Mellrichstadt

Wahlforum: Der Landkreis muss sich selbstbewusst vermarkten

Mobil und versorgt bleiben, Arbeit und Wohnraum finden – wie geht das in Rhön-Grabfeld? Beim Forum zur Landratswahl in Mellrichstadt stellten die Kandidaten ihre Pläne vor.
Vier Kandidaten, drei Zeitungen, zwei Moderatoren, ein Landkreis: Mehrere hundert Bürger zeigten reges Interesse am Wahlforum zur Landratswahl in der Oskar-Herbig-Halle in Mellrichstadt.
Vier Kandidaten, drei Zeitungen, zwei Moderatoren, ein Landkreis: Mehrere hundert Bürger zeigten reges Interesse am Wahlforum zur Landratswahl in der Oskar-Herbig-Halle in Mellrichstadt. Foto: Anand Anders

Seit Jahren war die Wahl des Landrats in Rhön-Grabfeld nicht mehr so spannend: Gleich vier Kandidaten stehen bei der Kommunalwahl am 15. März auf dem Stimmzettel. Neben dem amtierenden Landrat Thomas Habermann (CSU), der seine vierte Amtszeit anpeilt, streben Thorsten Raschert (SPD), Yatin Shah (Die Grünen) und Karl Graf Stauffenberg (FDP) nach dem Amt. Was die Kandidaten mit dem Landkreis vorhaben, erklärten sie dem Publikum in einer Podiumsdiskussion, ausgerichtet von den drei Tageszeitungen Main-Post, Rhön- und Saalepost sowie Rhön- und Streubote, am Mittwochabend in der gut gefüllten Oskar-Herbig-Halle in Mellrichstadt.

Drei Kernthemen standen im Mittelpunkt der Diskussion, die von Martina Harasim (Main Post) und Steffen Sauer (Rhön-Medien) moderiert wurde: der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV), eng damit verbunden die Mobilität im Landkreis sowie die ärztliche Versorgung mit Blick auf den Rhön-Klinikum Campus und die Landarzt-Problematik. Thomas Habermann fügte dem noch einen vierten Aspekt hinzu: Seiner Ansicht nach muss das Image des Landkreises aufpoliert werden. Denn den Rhön-Grabfeldern fehle es an Selbstbewusstsein, wenn es um ihre Heimat geht – "völlig unbegründet", so der Kreischef. Dabei sei die Identifikation mit den Landkreis vor allem für junge Leute wichtig, machte er deutlich.

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Was wollen die Kandidaten?

In kurzen Sätzen stellten die Kandidaten auf der Bühne sich und ihre Ziele vor. Yatin Shah , 41-jähriger Arzt aus Bad Königshofen, will in die Kreispolitik, "weil die Demokratie aktive und engagierte Bürger braucht". Er möchte sich für eine bürgernahe Verwaltung, den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, die fachärztliche Versorgung auf dem Land sowie Arten- und Klimaschutz einsetzen. Thorsten Raschert, der bei der vergangenen Wahl bereits gegen Thomas Habermann angetreten war, machte deutlich: "Ich weiß, wo der Schuh drückt." Der 47-Jährige aus Burglauer ist beim DGB aktiv und seit sechs Jahren im Kreistag. Er will gleichwertige Lebensverhältnisse im Kreis schaffen und durch wohnortnahe Arbeitsplätze, ein gutes Bildungsangebot, Betreuung und Gesundheitsversorgung gegen die Abwanderung junger Leute angehen.

