeier“ usw.), muss es mir erlaubt sein, einmal den Sachverhalt aus meiner Sicht darzustellen.

Mit Schreiben vom 17.1.2009 teilte ich der Gemeinde Wülfershausen auf Nachfrage von Bürgermeister Peter Schön mit, dass der Ortsteil Eichenhausen nachweislich am 1. Juni 1010 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Diese Aussage war auf nachfolgend aufgeführte grundlegende Werke gestützt:

•Wilhelm Bierschneider: „Unterfranken, historische Daten von Städten, Gemeinden und Ortsteilen der Landkreise und der kreisfreien Städte sowie die Entwicklung der Ortsnamen“. In diesem 2003 erschienenen Buch wird die Ersterwähnung Eichenhausens 1010 auf Seite 307 eindeutig bestätigt.

•Dr. Heinrich Wagner: Historischer Atlas von Bayern, Band Neustadt a.d. Saale, 1982. Er wiederholt hierin mehrfach, dass Eichenhausen 1010 erstmals urkundlich erwähnt wurde. So steht z.B. Seite 98: „Schon kurz nach seiner Gründung 1007 wurde das Bistum Bamberg von Kaiser Heinrich II. 1010 Juni 2 mit den königlichen Eigengütern (predia) Eichenhausen und (Ober-/Mittel-) Streu im Gau Grabfeld in der Grafschaft des Grafen Gebhard ausgestattet.“

Gerade diese Werke sind für jeden Heimatforscher eine Art Bibel, auf die man, so glaubte ich jedenfalls bisher, vertrauen kann.

Um jeglichen Fehler auszuschließen, wandte ich mich zusätzlich noch an das Staatsarchiv Würzburg. Man antwortete mir mit Schreiben vom 15.1.2009: „...Heinrich Wagner und Wilhelm Bierschneider nennen nach dem derzeitigen Forschungsstand zu Recht das Jahr 1010 als Jahr der ersten urkundlichen Erwähnung.“

Diesen Sachverhalt teilte ich der Gemeinde Wülfershausen mit. Die Festvorbereitungen in Eichenhausen begannen. Wiederholt war in der Folgezeit in den Tageszeitungen zu lesen, dass der Wülfershäuser Gemeindeteil Eichenhausen im Sommer 2010 seine Tausendjahrfeier begehen wird. Ich hätte mir gewünscht, dass mir bereits zu diesem Zeitpunkt mitgeteilt worden wäre, dass sich das Ersterwähnungsdatum von Eichenhausen geändert hat. Es wäre den Eichenhäusern und mir Vieles erspart geblieben.

Erst nach Veröffentlichung eines Beitrags über die Ersterwähnungen der Orte im Landkreis Rhön-Grabfeld von Wilhelm Bierschneider (einem Auszug aus seinem oben erwähnten Werk) im Mitte November 2009 erschienenen Heimatjahrbuch 2010 unseres Landkreises teilte mir Dr. Heinrich Wagner am 14.12.2009 mit, dass er sich bezüglich Ersterwähnung Eichenhausens bereits korrigiert habe. Es handle sich in der Urkunde von 1010 nicht um Eichenhausen, sondern um Einhausen bei Meiningen. Dies habe er bereits 1995 in einem Beitrag über Wüstungen im Landkreis im Heimatjahrbuch richtig gestellt. Dort schrieb er: „Das Königsgut Egininhus, das im Jahre 1010 zusammen mit Strewe von König Heinrich II. an das Bistum Bamberg geschenkt wurde, ist wohl nicht, wie früher von mir angenommen mit Eichenhausen zu identifizieren, sondern mit Einhausen (Lk. Meiningen), da das Hochstift Bamberg im Jahre 1151 einen großen Besitzkomplex in Egenenhusn, bei dem es sich wegen seiner Stellung zwischen Ritschenhausen und Gaulshausen um Einhausen handeln dürfte, an Henneberg vertauschte.“

Nach dieser Mitteilung bat ich das zuständige Staatsarchiv Würzburg um erneute Stellungnahme. Am 15.12.2009 wurde mir mitgeteilt: „Die wissenschaftliche Forschung ist fortgeschritten. Herr Dr. Wagner hat die Gleichsetzung des 1010 genannten Egininhusa mit Eichenhausen revidiert, sicherlich mit besten Gründen, so dass dieses der aktuelle und gültige Wissensstand ist.“ Weiter wurde mir aufgetragen, den Verantwortlichen abzuraten, 2010 die Tausendjahrfeier Eichenhausens zu begehen. Diesen Sachverhalt teilte ich der Gemeinde und den Verantwortlichen in Eichenhausen mit Schreiben vom 19.12.2009 mit.

Die Berichterstattung in den Medien in den letzten Tagen hat jedenfalls eines bewirkt: Sie hat meinen guten Ruf, den ich mir in bisher mehr als 25 Jahren, so glaube ich feststellen zu dürfen, erfolgreicher Tätigkeit als ehrenamtlicher Kreisheimat- und Kreisarchivpfleger im Landkreis Rhön-Grabfeld erworben habe, mit einem Schlag ruiniert. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier bewusst versucht wurde, meine Reputation in Zweifel zu ziehen. Ich ziehe entsprechende Konsequenzen in Erwägung.

Übrigens, in der im Staatsarchiv Bamberg aufbewahrten Urkunde von 1010 heißt es „...Egininhusa et Strewe in pago Grapfeld“ (Eichenhausen/Einhausen und Streu im Gau Grabfeld). Wer sagt uns denn, ob nicht in ein paar Jahren ein weiterer Experte feststellt: Es handelt sich doch nicht um Einhausen, sondern um Eichenhausen? Übrigens: Von fünf Historikern (M. Müller, Dobenecker, Guttenberg, G. Wagner, H. Wagner) behaupten vier in ihren zwischen 1880 und 1994 erschienenen Werken, dass mit „Eginihusa“ Eichenhausen gemeint ist, nur einer, dass es sich um Einhausen handelt.

Reinhold Albert, Kreisheimat- und Archivpfleger im Landkreis Rhön-Grabfeld

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