Bad Neustadt

Glosse: segmenta 1.0

Glosse: segmenta 1.0
Foto: Annette Päsler

Unsere Heimat ist "Modellregion". Ob Ökologie oder Elektromobilität: Was bei uns passiert, liegt im Trend. Was passiert bei uns? Für erhebliche Unruhe sorgen zurzeit Gerüchte über ein "Kunst-Projekt", das sich zu einem waschechten Skandal ausweiten könnte. Ein sogenannter "Aktionskünstler", der sich zumindest im Dunstkreis unseres schönen Industriestädtchens einer gewissen Bekanntheit erfreut, hätte sich mit Vertretern der Gemeinde Wargolshausen in Verbindung gesetzt. Konspirativ, versteht sich. Außerdem wäre er an die Investoren jenes abgeblasenen Windparks herangetreten, dessen Fertigstellung bekanntlich von "Heimatschützern" verhindert worden war.

In den öden Fluren rings um die betroffenen Dörfer verschandeln seither zehn kreisrunde Betonfundamente samt tonnenschwerer Turm-Segmente die fränkische Kulturlandschaft. Daran dürfte sich in den nächsten Jahren wenig ändern. Imposante 45 Millionen Euro hat man für dieses Fanal des gescheiterten Klimaschutzes verplempert. Vielleicht aber auch nicht! Besagter Künstler sei nämlich auf eine geradezu geniale Idee gekommen: Er will die Bauruine, deren Ästhetik sich erst vom Flugzeug aus erschließt, in eine monumentale Konzept-Installation verwandeln.

Der etwas sperrige Arbeitstitel: "Die Provinz verweigert sich der Energiewende". Alternativ werde über "segmenta 1.0" nachgedacht. Wegen der Turm-Segmente. "segmenta" - klingt irgendwie nach "documenta", finden Sie nicht? Das Projekt setze innerhalb der Kulturszene neue Maßstäbe. Es weise Merkmale zeitloser Allgemeingültigkeit auf und spiegle allegorisch den Zeitgeist, so der Maestro. Denn liegt die Welt auf globaler Ebene zurzeit etwa nicht in Trümmern?

Kommerziell eröffne die "segmenta 1.0" neue Chancen. Rhöner Bier, Bionade, fränkische Teewurst – das ganze Zeug ließe sich im Zeichen der Kunst doch viel besser vermarkten. Notfalls virtuell. Kein Wunder, dass die Granden dem Projekt "offen" gegenüberständen. Ein paar lustige Info-Tafeln aufstellen, ein paar Würstchenbuden zusammenzimmern - schon könnten brave Bildungsbürger anrollen. Und aus Brüssel winken Fördermittel. Wie immer. Das Projekt dürfte sich zu einem echten Alleinstellungsmerkmal entwickeln.

Genau wie unser öffentlicher Nahverkehr. Vom Flugplatz in Saal könnten "Discovery Flights" starten; man könnte Jugendliche aus der lokalen Graffiti-Szene dazu anstiften, die Betonteile bunt zu beschmieren und sie dadurch permanent neu zu erfinden. Kunst lebt! Für die Dorfjugend wäre das ein Segen. Endlich eine Alternative zu Feuerwehr, Fußballverein oder sogenannten "Jugendräumen", die nach den ersten Alkoholexzessen ohnehin wieder geschlossen werden. Das visionäre Projekt böte die Möglichkeit, sich abseits biederer Jugendarbeit auch kulturell zu entfalten. Cool! Bislang war das nur beim "Poetry Slam" der Kulturwerkstatt möglich. "Was die Maulaffe da unne in Kassel mit ihr scheiß documenta könne, des könne mir Wülfershäuser scho lang", hätte sich ein Ureinwohner unter völliger Verkennung der geographischen Situation spontan geäußert.

Ein Hygiene-Konzept für die fulminante Eröffnung stehe bereits. Vor dem Hintergrund der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus dürfte der Bischof von Würzburg die ihm angetragene Schirmherrschaft wohl "freudig" übernehmen. Seine Exzellenz sei schon ganz gespannt auf die Wülfershäuser "Schäfchen". Nur unsere "tapferen Volksvertreterlein" Steffen Vogel (CSU) und Gerald Pittner (FW) werden wegen "Terminüberschneidungen" wohl wieder kneifen. Typisch! Dabei steht noch gar kein Termin. Auch der Landrat "könne" nicht. Er weile während der Eröffnungsfeier "definitiv" in Ungarn. Auf der Pirsch! Man muss sich das vorstellen.

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