BAD NEUSTADT

Wie Frau Ingenfeld mit dem Krankenhaus umzog

Aufregender Tag für Barbara Ingenfeld: Die Seniorin aus Bonn gehörte zu den letzten 16 Patienten, die vom alten Kreiskrankenhaus Bad Neustadt nahe der Innenstadt auf den Rhön-Klinikum-Campus verlegt wurden. Foto: Gerhard Fischer

Mittwoch, der 2. Januar. Es ist der 90. Geburtstag des Pfeifenfabrikanten Anton Manger aus Wollbach bei Bad Neustadt im Landkreis Rhön-Grabfeld. Und Schwägerin Hedwig Manger kann nicht zugegen sein. „Ich wollte doch Käsekuchen backen“, sagt die 83-Jährige. Doch Hedwig Manger liegt auf Zimmer 178 der chirurgischen Abteilung.

Ein böser Bruch am Samstag vor Weihnachten. Ihre Zimmergenossin ist Barbara Ingenfeld, eine Seniorin aus Bonn. Die wollte schöne Tage in Bad Königshofen verbringen. Und landete mit kaputtem Bein ebenfalls im Kreiskrankenhaus.

Wenige Schwestern noch im Dienst

Das Nebenzimmer ist leer. Kein Patient wartet kurz vor 8 Uhr auf sein Frühstück. Dafür stapeln sich die Umzugskisten. Nur ein paar wenige Schwestern sind zu sehen. Die eine trägt einen prall gefüllten, blauen Sack aus dem Stationszimmer. Um die Ecke kommt ein Mann mit einem Monitor auf dem Rücken und läuft durch den Gang.

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Kreiskrankenhaus Bad Neustadt / Umzug auf Klinikum-Campus

Nichts wirklich Spannendes wartet also auf Frau Manger und Frau Ingenfeld. Auch wenn sie, während sie ihren Morgenkaffee rühren, so etwas wie Rhöner Medizingeschichte schreiben. Sie und vierzehn weitere Männer und Frauen sind die letzten Patienten in der Rhön-Kreisklinik in der Goethestraße von Bad Neustadt, einen ordentlichen Steinwurf entfernt vom alten Stadtmauerring.

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Klinik-Umzug

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30 Jahre am Standort

Der Mittwoch ist der Tag ihres Umzugs. Aus direkter Stadtlage geht es hoch auf den Berg mit dem Rhön-Klinikum-Campus. Die letzten 16 Patienten. Dann endet die Geschichte des Kreiskrankenhauses, wie man es rund 30 Jahre an diesem Standort kannte.

Ein rotes Kreuz macht noch kein Krankenhaus. Die Kreisklinik in Bad Neustadt ist Geschichte. Am Mittwoch wurden die letzten 16 Patienten hoch auf den Klinik-Berg verlegt. Foto: Gerhard Fischer

Pflegedienstleiterin Susanne Marpoder-Barthelmes macht die beiden Patientinnen langsam für den Transport zurecht. „Es ist genau das Zimmer, in dem ich mein Examen abgelegt hatte“, sagt sie. In diesen Räumen hat eine Berufslaufbahn begonnen. Beendet wird sie also andernorts.

„Ein Lebenswerk, das man verlässt“

Das gilt auch für Elmar Wiener, Leiter der Intensivabteilung. Er hat die 60 überschritten und wird sich nun, nach 29 Jahren in der Goethestraße, noch einmal auf dem Klinikum-Campus orientieren lernen. „Es ist mein vierter Umzug jetzt, den ich mitmache. Ein bisschen schwermütig bin ich schon, es ist ja so etwas wie ein Lebenswerk, das man verlässt“, sagt Wiener und gewährt einen Blick in die leeren OP-Säle. Wo einst vermutlich auch Leben gerettet wurden, stapeln sich Kartons und eingehülltes Verbrauchsmaterial.

