Mellrichstadt

Gedenk-Fußball verboten: Trauernde Fans oder Krawalltrupp?

Letzte Ehre: Die „Ultra“-Fangruppe des 1. FC Nürnberg wollte ihres in Ostheim verunglückten Mitstreiters mit einem Turnier in Mellrichstadt gedenken. Polizei und Stadt sperrten sich.
Foto: Steffen standke | Letzte Ehre: Die „Ultra“-Fangruppe des 1. FC Nürnberg wollte ihres in Ostheim verunglückten Mitstreiters mit einem Turnier in Mellrichstadt gedenken. Polizei und Stadt sperrten sich.

Stadt und Polizei in Mellrichstadt sperrten sich gegen ein Gedenkturnier, das dem tödlich verunglückten Nürnberger Ultra "Adi" zugute kommen soll.

Im Juni 2014 starb „Adi“ aus Mellrichstadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) bei einem Verkehrsunfall. Das Fußballerherz des 23-Jährigen hing am 1. FC Nürnberg; er fühlte sich der Fangruppe Ultras Nürnberg 1994 Sez. Unterfranken zugehörig. Seine Mitstreiter wollten ihm – ein Jahr nach dem Unfall – in seiner Heimatstadt mit einem Fußballturnier gedenken. Doch die Veranstaltung stieß auf unerwartete Widerstände.

Acht bis zehn Mannschaften sollten am 20. Juni am Gedächtnisturnier teilnehmen, schreiben die Ultras in ihrem Internet-Blog. Veranstaltungsort: der städtische Sportplatz. Ein idealer Ort in Nachbarschaft zu Adis Grab. Gemeinsam wollten die Club-Fans dorthin ziehen. Für den abendlichen Abschluss hatten sie bei der Stadt den Säulensaal der kommunalen Oskar-Herbig-Halle angefragt.


Die Verwaltung reagierte zunächst wohlwollend, teilt Bürgermeister Eberhard Streit auf Anfrage mit. Die Halle sei am 20. Juni nicht belegt, hieß es. Einwände gegen eine „kleine Gedenkfeier“ sah Streit nicht. Auch das „Freundschaftsturnier“ hielt die Verwaltung für unproblematisch. Das teilte man den Antragstellern – einer ist aus Mellrichstadt und einer aus Oberelsbach – sinngemäß mit. Verträge wurden nicht geschlossen.

Niemand ahnte laut Streit, dass es sich bei den Beteiligten um Ultras handelte. Als das im April durchsickerte, erkundigte sich die Verwaltung bei der Polizei. „Die riet dringend ab.“ Mindestens zwei Beteiligte gehörten zum „harten Kern“.

Streit kontaktierte seine Stadtratskollegen. „Wir haben alles abgewogen und schließlich Nein gesagt.“ Neben der Warnung der Polizei hätten für den Juni geplante Reparaturen an den Kunststoffbahnen des Sportplatzes diese Entscheidung mitgeprägt. Der Platz wäre währenddessen und danach gesperrt worden.

Polizei und Nürnberger Fanbetreuer bewerten das Gefahrenpotenzial der Ultras unterschiedlich. Die unterfränkische Polizei hinterfrage gewöhnliche Trauer- oder Gedenkfeiern nicht und erwarte dort generell keinen Alkoholmissbrauch, Straftaten und Ähnliches, so Sprecher Michael Zimmer. Im Mellrichstädter Fall hätten sich aber im Vorfeld „Hinweise darauf ergeben, dass es zu Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung kommen könnte“.

Die Einschätzung beruhe auf Wissen zur Gruppierung und ihrer mangelnden Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft. In Fußballstadien, auf Raststätten oder sonstigen Drittorten seien immer wieder erhebliche Störungen (Körperverletzung, Sachbeschädigung, Eigentumsdelikte, meist verknüpft mit Alkohol und Pyrotechnik) passiert.

Auch bestanden Zweifel, ob es sich um eine nicht-öffentliche Veranstaltung handelte. Die Polizei spricht von „'Verschleierungstaktik' oder bewusster Täuschung der Behörden“, da sich die Ultras nicht als Veranstalter zu erkennen gaben.

Sozialpädagoge Heino Hassler arbeitet fürs FCN-Fanprojekt in Nürnberg. Die Ultras seien „bekannt dafür, dass sie selten zu Ausfällen neigen“. Es gebe aber „zehn bis 20 Leute, die Scheißaktionen machen“.

Aber die beschränkten sich auf Pflichtspiele. Bei Gedenkturnieren brauche niemand fürchten, dass etwas passiere. Hassler kritisiert, dass Polizei und Stadt nicht vorher mit dem Fanprojekt gesprochen hätten.

Die Nürnberger Ultras verließen sich nach eigenen Angaben auf das anfängliche Wohlwollen der Stadt. Sie verschickten Einladungen; Gruppen aus Österreich, Schweden, Italien, Griechenland, Gelsenkirchen (Schalke) und Nürnberg sagten zu. Sie investierten viel Zeit und Geld.

Dann die Absage im April. Sie sei vor allem mit der (tatsächlich erfolgten) Sanierung des Platzes erklärt worden. Auch die Herbig-Halle durften die Ultras nicht nutzen. Begründung: Bei der „Gedenkfeier“ handle es sich um keine private, sondern um die des Ultra-Vereins. Der Saal werde „ausschließlich an Mellrichstädter Bürger für deren Feiern vergeben“. Die Ultras wichen nach Ostheim v.d. Rhön (Lkr. Rhön-Grabfeld) aus – den Unfallort. Sie bemühten sich um Sportplatz und -heim, vermieden den offiziellen Gang über Behörden. Den Zug zu Adis Grab strich man.

Die Rechnung ging nicht auf: Die Stadt als Grundstückseigentümer untersagte im Mai, Sportplatz und -heim an die Ultras zu vermieten.

In Lebenhan (Rhön-Grabfeld) fanden sie einen Ort, wo das Turnier dann stattfand. Auch wenn, laut Blog, „der Platz ein Acker“ war.

Die Veranstaltung verlief friedlich. Die Ultras sprechen nun von einem „beispiellosem Exempel polizeilicher Schikane“. Die Polizei sieht sich in ihrer Strategie bestätigt. Zur „Familienfeier mit Freunden“ in Lebenhan mit 100 bis 150 geladenen Gästen seien 300 Personen gekommen – viele überörtlich und aus dem Ausland. Eine Täuschung bezüglich Anzahl, Ablauf und Teilnehmermix. Mögliche Verstöße wegen Zündelns von Pyrotechnik würden geprüft.

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