Mühlbach

Traue keiner digitalen Zahnbürste

Die digitale Zahnbürste wurde Referent Ernst Schulten ziemlich suspekt, als sie sich mit seinem PC vernetzte.FOTO: Brigitte Chellouche
| Die digitale Zahnbürste wurde Referent Ernst Schulten ziemlich suspekt, als sie sich mit seinem PC vernetzte.FOTO: Brigitte Chellouche

Vorträge gibt es viele, auch interessante, doch dieser Vortragsabend im Gemeindehaus Mühlbach wird den Zuhörern wohl noch lange im Gedächtnis bleiben.

Unter anderem auch, weil Referent Ernst Schulten von der Hochschule Aschaffenburg einerseits launig und mit viel Elan durch die digitale Welt führte, andererseits aber schonungslos Schwachstellen in sozialen Netzwerken wie Facebook und WhatsApp offenlegte. Die sogenannte „Privatsphären-Einstellung“ wird so ad absurdum führt.

Irritierend, faszinierend und erschreckend – drei Schlagworte, die gut zu den Ausführungen von Schulten passen, der auf Einladung der Wirtschaftsjunioren Rhön-Grabfeld nach Mühlbach kam.

Der Experte für „Webhygiene“ zeigte anonyme, aber reale Fälle von Identitätsdiebstählen aus dem Netz. Fotos von jungen Frauen werden bei Facebook gestohlen und auf Porno- oder Datingseiten veröffentlicht. Auch Politiker werden nicht verschont. Auf einer dieser Seiten ist Ministerin Ilse Aigner zu sehen.

Google als Dreh- und Angelpunkt

„Sein Haus mit dem Smartphone zu steuern, ist gefragt“, weiß der Referent. Via Google könnten dann aber auch andere sehen, dass niemand zu Hause ist. Das sollte zu denken geben, so Schulten. Besonders über die neuerdings gefragten Armbänder, die Daten sammeln, könne Google Fakten abgreifen und weitergeben. Man bekommt Werbung dann plötzlich zum Abnehmen oder für Medikamente. „Sie sind eine Katastrophe“, findet der Referent.

Die Funktionalität einer Brille mit Kamera sei genauso brisant wie „Streetview“ von Google, wo Menschen unverpixelt gezeigt werden – manchmal in prekären Situationen.

In einem fiktiven Profil zeigte Schulten auf, wie Google und Facebook arbeiten. Sie greifen ineinander. Beim Öffnen einer Seite wie Zalando oder Amazon laufen im Hintergrund die „Tracker“ zu Höchstform auf. Sie vernetzen sich untereinander. Schultens Beispiel: Bei der Bestellung einer Damenhose in Größe 46 via Internet poppt gleich eine Werbung für eine Diät zum Abnehmen auf oder es werden Schuhe dazu angeboten. Dazu sind die „Tracker“, die Spione, da. Sie kundschaften die betreffende Person und ihre Wünsche aus.

„Die Menschen werden in eine digitale Schublade gelegt. Diese Schublade entscheidet auch die Preise, die ihnen bei Käufen vorgegeben werden“, erklärte der Referent. Mac-Besitzer erhalten oft teurere Angebote für Leistungen, die anderen günstiger angeboten werden. Schulten zeigte Beispiele. Die Zuhörer waren verblüfft. „Google weiß alles. Man bekommt nur dem Profil entsprechende Artikel angeboten.“

Eine heiße Kiste

„Eine heiße Kiste“ seien auch Babybilder einer Klinik mit Namen der Eltern. Schulten machte ein Experiment. Er googelte die Adressen der Eltern, verschickte einen Brief an sie mit dem Briefkopf der Klinik – freilich aus dem Internet entnommen – und bat um Zahlung einer Gebühr. Alle bezahlten. Hinterher klärte Schulten die Betroffenen auf und schickte das Geld wieder zurück.

Auch der Kurznachrichtendienst „WhatsApp“ kam bei Schultens Vortrag nicht gut weg. „WhatsApp eignet sich nicht für die Übertragung brisanter Daten. Jeder Chatverlauf wird gespeichert und kann nachgelesen werden“, warnte der Fachmann. Man könnte zwar „Cookies“ löschen, führte Schulten weiter aus, dann bekomme man aber nur noch Laufzeilen und keine Seiten mehr.

Recht lustig wurde es, als er von dem Weihnachtsgeschenk seiner Frau erzählte. Er hatte eine digitale Zahnbürste mit Bluetoothfunktion bekommen. Sie vernetzte sich mit seinem PC. Als er jedoch in der Anleitung las, er solle den Fotoapparat und das Mikrofon aktivieren und – falls er einen Herzschrittmacher trage – eine größere Entfernung einhalten, legte er die Zahnbürste gleich wieder weg.

Weitere Infos unter www.webhygiene.de

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