Irmelshausen

"Wir wollen den Rechtsstaat feiern"

Karl Schenk Graf von Stauffenberg: Das Erbe verpflichtet. Um Jugendliche vor Extremismus zu warnen, hat der Enkel des Hitler-Attentäters jetzt den Verein „Mittendrin statt extrem daneben“ gegründet. Zum Auftakt gibt's Politik und Show.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg vor dem Wasserschloss Irmelshausen, das ihm zur Hälfte gehört. Der Enkel des Hitler-Attentäters wendet sich in dem von ihm unlängst gegründeten Verein „Mittendrin statt extrem daneben“ gegen Extremismus jeglicher Art. Foto: Michael Petzold

Weil Karl Graf von Stauffenberg keine Organisation gefunden hat, die sich gegen Extremismus jeglicher Couleur wendet, gründete der Enkel des Hitler-Attentäters selbst einen Verein, der Erwachsene, aber vor allem Jugendliche vor den Gefahren des Extremismus warnen will. Die erste Veranstaltung des Vereins „Mittendrin statt extrem daneben“ bietet am Samstag, 28. Mai, in der Oskar-Herbig-Halle in Mellrichstadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) eine Mischung aus Podiumsdiskussion und Show. So sind unter anderem ein Imam und die Band Fools Garden zu Gast.

Frage: Empfinden Sie Ihr Erbe, was Ihren Großvater betrifft, eher als Ansporn oder Bürde?

Karl Graf Von Stauffenberg: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Als Privatmann sicher eher als Bürde, weil ich den Eindruck habe, dass ich eher als Enkel meines Großvaters wahrgenommen werde und nicht als Karl. Aber der Name Stauffenberg kann natürlich beruflich auch mal die eine oder andere Tür öffnen. Wenn es um unser Vorhaben geht, uns für unsere Werte im Rechtsstaat und gegen jeglichen Extremismus zu engagieren, ist dieses Erbe schon ein Ansporn. Wichtig ist es mir, klarzustellen, dass meine Eltern uns Geschwister nie gedrängt haben, politisch aktiv zu werden, wenn wir aber etwas tun, uns immer unterstützen.

Meine ältere Schwester ist beispielsweise sehr in der Stiftung 20. Juli engagiert, meine jüngere Schwester mit mir gemeinsam bei „Mittendrin statt extrem daneben“. Hier gibt uns mein Vater immer sehr wertvolle Ratschläge, immer mit der Mahnung verbunden, nicht als „hauptberufliche Hinterbliebene“ zu wirken. Mein Vater war ja selbst Politiker.

Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass Ihr Großvater das Attentat auf Hitler verübt hatte?

Von Stauffenberg: Als Kind habe ich das zwar wahrgenommen, aber nicht als etwas Besonderes. Es war kein häufiges Thema, aber ein offenes. Meine Großmutter habe ich ja auch noch lange miterlebt, sie ist im April 2006 gestorben. Meist wurde über die Folgen der Familie geredet, beispielsweise über die Zeit meines Vaters und seiner Geschwister im Nazi-Kinderheim in Bad Sachsa und wie sie ins KZ Buchenwald verschleppt werden sollten.

Wie war das für Sie als Jugendlicher?

Von Stauffenberg: Eher anstrengend. Im Geschichtsunterricht wurde ich drei Jahre hintereinander aufgefordert, ein Referat über den 20. Juli zu halten. Die Noten waren dann auch nie die besten, weil der jeweilige Geschichtslehrer sich ein paar mehr Familieninterna versprochen hatte, aber die sind ja nicht umsonst Interna. Der Umgang mit meinen Mitschülern war dagegen völlig normal. Ich war auch nie der beflissene Musterschüler, habe wie andere auch heimlich hinter der Turnhalle geraucht, auf Partys mal ein Bier zu viel getrunken.

Video

"Mittendrin statt extrem daneben" - Karl Graf Schenk von Stauffenberg über den Verein "Mittendrin statt extrem daneben"


Wie hat Ihre Umgebung reagiert?

Von Stauffenberg: Mein subjektives Gefühl ist bis heute, dass ich mich nicht in der großen Masse verstecken kann, sobald irgendeiner weiß, wie ich heiße. Aussagen wie: „sind Sie mit „DEM“ Stauffenberg irgendwie verwandt?,“ sind sehr häufig. Wenn etwas nicht so läuft, kommt auch häufig: „Nimm dir mal ein Beispiel an deinem Großvater.“ Der Gipfel war allerdings bei der Bundeswehr. Mein Spieß sagte damals, als ich mir mein Knie kaputt gemacht hatte und operiert werden musste: „Schütze Stauffenberg, wenn Ihr Großvater das mitbekommen würde, er würde sich im Grabe herumdrehen.“

Warum engagieren Sie sich jetzt gegen Extremismus?

Von Stauffenberg: Das Gefühl, dass sich unsere Gesellschaft immer mehr radikalisiert, habe ich schon länger. Und auch, dass die Mitte der Gesellschaft wegsieht, nach dem Motto, das gibt sich wieder. Ich will aber nicht wegsehen und möchte möglichst viele davon überzeugen, gemeinsam mit mir hinzusehen und unsere Werte, die durch unsere Gesetze und Demokratie geschützt werden, zu verteidigen. Viele denken jetzt vielleicht: „Ah, der Stauffenberg will jetzt was gegen Rechtsextremismus machen.“ Klar, aber es ist mir und meinen Mitstreitern besonders wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir etwas gegen Rechtsextremismus machen, aber auch in gleichem Maße gegen Linksextremismus und religiös motivierten Extremismus, wie den Islamismus und christlichen Fundamentalismus.

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis?

