Oberstreu

Der Zapfhahn bleibt jetzt zu beim 'Rassemus' in Oberstreu

Das Ende einer Wirtshaustradition: Helga und Roland Albert schließen den "Rassemus" in Oberstreu endgültig.
Das Ende einer Wirtshaustradition: Helga und Roland Albert schließen den "Rassemus" in Oberstreu endgültig. Foto: Eckhard Heise

"Wir hätten ja vielleicht wieder aufgemacht", sagt der 84-Jährige Wirt,"aber dann kam die Nachricht von der Geschäftsaufgabe der Brauerei, von der wir das Bier bezogen, und einen Lieferantenwechsel wollten wir nicht noch einmal mitmachen." "Und überhaupt sind wir in einem Alter, in dem wir auch ans Aufhören denken können", ergänzt die 81-jährige Ehefrau Helga.

Mit ganzem Herzen Wirtsleute

Dabei sei die Arbeit in der Wirtschaft durchaus keine Last gewesen, vielmehr waren sie mit ganzen Herzen Wirtsleute, beteuern die beiden. Außerdem war zuletzt nur noch zweimal die Woche geöffnet: Donnerstag und sonntags hieß es nach der Kirche unter ihren Stammgästen aus dem Dorf, "also wir treffen uns beim 'Rassemus' - so wurde die Wirtschaft im Dorf genannt. Der Name leitet sich von einem Vorfahren mit dem Namen Erasmus ab, erklärt Roland Albert.

Ludwig Erhard als entfernter Verwandter

Unter den Ahnen und deren Verwandtschaft gibt es ohnehin eine besondere Persönlichkeit: Dr. Ludwig Erhard ist ein entfernter Verwandter von Wirtin Helga. Wie ein Teil ihrer Vorfahren stammt der Vater des ehemaligen Bundeskanzlers und Wirtschaftsministers aus Rannungen, hat dann aber in Fürth ein Geschäft betrieben, wo auch der Politiker geboren wurde. Der war in den Sommerferien als Bub öfters mal in Oberstreu und auch im Wirtshaus.

Einst drei Wirtschaften im Ort

Aber das sei schon lange her und damals herrschte noch mehr Leben im Gastraum, erzählen die beiden. Drei Wirtschaften habe es immer in Oberstreu gegeben. Dort traf man sich nach Feierabend auf ein Bier und tauschte Neuigkeiten und den Dorftratsch aus – allerdings immer nur Männer. Oder Kinder - wenn sie mit einem Krug oder Kanne Bier für den Vater holen sollten.

Die Geschichte des Hauses reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, wie auf einem Schild am Eingang vermerkt ist. Vor ihnen hatten es die Eltern von Helga Albert bewirtschaftet, die schon als Kind öfters aushelfen musste, wie sie schildert. 1957 wurden die Innenräume vollkommen umgebaut und seit dem nicht mehr verändert. Außerdem besaß die Familie auch noch am Dorfrand eine Kegelbahn, die bis 1965 betrieben wurde, aber auch heute noch existiert und sogar noch ab und zu benutzt wird.

Einst gehörte ein Spar-Laden dazu

Unter dem selben Dach wie die Wirtschaft war auch noch ein "Spar"-Laden. Der war bis 1964 verpachtet. Dann übernahm Helga Albert die Regie und saß bis 2002 an der Kasse. Wenn abends der Laden zu hatte, ging es rüber in die Wirtschaft, die das Ehepaar 1985 von den Eltern übernommen hatten.

Ein Schild am Eingang weist die lange Geschichte der Wirtschaft aus.
Ein Schild am Eingang weist die lange Geschichte der Wirtschaft aus. Foto: Eckhard Heise

Am Tresen wechselten sich die Eheleute ab, die inzwischen drei Töchter hatten. Roland Albert arbeitete bei der Firma Reich in Mellrichstadt, und wenn er Nachtschicht hatte, hatte die Ehefrau Thekendienst. Dann waren beide schon mal 16 Stunden auf den Beinen. Denn so nebenbei wurde auch noch Landwirtschaft betrieben, ein großer Garten unterhalten, eine Streuobstwiese unterhalten und Schnaps gebrannt, der dann an die Gäste ausgeschenkt wurde.

Die Oberstreuer sind friedliche Leute

"Die viele Arbeit hat uns nichts ausgemacht, es war ein Vergnügen die Gäste zu bewirten, zu denen man sich auch an den Tisch setzte", sagen die beiden übereinstimmend. Die Oberstreuer seien ohnehin friedliche Leute, Wirtshausschlägereien habe es nie gegeben.

"Wir waren auch nur dreimal im Urlaub". Abwechslung vermissten die beiden nicht, die bot die Wirtschaft. Daher waren auch die Preise äußerst moderat: 1,40 Euro für das 0,4-Liter-Bier. "Wir wollten ja auch nicht mit der Wirtschaft verdienen", zumal allein mit dem Verkauf von Getränken ohnehin kein Staat zu machen sei. Speisen wurden aber nie angeboten, nur zum Fasching und zur Kirchweih gab´s Bratwurst und Sauerkraut. Daher ist der Betrieb einer reinen Ausschankwirtschaft finanziell wenig lukrativ.

Kein Interesse der Kinder

"Unser Töchter haben kein Interesse das Gasthaus weiterzuführen" - was sie angesichts der geringen Verdienstmöglichkeiten vollkommen verstehen – und verpachten lässt sich das Wirtshaus in heutiger Zeit erst recht nicht, zumal dann erhebliche Investitionen notwendig wären, berichten die beiden. Daher tue es ihnen schon sehr leid, dass sie ihr Wirtshaus aufgeben, "Wenn die Sache mit der Brauerei nicht wäre, hätten wir wahrscheinlich weitergemacht", sagen die beiden noch einmal mit Bedauern in der Stimme.                       

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