OBERSTREU/ANTANANARIVO

Lichtblicke für Madagaskar

Eine Idee geht um die Welt: Der Oberstreuer Manoel Fick (Zweiter von links) unterstützt zurzeit Straßenkinder in Madagaskar. Bei dem Projekt „Liter of Light“ werden alte PET-Flaschen zu ungewöhnlichen Leuchtquellen umfunktioniert. In mehreren Arbeitsschritten werden die geöffneten Flaschen (oben) auf ein Blech geklebt und zu einem Bausatz zusammengefügt. Das oben in die Flasche dringende Licht wird nach unten in die Wohnräume der Wellblechhütten weitergeleitet. So gibt es stundenweise Licht für Menschen, die kein Geld für einen Stromanschluss haben.
Foto: Fotos (3): Klaus Heimer | Eine Idee geht um die Welt: Der Oberstreuer Manoel Fick (Zweiter von links) unterstützt zurzeit Straßenkinder in Madagaskar.

Der 24-jährige Technische Zeichner Manoel Fick aus Oberstreu hat seinen Arbeitsplatz in Bad Neustadt aufgegeben, um auf der fernen Tropeninsel Madagaskar sechs Monate im Dienst von Straßenkindern Gutes zu tun.

Nach dem Realschulabschluss in Mellrichstadt hat der handwerklich versierte junge Mann an der Fachoberschule in Bad Neustadt das Fachabitur im sozialen Bereich gemacht, ein Jahr beim Malteser Hilfsdienst seinen Zivildienst und dann in Bad Neustadt eine Lehre als Technischer Zeichner mit einem Berufsjahr als Facharbeiter absolviert.

„Danach wollte ich einfach einmal raus in die Welt, etwas Anderes sehen und meine Kenntnisse an junge Menschen weitergeben.“ Gesagt, getan.

Gemeinsam mit Freundin Elisabeth Denzel, die bereits ein Jahr in einem Waisenhaus auf Madagaskar tätig war, wurde das Internet durchforstet. „Wir sind dann schnell auf den Berliner Verein „Zaza Faly“ (bedeutet „Zufriedenes Kind“) gestoßen, der bereits seit 20 Jahren in der Heimat von Pfeffer und Vanille Straßenkinder betreut und ihnen auch eine Berufsausbildung ermöglicht.“

Manoel Fick arbeitet nun in Antananarivo in der Schreinerwerkstatt mit, Elisabeth Denzel, die soziale Arbeit studiert, hilft im angegliederten Sozialzentrum. Bereits die Anfahrt per Sammelbus von der Innenstadt der Millionenmetropole zum Vorort Alasora, wo rund 30 Jugendliche aus ärmsten Verhältnissen im Holz- und Metallbereich ausgebildet werden und auch Sprachunterricht erhalten, ist für Manoel Fick stets ein Erlebnis. 32 Personen haben offiziell einen Sitzplatz, Gepäck, Hühner und Kinder nicht eingerechnet. „Die Madagassen sind meist einen Kopf kleiner als ich, auf sie sind auch die Sitzplätze zugeschnitten“, sagt der Hüne schmunzelnd.

Skateboards für die Madagassen

Die Begrüßung im Zentrum, wo die Schützlinge auch wohnen, ist stets herzlich. Manoel Fick kommen die ersten Worte in der Landessprache Malagasy bereits flott über die Lippen. Zudem hat der begeisterte Skateboardfahrer zwei „Bretter“ aus seiner Heimat für die jungen Leute mitgebracht.

Ein ganz besonderes Anliegen ist ihm, den Jugendlichen und möglichst vielen Familien die Aktion „Liter of Light“ näherzubringen, die der frühere deutsche Entwicklungshelfer und Gründer des Straßenkinderprojektes, Uwe Marschall aus Usedom, im Frühjahr 2014 auf die Insel gebracht. Auf den Philippinen und in Brasilien ist die Aktion bereits etabliert.

