Irmelshausen

Irmelshausen: Burschenverein rettete den historischen Brauch

Nur kurz hielt Marvin Müller vom Burschenverein die Standarte mit den vielen bunten Bändern.  
Foto: Hanns Friedrich | Nur kurz hielt Marvin Müller vom Burschenverein die Standarte mit den vielen bunten Bändern.  

Ein etwas ungewöhnliches Bild zeigte sich am Pfingstmontagmorgen am Badessee in Irmelshausen. Ein einsamer Reiter, der mit seinem Pferd um den  See unterwegs war, der von in Tracht gekleideten  Mädchen mit einer Standarte, die aus vielen bunten Bändern besteht beobachtet wurde. Zugegen war auch Freiherr Hans von Bibra mit seiner Frau Yvonne sowie einigen Gästen. Mehr ging heuer leider nicht beim traditionellen Spitzenreiten, bei dem normalerweise mehrere Reiter um den See galoppieren. „Die Corona Pandemie hat das leider zum zweiten Mal nicht zugelassen, in diesem Jahr noch verschärfter als 2020“, sagt Marvin Müller, der Vorsitzende des ausrichtenden Burschenvereins. „Damit aber konnten wir den jahrhundertealten Brauch retten, denn würde er einmal nicht stattfinden, ist er für immer verloren“, glaubt Müller. 

Eine Fahnenstange mit 92 bunten Bändern

Im letzten Jahr waren es mit Levin Müller und Bernd Sturdza noch zwei Reiter, die hoch zu Roß in aller Ruhe rund um den See ritten. Diesmal war es nur Marvin Müller, der traditionell dann das Geldpräsent von Freiherr Hans von Bibra überreicht bekam und kurz die bändergeschmückte Standarte unter dem Beifall der wenigen Zuschauer für ein Bild von den Konfirmandinnen überreicht bekam. Das ist eine Fahnenstange mit 92 bunten und teils bestickten Bändern, die bis zu 100 Jahre alt sind. Die Mädchen waren am Tag zuvor, wie es Tradition in Irmelshausen ist, von Haus zu Haus gegangen und hatten die Spitze gezeigt. Freiherr von Bibra und Marvin Müller zeigten sich optimistisch: „Vielleicht können wir 2022 wieder ein ganz normales Spitzenreiten rund um den Badesee mit vielen Gästen und anschließendem gemütlichem Beisammensein abhalten.“

Das obligatorische Gruppenbild zum Spitzenreiten: (von links) Laura Scheller, Marvin Müller, Freiherr Hans von Bibra und die Konfirmandinnen Nina Mauer, Sarah Werner, Leni Wiener, Lisa Süß und Sophie Bauer.
Foto: Hanns Friedrich | Das obligatorische Gruppenbild zum Spitzenreiten: (von links) Laura Scheller, Marvin Müller, Freiherr Hans von Bibra und die Konfirmandinnen Nina Mauer, Sarah Werner, Leni Wiener, Lisa Süß und Sophie Bauer.

Das Pferd, das auf den Namen Kaprina hört, wurde in diesem Jahr von Laura Scheller aus Irmelshausen zur Verfügung gestellt. Normalerweise trainieren ja die Teilnehmer des Spitzenreitens in der Reithalle am Gut Rothof. Das fiel heuer natürlich aus. 

 Es sei wichtig, dass dieses Spitzenreiten weiter geführt wird, selbst zu Coronazeiten, wenn auch in etwas abgeänderter Form, sagte Freiherr von Bibra. Mit dem sogenannten Spitzenreiten hielten die Irmelshäuser wie seit Jahrhunderten einen Brauch wach, der wohl einst von den Knechten des Schlossherrn durchgeführt wurde. In Irmelshausen heißt es aber auch, dass es sich dabei um einen germanischen Fruchtbarkeitsritt über die Felder und Fluren handeln könnte. Von Bibra weiß, dass dieser Brauch seit Jahrhunderten eng mit der Familiengeschichte verbunden ist. Früher wurden die Knechte eines Schlosses im Reiten unterrichtet und dann auch mit in den Krieg genommen. In späteren Jahren wollten die Burschen bei Wettkämpfen zeigen, wie gut sie auf den Pferden reiten.

Nur die unverheirateten Burschen des Dorfes dürfen mitmachen

Es könnte aber auch sein, dass das Spitzenreiten mit dem thüringischen Dorf Mendhausen in Verbindung gebracht wird. Hier gibt es urkundliche Hinweise, dass das Spitzenreiten zwischen Mendhausen in Thüringen und Irmelshausen stattfand. Als allerdings eine neue Straße gebaut worden war und es zu einem schweren Unfall kam, wurde die Strecke zum Badesee und dort auf dem Rasen verlegt. Wer glaubt, dass in Irmelshausen jeder bei diesem ungewöhnlichen Brauch mitreiten darf, der irrt. Lediglich die unverheirateten Burschen des Dorfes haben die Möglichkeit an dem Wettreiten auf ungesattelten Pferde teilzunehmen.

Auch Zugezogenen wird das nicht verwehrt, allerdings müssen sie fünf Jahre im Dorf ansässig sein. Ältere Irmelshäuser wissen, dass es vor Jahrzehnten Brauch war, dass Teilnehmer des Spitzenreitens, die im gleichen Jahr heirateten, 80 Pfennig zahlen mussten. Einer, der aus dem Dorf ausgezogen ist, hatte 40 Pfennig zahlen und die Gemeindekasse legte 70 Pfennig dazu.

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Rhön-Grabfeld und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Irmelshausen
Hanns Friedrich
Coronazeiten
Covid-19-Pandemie
Familiengeschichte
Germanen
Hochzeiten
Mädchen
Pfingsten
Reiten
Reithallen
Traditionen
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!