Merkershausen

Die Siebener: Feldgeschworener ist man lebenslänglich

Haben die Arbeit unterbrochen für ein Pressefoto: Heinrich Hahn (von links) und die Merkershäuser Feldgeschworenen Andreas Ziegler, Ruthard Kindermann, Hermann Sebald und Frank Schneider
Foto: Rudi Dümpert | Haben die Arbeit unterbrochen für ein Pressefoto: Heinrich Hahn (von links) und die Merkershäuser Feldgeschworenen Andreas Ziegler, Ruthard Kindermann, Hermann Sebald und Frank Schneider

Feldgeschworener kann nicht jeder werden. Sie sind in der Regel selbstständige Landwirte, lebenslänglich Geheiminsträger und verfügen über ein Zeitmanagement, das es ihnen erlaubt, fast jederzeit da zu sein, während andere von Berufs wegen unabkömmlich sind, wenn das Vermessungsamt sie ruft. Sie verfügen über ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, sind ehrlich und zuverlässig und in einem besonderen Zusammenhang verschwiegen bis ins Grab. Und ihnen ist eine hohe Sozialkompetenz eigen, leisten sie doch einen Dienst für ihre Mitbürger: Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit helfen sie Generationen-übergreifende Grenzstreitigkeiten vermeiden.

Es gibt viele Bezeichnungen für Feldgeschworene, Siebener beispielsweise oder „Steesetzer“. Doch was heißt da Steesetzer? Sie helfen mit bei Vermessungsarbeiten in der heimischen Flur. Sie setzen neue Grenzsteine und sorgen für die Justierung, wenn die Steine in Schieflage geraten sind.

Harter Job

Am neuen Radweg von Merkershausen nach Kleinbardorf mussten manche Grenzlinien neu gezogen oder verschoben werden. Diese Woche konnte man sie bei der Arbeit beobachten. Die vier Merkershäuser Feldgeschworenen Andreas Ziegler, Frank Schneider, Hermann Sebald, der erst im März um seine Ablösung als ihr Obmann bat, und sein Nachfolger Ruthard Kindermann. Unterstützt wurden sie von Heinrich Hahn und Heinrich Weber von der Flurbereinigungs-Genossenschaft Bad Königshofen und ihrem Schlepper samt Erdbohrer mit 300 Kilo Zusatzgewicht.

Hermann Sebald (links) hält das Senkblei, Frank Schneider demonstriert die Aufgabe des Magnetplättchens.
Foto: Rudi Dümpert | Hermann Sebald (links) hält das Senkblei, Frank Schneider demonstriert die Aufgabe des Magnetplättchens.

„Ohne den wären wir mit unserem Handgerät aufgeschmissen gewesen bei dieser Trockenheit und der Härte des Bodens“, zeigte sich Frank Schneider dankbar dafür, dass er so nicht noch länger von den Erntearbeiten abgehalten wurde. Grenzsteine, auch Marksteine oder Bannsteine genannt, sind hierzulande aus Granit und etwa 60 Zentimeter lang. Oben drauf sind Kennzeichnungen durch Einkerbungen eingemeißelt, welche die Grenzpunkte, Eck-, Knick- oder Knotenpunkte einer Flurgrenze anzeigen.  

Der Satellit hat das letzte Wort

Im vorliegenden Fall, bei dem unsere Aufnahme entstand, waren an völlig neuen Positionen Grenzsteine zu setzen. Der Grund: Die derzeitige Beschilderung und der Trassenverlauf des Radwegs, gleichbedeutend landwirtschaftlichen Nutzwegs, erlaubte einem Landwirt nicht die Zufahrt mit seinem Schlepper von der Straße über rund 15 Meter zu seinem Feld, was bisher auf dem dortigen Feldweg möglich war.

Um das Problem zu lösen, verkaufte ein Nachbar die nötigen Quadratmeter an die Stadt Bad Königshofen, die dort für den Landwirt einen Schotterstreifen anlegen wird. Demzufolge mussten neue Grenzpunkte im Maisfeld markiert werden. Das Vermessungsamt gab, wie bei allen neuen und gerade zu richtenden Marksteinen, die Position durch Pfähle und Markierungen vor, und die Feldgeschworenen führten die Maßnahmen aus. Wenn bei Satelliten-Aufnahmen aus dem All drei Mal die Position der Steine identisch war, wird sie vom Vermessungsamt als korrekt abgesegnet.

Heinrich Hahn unterstützte mit seinem Schlepper und dem Erdbohrer  der Bad Königshöfer Flurbereiningungsgenossenschaft die Aushubarbeiten.
Foto: Rudi Dümpert | Heinrich Hahn unterstützte mit seinem Schlepper und dem Erdbohrer der Bad Königshöfer Flurbereiningungsgenossenschaft die Aushubarbeiten.

Was ist unter dem Grenzstein verborgen?

Noch schwieriger war die Arbeit an den zehn von etwa 50 Grenzsteinen bis zur Gemarkungsgrenze der Kleinbardorfer Flur, die neu justiert werden mussten. Mit Pickel, Wiedehopfhaue und Schaufel musste der 60 Zentimeter tief sitzende Stein freigelegt und mittels Senkblei in die Senkrechte gebracht werden. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Siebener-Geheimnis ein kleines Stückchen gelüftet, das unter dem Grenzstein verborgen sein soll.

Wie denn das mit dem Senkblei funktioniere, fragte der  Reporter. Dabei bekam er in einem Plastikbeutel die von den Feldgeschworenen so genannten „Gelben Rüben“ gezeigt. Sie ähneln den Tees beim Golfspielen, die, ins Gras gesteckt, dem Golfball Halt geben vor dem Abschlag. Hier, unbedeutend größer, befindet sich unten eine im Boden zu versenkende Spitze, oben drauf ein Magnetblättchen mit einer bestimmten Farbe, mit der man es beim Ausgraben besser findet.

Sie nehmen ihre Geheimnisse mit ins Grab

Dass es noch ein anders sicheres Geheimnis gibt, versicherten Hermann Sebald und Frank Schneider mit einem verschmitzten Lausbubenlächeln. Es sei jedenfalls geeignet, einen Grenzfrevel zu verhindern oder ihn zu ahnden, sollten die Steinernen Zeugen einmal sträflicherweise versetzt worden sein.

Die Ehefrau dürfe aber doch das Geheimnis erfahren? „Keinesfalls“, stellt Hermann Sebald richtig, „das nimmst du mit ins Grab.“ Apropos mit ins Grab: „Feldgeschworener ist man lebenslänglich, bis zum Tod.“ Bad Königshofen habe deren sieben, Sulzfeld sechs und Merkershausen vier. Drei müssen es mindestens sein, beim Steine-Setzen mindestens zwei.

Und wie wird man Feldgeschworener?  „Wenn einer stirbt, beraten die anderen drei intern über einen Nachfolger und wählen ihn dann.“ Wenn sich alle Siebener aus dem Landkreis ein Mal im Jahr zu einer Tagung an einem Ort treffen, wird er vom Landrat vereidigt. So betrachtet, sind die Feldgeschworenen auch eine verschworene Gemeinschaft.

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