Manoel Fick: „Ein Liter Licht soll den Menschen zumindest schon mal am Tag Licht in die meist dunklen und schummrigen Wellblechhütten bringen – ohne Strom und Abfall.“ Die Idee, PET-Flaschen in Glühbirnen umzufunktionieren, sei genial einfach. Eine Plastikflasche werde mit Wasser und einem Schuss Bleichmittel gefüllt und anschließend in das Wellblechdach der Hütte eingebaut, so dass die obere Hälfte herausrage. Das Wasser in der Flasche diffundiere jetzt das Tageslicht in den Raum unterhalb. Die Leuchtkraft entspreche einer 55 Watt Glühbirne, ohne dabei Hitze zu entwickeln.

Der Gedanke des Prinzips gehe auf den brasilianischen Mechaniker Alfredo Moser zurück, der dem Inhalt der Flaschen Bleichmittel hinzufügte, um dem Algenwachstum vorzubeugen. 2011 wurde eine Europainitiative in der Schweiz gegründet, seit 2012 ist „Liter of Light“ in Deutschland aktiv. Auf den Philippinen werden die Lichtquellen in großen Mengen in Gefängnissen gebaut und an die Bevölkerung abgegeben.

Uwe Marschall hat in der Hauptstadt Antananarivo mit der Idee der kostenfreien Lichtzufuhr offene Türen eingerannt. Mitglieder der angegliederten Schreinerwerkstatt des Sozialzentrums „Manda“ (bedeutet „Schützende Burg“) sind einmal in der Woche für „Liter of Light“ tätig, fertigen die Lichtquellen an und installieren diese auch auf den Dächern. Das dafür benötigte Recyclingmaterial wird in der Millionenmetropole, die pro Tag zwischen 700 und 1000 Tonnen Abfall produziert und im Müll ertrinkt, zusammengesucht.

Uwe Marschall hat den Anschub gegeben und die Erstausstattung sowie benötigte Werkzeuge bereitgestellt. „Damit die das Tageslicht leitenden Flaschen in möglichst hoher Stückzahl hergestellt und kostenfrei abgegeben werden können, sollen nun in Deutschland Unterstützer gesucht werden.

Simple Idee

In Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen wollen Marschall und sein Team um Manoel Fick weitere Personenkreise in die Herstellung einbinden und dafür auch entlohnen, um „Liter of Light“ möglichst schnell bekannt zu machen. „Die Idee ist simpel, aber effektiv. Zudem kann sich niemand daran bereichern. „Wir wollen Menschen helfen, die kein Geld für einen Stromanschluss haben.“ Die jungen Schreinerlehrlinge , die aus ärmsten Verhältnissen kommen, sind mit Feuereifer bei der Sache und tragen dabei stolz die T-Shirts, die ihnen Marschall mitgebracht hat. Tafitasoa, Fano, Jean Yves oder Jean Aimé entwickeln schon Routine bei der Herstellung des Sets.

Lediglich 23 Prozent der Bevölkerung der Tropeninsel haben Zugang zu Elektrizität. Damit steht das Land afrika- und weltweit fast am Ende der Skala. Die kostenlose Kraft der Sonne wird noch zu wenig genutzt.

Das Straßenkinderprojekt „Manda“ wird tagtäglich mit nahezu allen Problemen konfrontiert, die die bitterarme Bevölkerung treffen. Eine fast fünfjährige Putschistenregierung eines Ex-DJ, dessen Mafia das Land in Rekordzeit ausgeplündert hat, hat zu einem wirtschaftlichen Stillstand geführt und die Armutsquote von 2009 bis 2013 von 68 auf 92 Prozent hochschnellen lassen. Da bleibt kein Geld für den Anschluss an die Wasser- und Stromversorgung, die von dem maroden Staatsunternehmen Jirama mehr – oder genauer weniger – sichergestellt wird.

Manoel Fick: „Somit ist Liter of Light für diesen Personenkreis geradezu ideal. Die Familien der rund 300 betreuten Straßenkids sind somit auch die ersten Empfänger der Lichtspender“, freut sich der Oberstreuer. Die Lichtspender haben eine Lebensdauer von fünf Jahren, das schafft keine Glühbirne.“ 1,50 Euro kostet ein Lichtsatz, Nachfolgemodelle für fünf Euro sind sogar mit kleinen Solarmodulen ausgestattet, welche auch vier Stunden Nachtbeleuchtung zulassen.

ONLINE-TIPP

Mehr Infos zur Aktion:

www.visionbakery.com/literoflight

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