Von Stauffenberg: Eher einen schleichenden Prozess. Von Berufswegen bin ich viel in sozialen Medien unterwegs. Hier bekommt man immer häufiger mit, dass in diesem mehr oder weniger rechtsfreien Raum sich Menschen gegenseitig verbal vermöbeln – sehr einfach, weil hier jeder Dinge behaupten kann, ohne fürchten zu müssen, sich für die Anschuldigungen sofort rechtfertigen zu müssen. Die hier benutzte Sprache halte ich für eine sehr wirksame Form der Gewalt, die sich durch diese sozialen Medien sehr schnell viral verbreitet. Es verhauen sich zwar noch nicht täglich braune und rote Horden ganz offen auf der Straße, aber gewaltbereite Gruppen machen das heute auch schon. Im Netz wird inzwischen durchgehend sprachliche Gewalt geübt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Projekt „Mittendrin statt extrem daneben“ zu starten?

Von Stauffenberg: Mir ist klar geworden, dass etwas getan werden muss und habe beschlossen, selbst initiativ zu werden, da ich nichts gefunden habe, das den gleichen Ansatz hat. Es gibt viele Bündnisse gegen Rechts, aber einen Verein oder ein Projekt gegen Extremismus im Allgemeinen habe ich nicht gefunden.

Daraufhin habe ich versucht, den einen oder anderen Menschen davon zu begeistern, bei dem Projekt und auch im Verein mitzumachen. Wir wollen unseren säkularen Rechtsstaat feiern, der uns allen seit dem Zweiten Weltkrieg ein gutes Leben ermöglicht, und auf die Gefahren aufmerksam machen, die radikale Strömungen mit sich bringen. Deshalb finde ich es auch erstaunlich, wie wenige Unternehmen unsere Veranstaltung unterstützen wollen, meist mit dem Hinweis, dass sie sich nicht politisch positionieren wollen. Besonders wollen wir uns an Jugendliche und junge Erwachsene richten, aber selbstverständlich sind auch alle älteren herzlich eingeladen. Wenn sich die kommunale, Landes- und Bundespolitik durch unsere Veranstaltungen aufgefordert und ermutigt fühlt, etwas für Jugendliche und Integration zu tun, haben wir ein erstes Ziel erreicht.

Wer steht auf der Teilnehmerliste der Podiumsdiskussion bei der Auftaktveranstaltung des Vereins am 28. Mai in Mellrichstadt?

Von Stauffenberg: Die Runde ist noch nicht vollständig. Bisher haben zugesagt: Volkmar Halbleib, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, Johannes zu Eltz, Dekanatspfarrer der Stadt Frankfurt/Main, der Erlanger Imam Mahmoud Kandiel, die Band La Goassn, die im Anschluss auch auftreten werden und, was mich sehr freut, Serge Nathan Dash Menga, der durch ein YouTube-Video nach der Kölner Silvesternacht bekannt wurde. Von der CDU kommt Michael Brand aus Fulda, der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses. Auf unseren Headliner Fools Garden kann sich jeder freuen. Im Anschluss wird der DJ Chris Le Key auflegen.

Familie von Stauffenberg

Karl Schenk Graf von Stauffenberg ist

45 Jahre alt, wurde in München geboren und hat drei Geschwister. Der Enkel des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist in zweiter Ehe verheiratet. Aus erster Ehe hat er drei Kinder. Der gelernte Hotelfachmann und Finanzwirt betreibt die Gräfliche Eventmanufaktur Stauffenberg. Seit 2014 wohnt er im Wasserschloss Irmelshausen (Lkr. Rhön Grabfeld), das er auch gern im Scherz seine Doppelschlosshälfte bezeichnet, der andere Teil gehört Hans von Bibra. Sein 1907 geborener Großvater war zunächst kein ausgesprochener Gegner des Nazi-Regimes, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Doch im September 1942 schloss sich Claus Schenk Graf von Stauffenberg – unter dem Eindruck der Massenmorde an Juden (von denen er spätestens im Sommer 1942 erfuhr), der hohen Verluste der Wehrmacht in Russland und der brutalen Behandlung der Zivilbevölkerung im Osten – dem aktiven Widerstand an. 1943 wurde er in Afrika schwer verwundet, wobei er die rechte Hand, einen Teil der linken Hand und das linke Auge verlor.

Nach seinem Lazarettaufenthalt wurde Stauffenberg bald zur treibenden Kraft der Verschwörer, die den militärischen Umsturz mit dem Ziel, Adolf Hitler auszuschalten und die Nazi-Herrschaft sowie den Krieg zu beenden von langer Hand geplant hatten. 1943 wurde Stauffenberg zum Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres berufen und erhielt so Gelegenheit, an Lagebesprechungen bei Hitler teilzunehmen. Im Juli 1944 entschloss er sich, den Anschlag auf Hitler selbst durchzuführen. Am 20. Juli 1944, gegen 12.40 Uhr, stellte Stauffenberg seine Aktentasche mit einer Bombe in der Nähe Hitlers ab und verließ unter einem Vorwand den Raum. Bei der Explosion in der „Wolfschanze“ wurden vier der 24 Anwesenden getötet – Hitler überlebte leicht verletzt. Noch am selben Abend wurde Stauffenberg zusammen mit einigen Mitverschwörern erschossen. Text: old/ben

Schlagworte

  • Irmelshausen
  • Michael Petzold
  • Adolf Hitler
  • Bayerischer Landtag
  • Bundeswehr
  • CDU
  • Claus Schenk Graf von Stauffenberg
  • Kalifen und Sultane
  • Karl Graf
  • Rechtsstaatlichkeit
  • SPD-Fraktion
  • Volkmar Halbleib
  • Wehrmacht
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!