Bad Neustadt

Bei Gerald Söder und Kollegen liefen die Fäden zusammen

"Blaupause" hätte nicht viel gebracht
Gerald Söder und seine Kollegen im Landratsamt hatten nach der Ausrufung des Katastrophenfalls alle Hände voll zu tun. Wochen mit über 90 Arbeitsstunden waren da an der Tagesordnung.
Gerald Söder und seine Kollegen im Landratsamt hatten nach der Ausrufung des Katastrophenfalls alle Hände voll zu tun. Wochen mit über 90 Arbeitsstunden waren da an der Tagesordnung. Foto: Björn Hein

Hinter Gerald Söder liegen harte Wochen. Wenn man ihn in seinem Büro im Landratsamt Rhön-Grabfeld besucht, lässt er sich dies aber nicht anmerken, er hat seinen Humor nicht verloren. Als Beauftragter für den Brand- und Katastrophenschutz im Landkreis war die Corona-Krise, die ja immer noch andauert, etwas, das der 52-Jährige in seiner Laufbahn noch nicht erlebt hat. "Da gibt es kein Patentrezept. Schließlich hatten wir es noch nie, dass in ganz Bayern der Katastrophenfall ausgerufen wurde", sagt der Brendlorenzener. "Learning by doing" war hier die Devise, Flexibilität und auch Einfühlungsvermögen waren gefragt, um diese auch für ihn ganz besonderen Wochen zu meistern.

Dabei war man im Landratsamt bereits im Vorfeld des Katastrophenfalls tätig. "Bereits vor der Feststellung des Katastrophenfalls wurde im Landratsamt in Anbetracht des Infektionsgeschehens ein Koordinierungsstab eingerichtet", erläutert Söder. Schon da war man im engen Kontakt zu den entsprechenden Stellen, wie dem Gesundheitsamt, dem Campus Rhön-Klinikum, dem Ärztlichen Kreisverband, dem BRK, dem MHD, dem THW, der Feuerwehr, der Polizei und der Bundeswehr, die laut Söder maßgeblich dazu beitrugen, dass die Krise gut gemeistert wurde. Und frühzeitig informierte sich der Verwaltungsbeamte auch auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts über das Infektionsgeschehen. "Die Nachbarländer waren von Corona ja schon betroffen, was ich natürlich interessiert verfolgt habe", erinnert er sich zurück. "Trotzdem hätte ich nicht gedacht, dass die Situation derart eskaliert." Genau erinnert er sich an den Tag, als von seinem Namensvetter, Ministerpräsident Markus Söder, der Katastrophenfall für ganz Bayern ausgerufen wurde.

Auf Sicherheitsabstand wurde kein Wert gelegt

Er ahnte allerdings, dass so etwas kommen würde. Er hatte noch den Zeitungsbericht vom Kreuzberg im Kopf, wo vor den Ausgangsbeschränkungen wahre Heerscharen bewirtet wurden. Auf Sicherheitsabstand, der schon damals angebracht gewesen wäre, pfiffen die meisten. "Man kann an die Vernunft appellieren. Wenn dies allerdings nicht fruchtet, dann muss man durchgreifen", bringt es der Verwaltungsbeamte auf den Punkt.

Mit Ausrufung des Katastrophenfalls rotierten er und seine Kollegen. Wochen mit bis zu 90 Arbeitsstunden waren die Regel. "Man hat gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging. Immer gab es etwas zu tun", erinnert sich der Brendlorenzener an die Turbulenzen vor wenigen Wochen zurück. In der Führungsgruppe Katastrophenschutz brauchte man spätestens ab da viele Mitarbeiter. Diese zu bekommen war nicht leicht. "Man hat im Landratsamt natürlich nicht hunderte von Mitarbeitern, die man bei Bedarf aus dem Hut zaubern kann. Andere Arbeit musste liegenbleiben und die Personen erst einmal eingelernt werden." Regelmäßig gab es im Landratsamt "Krisenstabsbesprechungen", an der alle Beteiligten teilnahmen. "Das war sehr wichtig", meint Söder, "nur so kann man über den eigenen Tellerrand blicken und die besten Entscheidungen treffen." Personalintensiv war auch die Anordnung des Staatsministeriums, die verlangte, dass die Führungsgruppe Katastrophenschutz jeden Tag rund um die Uhr besetzt ist. "Erst Mitte Mai wurde auf die Präsenz an den Wochenenden und Feiertagen zugunsten einer Rufbereitschaft verzichtet", so der Verwaltungsbeamte.

Die Datenflut war enorm

Zu organisieren gab es viel, zu viel, um hier alles aufzuzählen. Nicht nur, dass die enorme Datenflut aus dem Ministerium zuerst einmal vor Ort bearbeitet und "ins Deutsche" übersetzt werden musste. "Allein in dieser Zeit kamen fast 1000 Protokolle, die umgesetzt werden mussten", so Söder. Auf einem eigenen "Covid-19-Laufwerk" auf dem Server des Landratsamts, auf dem jetzt zahlreiche Dateien gespeichert sind, wurde diese Verordnungsflut gebändigt.

Viel wichtiger war aber, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird. So wurden die so genannten "Vulnerablen Gruppen" mit Desinfektionsmitteln, persönlicher Schutzausrüstung usw. versorgt, die vom Landratsamt verteilt wurden. Hierzu gehörten unter anderem Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, aber auch Ärzte und Bestatter. "Dies musste organisiert werden und wir mussten erst einmal einen Workflow aufbauen, der funktioniert", erinnert sich Söder. Nachdem man hier Erfahrung gesammelt hatte, klappte am Ende auch alles reibungslos. Ebenso war es mit der Drive-Through-Teststation. Nach sorgfältiger Abwägung entschied man sich für diese. Vorteil: Eventuell Kranke bleiben separiert, da sie im eigenen Pkw sitzen, die Ansteckungsgefahr für andere wird auf ein Minimum reduziert.

Den Beauftragten für den Katastrophenschutz hat allerdings etwas geärgert, dass in manchen Medien beklagt wurde, dass eine "Blaupause" für die Corona-Pandemie fehlte: "Manche Dinge kann man nicht bis ins Detail vorher planen. Da hilft es nichts: Man muss improvisieren und selbst Lösungsmöglichkeiten austüfteln. Ein starres Korsett, in das man sich zwängen lässt, bringt nichts." Für ihn und sein Team war alles Neuland. "Da kann man nicht sagen: Machen wir es wie beim letzten Mal", meint Söder. Der Teufel stecke oft im Detail und nur durch Flexibilität ließen sich die Probleme lösen.

Wichtig war es für ihn, früh der erste zu sein, der kommt, und abends der letzte, der geht. "Nur so kann man am Ball bleiben und bekommt alle wichtigen Details mit", sagt der Brendlorenzener.

Kommt eine zweite Welle?

Natürlich weiß auch Gerald Söder nicht, ob es bei Corona eine zweite Welle gibt oder nicht: "Aber wenn es so weit kommt, dann hat man hier schon Erfahrung und auf das Material, das noch vorhanden ist, werden wir wohl auch zurückgreifen können". Außerdem sei auch die Bevölkerung dann nicht mehr unvorbereitet, wie zu Beginn der Krise.

Doch dass es so weit kommt, hofft Gerald Söder natürlich nicht. Denn auch so gibt es für den Beauftragten für den Brand- und Katastrophenschutz im Landratsamt genug zu tun. "Langweilig wird mir auf jeden Fall nicht", so Söder mit einem Schmunzeln.

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