Thomas Habermann (CSU)
Thomas Habermann (CSU) Foto: Anand Anders

"Rhön-Grabfeld soll lebens- und liebenswert bleiben", gab Karl Graf Stauffenberg als seine Maxime aus. Der 49-Jährige lebt seit fünf Jahren in Irmelshausen. Er will den ÖPNV ausbauen und Rhön-Grabfeld zu einem Gründerlandkreis machen, in dem sich neue Unternehmen ansiedeln. Auch der Klimaschutz ist ihm wichtig. Thomas Habermann, seit 2003 Landrat im Rhön-Grabfeld-Kreis, möchte die Modernisierung und den Ausbau der Infrastruktur fortsetzen, die Digitalisierung voranbringen und die Arbeitsplätze in der Region sichern. "Außerdem müssen wir unser Selbstvertrauen stärken und herausstreichen, welche Qualität wir im Landkreis haben", forderte der Bad Neustädter.

Sorge um Arbeitsplätze

Dazu gehört sicherlich auch der Rhön-Klinikum Campus. Nach dem Zusammenschluss mit Asklepios befürchten manche Bürger, dass Arbeitsplätze auf den Spiel stehen. "War es rückwirkend ein Fehler, die Kreisklinik an die Rhön-Klinikum AG  zu verkaufen?", fragten die Moderatoren. Zu diesem Thema hatten die vier Kandidaten viel zu sagen, wenngleich keiner von einem Fehler sprechen wollte. Thorsten Raschert machte deutlich, dass die SPD hinter den Arbeitnehmern steht. Er übte Kritik an der Gewinnmaximierung bei der Gesundheitsversorgung und will sich dafür einsetzen, dass kein Arbeitsplatz verloren geht. Er sei besorgt, wie es nun mit der Kreisklinik weitergeht. Thomas Habermann versicherte, im ständigen Austausch mit den Spitzen des Rhön-Konzerns zu stehen. "Eugen Münch steht zum Standort Rhön-Grabfeld", sagte er und sieht durch die neue Entwicklung den Campus in Bad Neustadt gestärkt.

Yatin Shah (Die Grünen)
Yatin Shah (Die Grünen) Foto: Anand Anders

Karl Graf Stauffenberg übte Kritik an der alleinigen Konzentration des Landkreises auf den Campus und machte deutlich: "Die medizinische Versorgung in der Fläche muss bleiben." Yatin Shah nannte das Rhön-Klinikum einerseits einen Segen für die Region, äußerte sich aber mit Blick auf die Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung kritisch. "Wo soll das noch hinführen?", fragte der Mediziner, der an der Berliner Charité gearbeitet hat, auch mit sorgenvollem Blick auf die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter. Viel Applaus erntete der 41-Jährige für seinen Appell, nicht nur auf den Gewinn zu schielen, sondern die Beschäftigten leistungsgerecht zu bezahlen und ihre Arbeit wertzuschätzen. 

Mobilität als Zukunftsthema

Was das Thema ärztliche Versorgung auf dem flachen Land, etwa in der Rhön, betrifft, wollen die Kandidaten zwar eine ärztliche Grundversorgung in der Fläche erhalten, wie – das ist der Knackpunkt. Thomas Habermann sprach klare Worte, als er anführte, dass das Landarztmodell von einst ein Auslaufmodell ist. Doch wie kommt der kranke Fladunger ins MVZ nach Bad Neustadt beziehungsweise Bad Königshofen, wenn er nicht mobil ist? Hier ging die Diskussion über auf die Verbesserung des ÖPNV, die alle Kandidaten als großes Zukunftsprojekt ausgaben. Querverbindungen müssen her, um auch Dörfer in der Rhön an eine gute Verkehrsverbindung anzudocken, so der Tenor. Thorsten Raschert plädierte in dem Zusammenhang dafür, die Stabilisierungshilfe abzuschaffen und stattdessen die Kommunen allgemein besser finanziell auszustatten. 

