UNSLEBEN

Zukunftsprojekte im atomverseuchten Gebiet

Alles wurde genau dokumentiert: Die Studenten lauschten gespannt dem Vortrag von BBV-Kreisgeschäftsführer Michael Diestel über Genossenschaftsprojekte im Landkreis.FOTO: Regina Vossenkaul
Alles wurde genau dokumentiert: Die Studenten lauschten gespannt dem Vortrag von BBV-Kreisgeschäftsführer Michael Diestel über Genossenschaftsprojekte im Landkreis.FOTO: Regina Vossenkaul

„This is my favorit“, sagt einer der japanischen Studenten, der in der Krone Schenke in Unsleben gerade die Herausforderung „Kaltes fränkisches Buffet“ erfolgreich gemeistert hat. Gemeint ist der Gerupfte, der für die Gäste genauso unbekannt ist wie die vielen Brot- und Wurstsorten. Drei Tage verbringen Politik-Studenten aus Fukushima gemeinsam mit Professor Taro Daikoku im Landkreis Rhön-Grabfeld. Die Gruppe aus der japanischen Atomstadt, in der sich vor gut fünf Jahren eine der schwersten Nuklearkatastrophen abspielte, interessiert sich vor allem für genossenschaftliche Projekte und erneuerbare Energien in Unsleben und Großbardorf.

Von ihrem Besuch versprechen sie sich Anregungen, nachahmenswerte Ideen. „Wir haben rund um Fukushima atomar verseuchte Gebiete, die aber nicht einfach aufgegeben werden können. In Zusammenarbeit mit den Landwirten sollen dort zukunftsweisende Projekte durchgeführt werden“, berichtet einer der Studenten.

Am Dienstag waren die Gäste nach 13 Stunden Flug in Frankfurt gelandet und nach einer Übernachtung am Mittwoch nach Bad Neustadt gefahren. Eine Stadtführung machte sie mit der Kreisstadt und ihren Besonderheiten bekannt, schön fanden die Studenten die mittelalterlichen Relikte wie den Torturm. „Der Stadtführer hat auch mal einen Scherz gemacht, es war interessant“, berichtete Professor Daikoku, der überraschend gut Deutsch spricht.

Fast alle Gäste aus Fukushima sind zum ersten Mal in Deutschland. Sie verfügen über Englischkenntnisse. Auf Deutsch kennen sie eins, zwei, drei, bitte, danke und „Was ist das?“ Auch das Wort „Brezel“ ist geläufig, denn die wird in Japan in deutschen Restaurants angeboten.

In der gemeinschaftlich hergerichteten und betriebenen Krone Schenke in Unsleben war die nächste Station, und die Gäste waren „very hungry“, wie sie versicherten. Aber wie isst man in Deutschland Brötchen mit Butter, Wurst- und Schinkenscheiben und was sind Senf und Gerupfter? Der Professor leistete Schützenhilfe und zeigte, wie man Brötchen aufschneidet und belegt. „Bei uns sind Brötchen und Brot nicht üblich, Wurst ist sehr teuer, man kennt nur englisches Brot“, verriet Daikoku.

Die meisten Studenten wussten sich zu helfen, belegten Brezeln, die es auch in Japan gibt, mit Zutaten oder steckten sich abwechselnd Wurstscheiben und Brotstücke in den Mund.

Gut gestärkt und von Bürgermeister Michael Gottwald, der die genossenschaftlich umgesetzten Projekte in Unsleben vorstellte, begrüßt, lauschten sie dem Vortrag von Bauernverbandsgeschäftsführer Michael Diestel. Er stellte das genossenschaftliche Prinzip vor, das auf viele Bereiche übertragbar sei – von einer gemeinsam gebauten Sporthalle über Biosgas-, Wind- und Photovoltaikanlagen bis zu landwirtschaftlichen Projekten, Dorfladen und Dorfgaststätte. Alles wurde genau dokumentiert, und der Professor sowie die mitreisende Übersetzerin Kazue Haga machten den Vortragsinhalt verständlich.

Befragt wurde Diestel hinsichtlich der Vorgehensweise bei einem neuen Projekt. Wie bringt man die Idee unter die Leute, wie beschafft man den notwendigen finanziellen Eigenanteil und wie lang ist die Planungsphase? Alles sei leichter durchzuführen, wenn in der Gemeinde schon vorher ein guter Gemeinschaftssinn herrsche, machte Diestel unter anderem klar.

Bei einem Rundgang durch Unsleben konnten sich die Gäste mehrere Gemeinschaftsprojekte anschauen. Erste Station war der Dorfladen, den Christa Hüllmandel vorstellte. Er wurde 1999 eingerichtet, nachdem der letzte Lebensmittelladen im Ort geschlossen worden war. Vor allem für die älteren Bürger sei der Dorfladen nicht nur Kommunikationsmittelpunkt, sondern auch die einzige Möglichkeit, schnell die Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen, ohne nach Bad Neustadt oder in eine andere Gemeinde fahren zu müssen.

Am Abend erreichten die 27 Japaner ihre Quartiere in Großbardorf, wo sie den Donnerstag verbrachten und das Bio-Energiedorf erforschten. Am Abend wollten sie aus ihrer Heimat berichten, außerdem war die gemeinsame Pflanzung eines Freundschaftsbaums geplant.

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