BAD NEUSTADT

Von der Pionierarbeit zur Serienreife

An einem Strang zogen Hubert Büchs (links) und Professor Ansgar Ackva am Smart-Grid-Projekt. Foto: Eckhard Heise

Mit 157 angemeldeten Elektroautos hat der Landkreis Rhön-Grabfeld die höchste Dichte an Elektrofahrzeugen in Deutschland. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Ursprung für die Entwicklung dürfte die Ernennung zur Modellstadt für Elektromobilität gewesen sein.

Damit verbunden war die Förderung der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft. Als aufwendigstes Projekt entwickelten das TTZ und die Firma Jopp gemeinsam eine Anlage für bidirektionales Laden, eine Technik, die mithilfe von Autobatterien das gesamte Stromnetz erheblich entlasten könnte.

Die Zukunft des Autos ist elektrisch

Um solche Ideen voranzutreiben, braucht es Köpfe, die an sie glauben. Schon vor Jahren zog Dr. Hubert P. Büchs durchs Land und beendete seine Vorträge mit dem Satz: „Die Zukunft des Autos ist elektrisch“. Er wollte dazu beitragen, dass diese Prognose Wahrheit wird. Im TTZ, respektive in dessen Leiter Professor Ansgar Ackva, fand er einen Mitstreiter, der diese Vision teilte, sagt der Unternehmer.

Autos liefern Energie für die Produktion

Der Grundgedanke ergibt sich aus der Überlegung, warum ein Elektrofahrzeug tagsüber, wenn dessen Besitzer bei der Arbeit ist, ungenutzt „auf der Straße“ stehen sollte. Angeschlossen an die Stromversorgung der Fertigungsstätten, könnten die Fahrzeuge doch auch Energie liefern, wenn diese gerade am meisten benötigt wird.

Es gibt im täglichen Produktionsablauf Spitzen, bei denen der Strombedarf besonders hoch ist, erklärt Büchs. Nach diesen Höchstlasten wird das gesamte Zuleitungsnetz ausgelegt. Wenn diese Spitzen gekappt werden, könnte einerseits die Zuleitung bedeutend kleiner ausgelegt und andererseits das Netz des Stromversorgungsunternehmens entlastet werden, so die Theorie.

Baustein für eine effektivere Stromversorgung

Da sich die Stromrechnung an den Höchstlasten orientiert, könnten jährlich rund 20 000 Euro eingespart werden, hat Büchs errechnet. „Es ging aber gar nicht um einen wirtschaftlichen Vorteil“, beteuert er. Ebenso wenig zielte das Vorhaben auf die praktische Verwertbarkeit der Technik für die Firma, etwa in Form einer Serienproduktion. Vielmehr sollte einerseits die Innovationskraft des Unternehmens demonstriert werden, andererseits ein Baustein für eine effektivere Stromversorgung erstellt werden.

Dazu musste das Unternehmen selbst erst einmal eine kleine Flotte von fünf Elektrofahrzeugen anschaffen, die dann Mitarbeitern zur Verfügung gestellt wurden. Die fuhren damit zur Arbeit und schlossen morgens die Fahrzeuge an das interne Netz an. Wenn zu Spitzenzeiten besonders viel Energie benötigt wurde, wurden die Batterien entladen, wenn die Produktion herunterging, wurden sie wieder geladen.

Es funktioniert

Die für den Vorgang notwendige Steuerungstechnik entwickelte das TTZ. „Für uns war das Projekt mit einem Volumen von über einer Million Euro der größte Forschungsauftrag“, berichtet Professor Ansgar Ackva. Dazu wurde eine vierköpfige Entwicklungsgruppe ins Leben gerufen, die etwa über drei Jahre das Projekt begleitete.

Schwerpunkt war die Entwicklung einer Ladestation, die mithilfe des Überlandwerks den Vorgang des Be- und Entladens überwacht und sich dabei einerseits am Bedarf für die Produktion orientiert und die andererseits sicherstellt, dass zum Feierabend dem Fahrer ein aufgeladenes Fahrzeug zur Verfügung steht.

Nach dem dreijährigen Feldversuch sagen beide: „Es funktioniert.“ Zum einen habe er von den Fahrern nichts über Probleme mit den Fahrzeugen gehört, zum anderen sei die Kapazität der Akkus nur unwesentlich gesunken, sagt Büchs. Darüber hinaus konnten Stromkosten eingespart werden, die allerdings angesichts der Investitionen kaum ins Gewicht fallen. Schließlich mussten nicht nur die Fahrzeuge angeschafft, sondern auch die Ladestationen nach den Plänen des TTZ gebaut werden.

Der Trend geht eher zu stationären als zu mobilen Speichern

Professor Ackva hält die gemeinsam entwickelten Ladestationen nun für serienreif – „es hat auch schon Anfragen aus Spanien gegeben“. Der Wissenschaftler denkt aber vor allem an die Potenziale der Technik. Für ihn wird das Auto der Zukunft ebenfalls elektrisch betrieben. Rein rechnerisch stehen mit der Masse an Fahrzeugen Speicherkapazitäten zur Verfügung, die einige Kraftwerke überflüssig machen würden und ein völlig anderes – und minimiertes – Versorgungsnetz benötigen.

Ackva vermutet allerdings, dass der Trend eher zu stationären als zu mobilen Speichern hingeht. Ein konsequentes Umsetzen der sogenannten „Smart-Grid-Technik“ würde die Energieversorgungslandschaft allerdings völlig umkrempeln.

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