Thorsten Raschert (SPD)
Thorsten Raschert (SPD) Foto: Anand Anders

Dass die Verbesserung des ÖPNV eine Mammutaufgabe wird, darüber waren sich alle einig. Karl Graf Stauffenberg nannte als kurzfristige Möglichkeit für die Bürger, mobiler zu werden, das Einrichten einer App für Mitfahrgelegenheiten. Yatin Shah verwies auf Sammel- und Ruftaxis, Thorsten Raschert auf kleinere Busse mit enger Taktung bei der Beförderung. Mit dem Azubi-Shuttle habe man bereits eine gute Lösung für junge Leute im Landkreis gefunden, um ihre Lehrstellen zu erreichen. Thomas Habermann holte weit aus, als er auf das Herausarbeiten neuer Konzepte einging, die bedarfsorientiert sein müssen, um die Akzeptanz zu steigern. Monika Sum vom Mellrichstädter Omnibusunternehmen wollte die Diskussion am Ende so nicht stehen lassen. "Wir schaffen eigenwirtschaftlich Verbindungen von Haupt- auf Nebenstrecken", führte sie an, dazu soll es am Freitag ein Gespräch im Landratsamt geben.

Nervenstärke gefordert

Und was wollen die Kandidaten tun, um junge Leute dazu zu bewegen, im Landkreis zu bleiben? Klar ist, gebraucht werden vor allem schnelles Internet, wohnortnahe Versorgung, qualifizierte Arbeitsplätze, Betreuung und Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. Und Wohnraum muss bezahlbar sein, ein Herzensanliegen von Thorsten Raschert, der sich hier in Rage redete. "Ich explodiere gleich", echauffierte er sich, woraufhin Habermann gelassen konterte: "Bleiben Sie ruhig, das Amt des Landrats erfordert Nervenstärke."

Karl Graf Stauffenberg (FDP)
Karl Graf Stauffenberg (FDP) Foto: Anand Anders

Er sieht ohnehin kein Problem in der Abwanderung in große Metropolen. "Der Landkreis schrumpft nicht", rechnete Habermann vor. In den letzten fünf Jahren sei die Bevölkerungszahl konstant zwischen 79 000 und 80 000 Bürgern geblieben. Stauffenberg brachte ins Spiel, dass eine gute Gasthaus-Szene im Landkreis gebraucht werde, Yatin Shah sieht große Pluspunkte im Freizeit- und Erholungsaspekt. Thorsten Raschert machte deutlich, dass zwar die Gemeinden im Speckgürtel um Bad Neustadt wachsen, auf dem flachen Land sehe das aber anders aus. 

Die Rhön besser vermarkten

Ein Pfund, mit dem der Landkreis wuchern könne, es aber nicht tut, sei der Tourismus, bemängelten die Kandidaten. Hier kam das Thema Bürokratie und zu wenig Flexibilität für die Betriebe zur Sprache, auch in punkto Vermarktung der Rhön liege noch viel Potenzial brach, so Yatin Shah. Matthias Schulze Dieckhoff vom Biohotel Sturm in Mellrichstadt merkte dazu an, dass es ein Problem sei, überhaupt Arbeitskräfte für Gastronomiebetriebe zu finden. "Wir müssen mobil machen fürs Handwerk", forderte er die Kandidaten auf. 

Wer hat seine Wahl-Entscheidung schon getroffen? Beim Wahlforum zur Landratswahl in Rhön-Grabfeld gingen viele Hände hoch.
Wer hat seine Wahl-Entscheidung schon getroffen? Beim Wahlforum zur Landratswahl in Rhön-Grabfeld gingen viele Hände hoch. Foto: Anand Anders

Nach über dreistündiger Diskussion mit teils ausschweifenden Antworten ließen die Moderatoren den Abend mit einer Frage ans Publikum ausklingen, die bereits zu Beginn gestellt worden war: Wer im Auditorium hat sich bereits für einen Kandidaten entschieden? Gut die Hälfte wusste es schon vorher, zwei Drittel dann am Ende des Abends. Wer von den Kandidaten beim Wahlforum gepunktet hat, wurde im Anschluss in den Reihen der Zuhörer rege diskutiert. Am Wahlsonntag, 15. März, wird sich zeigen, auf wen die Rhön-Grabfelder vertrauen, wenn es um die Zukunft des Landkreises geht.

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