MELLRICHSTADT

Nostalgie am Schienenstrang

Obwohl das Bockerle nun zwischen Mellrichstadt und Fladungen unterwegs ist, ist es eigentlich eher ein "Königshöfer Gewächs"
Anlässlich der Wiedereröffnung der Nebenstrecke Mellrichstadt Fladungen als Museumsbahn werden Erinnerungen wach, die sich um die wieder hergestellte Dampflok 98 886, dem sogenannten "Künsüfer Bockerle" (Königshöfer Lok) spinnen.

Der Spitzname "Bockerle" war die Bezeichnung im Eisenbahner-Jargon, weil die kleine Dampflok auch ihre Mucken hatte und ab und zu störrisch wie ein bockiger Esel stehen blieb. Da ihr Einsatzgebiet zum größten Teil ihres Daseins die Nebenbahn-Strecke Bad Neustadt/Saale - Bad Königshofen war, wars eben "es Könzüfer Bockerle".

Ja wenn das "Bockerle" erzählen könnte? Viel erlebt hat es in seinem bisherigen Leben. War es doch lange Zeit wichtigstes und nahezu einziges Verkehrsmittel im Grabfeld. Busse gab es kaum und Pkw waren dünn gesät. Die meisten Güter wurden mit der Bahn befördert und die örtlichen Spediteure lieferten die Güter ins Haus. Getreide, Kartoffeln und vor allem die Zuckerrüben im Herbst machten den Einsatz von Güterzügen auf der Königshöfer Strecke notwendig, die es heute überhaupt nicht mehr gibt. Ein gut frequentierter Radweg führt heute über die ehemalige Bahntrasse. Bei solcher Betriebsamkeit und Auslastung kam dann eben vor, dass dem "Bockerle" der Dampf ausging und es mitten auf der Strecke stehen blieb. Bei einer Heimfahrt nach Dienstschluss passierte es, ein Folgeschaden eines Tiefflieger-Angriffes im letzten Kriegsjahr, als der Tender leck war und das Wasser davon lief. Ruckartig "zuckelte" das Bähnle Richtung Königshofen und erreichte mit Mühe die Haltestelle Saal an der Saale. Dort stand zum Glück in unmittelbarer Gleisnähe ein Hausbrunnen,  Von dem wurde durch Zugbegleiter und Reisende, meist Pendler, die von der Arbeit nach Hause wollten, eine Kette mit Eimern, die auf die schnelle in der Nachbarschaft zusammen getrommelt wurden, gebildet und das kostbare Nass wanderte von Hand zu Hand in den löchrigen Tender. Es hat dann gerade ausgereicht, den Endbahnhof Bad Königshofen zu erreichen.

Ein andermal verließ das "Bockerle" in Höhe der Fürstenmühle in Kleineibstadt einfach den vorgegebenen Schienenstrang und sprang aus den Gleisen. Dieser Aufenthalt war von Zuginsassen nicht zu beheben und es bedurfte des Einsatzes der Einhebe-Kolonne des Bws Schweinfurt um das "Bockerle" wieder auf den rechten Weg zu bringen. Für die Fahrgäste gab es damals noch keinen Schienen-Ersatz in Form eines Busses. Sie mussten Eigeninitiative ergreifen, um nach Hause zu kommen. Ein weiteres blutiges Erlebnis der kleinen Dampflok war sicher, trotz Vollbremsung, das Hineinfahren in eine auf dem Gleis ruhende Schafherde. Mehr als ein halbes Dutzend Tiere blieben auf der Strecke. Dabei muss man zur Geschwindigkeit des "Grabfeldblitzes" sagen, dass sie nicht sehr hoch war, denn noch der letzte Zug bei Einstellung des Dampfbetriebes auf der Strecke nach Königshofen wurde mit dem Hinweis verabschiedet, dass das Blumen pflücken während der Fahrt, auch wenn es die letzte ist, nicht gestattet ist.

Ja, es hat viel erlebt, das "Bockerle", bevor es aus dem Verkehr gezogen und, als Denkmal der Dampflok-Ära vor dem Schweinfurter Hauptbahnhof postiert, den Eisenbahnfans als Fotoobjekt diente. Von dort wurde ihm durch die Initiative des Landrats im Dampflok-Ausbesserungswerk Meiningen neues Leben eingehaucht. Es dampft nun wieder und es fährt wieder mit eigener Kraft. Sicher zur Freude besonders der Kinder und sicher derer, die mit ihm alt geworden sind. Alfred Mauer

Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Rhön-Grabfeld und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!