Was für eine Aufregung: Barbara Ingenfeld aus Bonn war am Mittwoch eine der letzten Patienten im alten Kreiskrankenhaus von Bad Neustadt. Mitarbeiter des Bayerischen Roten Kreuzes verlegten sie hoch zum neuen Rhön-Klinikum-Campus. Foto: Gerhard Fischer

Frau Manger und Frau Ingenfeld wird es langsam langweilig. Vor allem die Rheinländerin hat doch etwas zu kämpfen mit der Situation. „Ich bin ja ganz alleine“, sagt sie. Sie wünscht sich so schnell wie möglich eine Verlegung in ihre Heimat. Aber das kann eben noch etwas dauern. Ein immerhin kleiner Trost ist es dann doch, dass ihr der Krankenhausaufenthalt zu so etwas wie lokaler Berühmtheit verhilft.

Um 10 Uhr ist es soweit. Ein Dreier-Team des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) klopft an, um Frau Ingenfeld hoch zum Campus zu fahren. Notfallsanitäter Jürgen Jünger und die Rettungsassistenten Inga Hofmann und Thomas Hermann sind für die Dame aus Bonn zuständig.

Zentrum für klinische Medizin schon eröffnet

Am Anfang der Planung war man noch davon ausgegangen, dass zwischen 80 und über 100 Patienten transportiert werden müssen. Am Ende sind es 16 geblieben. Patienten konnten vor Weihnachten entlassen werden, planbare Operationen wurden verschoben, am 28. Dezember öffnete bereits die Notaufnahme im Zentrum für klinische Medizin (ZkM). Darin sind die Häuser des Rhönklinikums und die Abteilungen des Kreiskrankenhauses zukünftig vereint.

Die Umwälzungen in der medizinischen Versorgung im nördlichen Unterfranken fesseln die Gedanken von Barbara Ingenfeld aber nicht sonderlich. Ein wenig macht ihr die Atmung zu schaffen. „Ich bin nicht mehr die Frischeste“, scheint bei ihr etwas Rheinländischer Humor durch. Im Rettungswagen, der sie auf den Berg bringt, gibt ihr Thomas Hermann deswegen etwas Sauerstoff, während draußen Stadthalle, Autobahnzubringer und der neue Klinik-Campus vorbeiziehen.

Kartons statt Kranke: In vielen verwaisten Patientenzimmern lagern nun Umzugskartons für die Restarbeiten im alten Kreiskrankenhaus. Foto: Anand Anders

Ehrenamtlicher Umzugseinsatz

BRK-Frau Inga Hofmann freut sich, am Umzug mitzuwirken: „Das ist doch was Besonderes, und wir erledigen das ja ehrenamtlich“, sagt die Rettungsassistentin. Und Fahrer Jürgen Jünger freut sich aus noch anderen Gründen. „Die alte, enge Zufahrt zur Notaufnahme war eher eine Zumutung, da war immer Chaos“, trauert er diesem Teil des Kreiskrankenhauses nicht hinterher.

Nach einigen Minuten in der Liege des Rettungswagens wird die Bonner Patientin schon mit dem Aufzug auf die Station A41 ins Zimmer 109 gebracht. Mitten ins Zentrum für klinische Medizin. Neben dem Sauerstoff aus der Pumpe atmet Barbara Ingenfeld den leicht chemischen Duft einer nagelneuen Krankenhausstation ein. Andere Wandfarben, fremde Menschen, dafür ein exklusiver Blick auf die neue Empfangs-Glaskuppel und darüber hinweg in die leicht verschneite Rhön.

Barara Ingenfeld könnte zufrieden sein. Ist sie aber erst ein paar Minuten später. Dann wird auch schon Hedwig Manger aus Wollbach von einem weiteren BRK-Team ins Zimmer gebracht. „Wir liegen wieder nebeneinander, schließlich kennen wir uns schon seit Tagen“, sagt Hedwig Manger und lächelt. Nur weil ein Krankenhaus umzieht, muss sich ja für die Patienten nicht viel ändern.

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