Oberbach

Wirkt sich der Klimawandel auf die Käfer in der Rhön aus?

Totholz in Kernzonen ist ein optimaler Lebensraum für Kleinstlebewesen. Welche und wie viele dort leben, wird wissenschaftlich ermittelt. Erste Ergebnisse wurden jetzt vorgestellt. Foto: Marion Eckert

104 Kernzonen auf 7369 Hektar Gesamtfläche gibt es im gesamten Biosphärenreservat Rhön, gut die Hälfte im bayerischen Bereich. In diesen Kernzonen soll sich die  Natur vom Menschen möglichst unbeeinflusst, gemäß ihrer eigenen Dynamik entwickeln. Der Mensch tritt hier lediglich als Beobachter auf. Dr. Tobias Gerlach ist der, der die wissenschaftlichen Beobachtungen der Entwicklungen in den bayerischen Kernzonen leitet. Und der zog jetzt eine erste Bilanz.

Ersterfassung abgeschlossen

Der Mitarbeiter der Bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservates betreut Forschungsprojekte und das ökologische Monitoring im bayerischen Teil des Biosphärenreservates Rhön. Er ist somit auch verantwortlich für Konzeption und Koordination von Kernzonenforschung und -monitoring. In den vergangenen vier Jahren wurde hier erste Kartierungen der vorhandenen Arten vorgenommen, die nun abgeschlossen seien. Unter anderem wurden hierbei Pflanzen, Insekten, Schnecken, Pilze oder Vögel kartiert.

Im Biosphärenzentrum Haus der Schwarzen Berge in Oberbach stellte er jetzt erste Ergebnisse der Ersterfassung vor. Unter anderem ging er dabei auf die Ersterfassung der verschiedenen Käferarten ein. Auffallend sei, dass in der Rhön auch ausgesprochen wärmeliebende Arten, die sonst nur in warmen Flusstälern von Weinbauregionen vorkommen, heimisch sind. Dazu zähle beispielsweise der vom Aussterben bedrohte Trauerrosenkäfer, der vor allem in Nordafrika und dem restlichen Mittelmeerraum vorkomme. Ob dieses Vorkommen ein Anzeichen für den Klimawandel sei, diese Frage könne derzeit nicht eindeutig beantwortet werden. Es sei ein Phänomen, das beobachtet werde. "Es könnte ein Trend sein", so Gerlach, denn gleichzeitig seien Kälte liebende Arten nicht mehr gefunden worden. Die Kernzonenforschung stehe noch am Anfang. Sichere Aussagen könnten es in einigen Jahren getroffen werden, wenn weitere Kartierungen erfolg sind.

Vernetzung fehlt

Ob dies nur ein Zufall war und die Arten noch vorhanden sind und sich bei späteren Kontrollen wieder zeigen, müsse daher abgewartet werden. Dennoch gebe es auch in den  Kernzonen Lebensräume für Kälte und Feuchtigkeitsliebende Käfer, sie finden im "Urwaldklima" der Rhön in den schattigen Schluchtenwäldern wie am Lösershag ihren Lebensraum.

Die Kartierung zeigte ein großes Netz an ganz unterschiedlichen Lebensräume für Kleinstlebewesen. "Viele Arten leben wie auf kleinen Inseln, die großflächige Vernetzung von Lebensräumen fehlt aber." Das bedeute, dass die Arten bei der Veränderung ihrer Lebensräume kaum eine Möglichkeit haben, diesen zu verlassen und sich neue Bereiche zu suchen, die besser zu ihren Anforderungen passen. "Diese Verinselung verhindert eine Anpassung an den Klimawandel und führt zur genetischen Verarmung, der Austausch fehlt", so Gerlach. Welche Erkenntnisse für das Biosphärenreservat Rhön und die Vernetzung der Kernzonen zu ziehen sind, das müsse gesondert diskutiert werden.

Die Kernzonen des Biosphärenreservates sind gekennzeichnet. Der Wanderer wird über die Hintergründe aufgeklärt. Foto: Marion Eckert

Alleine 700 Käferarten wurden beim Monitoring auf der begrenzten Fläche kartiert, eine Vielzahl befindet sich auf der Roten Liste, ist also vom Aussterben bedroht. Dies sei eine enorme Vielfalt, betonte Gerlach, denn die Rhön biete eben auch ganz unterschiedliche Lebensräume von trocken bis sehr feucht.

Die Käfer wurden per Hand gesammelt oder durch Insektenfallen sogenannte Lufteklektoren. Die Bestimmung der Arten wurde zum Teil von Tobias Gerlach und seinem Team vorgenommen, vieles musste aber auch an externe Experten weitergeleitet werden. Manche Käfer seien nicht größer als zwei Millimeter. Die Bestimmung sei nur unter dem Mikroskop möglich. Zudem sei die Artenvielfalt so groß, dass nur Experten die Bestimmung korrekt vornehmen können. Alleine in Deutschland gibt es 7000 Käferarten.

Die Kernzonenforschung sehe vor, dass in einem Intervall von einigen Jahren erneut überprüft werde, wie sich die Artenvielfalt verändere. Abhängig von der Art werde das Intervall individuell angepasst.

Gerade erst begonnen

"Die Kernzonenforschung hat gerade erst begonnen", zeigte Dr. Gerlach auf. Doch die Rhön sei ein Schatz mit einer große Artenvielfalt durch unterschiedliche Waldlebensräume. Die Nutzungsaufgabe sei die  "Stunde Null" der natürlichen Walddynamik. Vegetationsaufnahmen werden jährlich erfolgen, wobei auch die Einflüsse von Niederschlagsmengen und Temperaturen beim Kernzonenmonitoring eine große Rolle spielen.

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