Großbardorf

Unterricht beim Pferdeversteher

Sich Zeit nehmen ist wichtig: Das Pferd muss sich erst mal orientieren und sich davon überzeugen, dass von den ausgelegten Streifen des Quadrats keine Gefahr ausgeht.
Foto: Regina Vossenkaul | Sich Zeit nehmen ist wichtig: Das Pferd muss sich erst mal orientieren und sich davon überzeugen, dass von den ausgelegten Streifen des Quadrats keine Gefahr ausgeht.

Das Pferd ist stärker als der Mensch, wenn es durchgeht, kann das tödlich enden, wie der jüngste Kutschenunfall bei Bergrheinfeld zeigt. Ein spezielles Training kann dafür sorgen, dass es den Tieren körperlich gut geht und auch die Schreckhaftigkeit etwas nachlässt, ganz verhindern lassen sich durch die Equikinetic Unfälle aber natürlich nicht.

„Das Pferd ist ein Fluchttier, deshalb hat es in der Evolution so lange überlebt. Es ist aber auch ein Herdentier und akzeptiert den Menschen, wenn die Kommunikation funktioniert“, sagt Pferdetrainer Kurt Stumpf aus Münnerstadt. Der gab in der Reithalle in Großbardorf einen Einblick in die so genannte Equikinetic, die so etwas wie Gymnastikübungen für Pferde ist und die Tiere „lockerer“ machen soll.

Sieben Pferden und einer Zuschauergruppe zeigte Stumpf die Anfangsübungen innerhalb eines effektiven Programms, das die Muskeln lockert, aufbaut und es dem Pferd ermöglicht, seine eigene Balance zu finden. So bleiben die Tiere lange gesund und tragen den Reiter leichter. Das Pferd mit seinen Urinstinkten zu verstehen und sich entsprechend zu verhalten, das erfordere Wissen und Übung, so der Trainer.

„Mit der Gerte zuschlagen kann jeder, aber das Pferd von etwas zu überzeugen, ist was anderes.“

Die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter zu verbessern und eine gute Partnerschaft zu pflegen, das ist das Ziel, das Stumpf vermitteln will. Gewalt ist für ihn keine Option. „Mit der Gerte zuschlagen kann jeder, aber das Pferd von etwas zu überzeugen, ist was anderes.“

Stumpf setzt auf Ruhe, Konsequenz und Beharrlichkeit. Zeit muss der Pferdebesitzer investieren, das Handy einmal weglegen und dem Tier das Gefühl geben, dass es jetzt die Hauptperson ist, respektiert und geführt wird. Dabei sollte man wissen, dass durch Wiederholungen Verbindungen im Gehirn geschaffen werden. Der Führende muss durch seine innere Ruhe dem Pferd als Fluchttier zeigen, dass alles in Ordnung ist und es dem Menschen vertrauen kann.

Was der Trainer gern abschaffen möchte, ist Zaumzeug mit schweren Haken und Ringen, die dem Tier bei jeder Bewegung an die Nase tippen, eine unangenehme Wirkung entfalten und eine zusätzliche Ablenkung bedeuten. Ein weiches Halfter mit einem zierlichen Führring nutzt der Pferdeversteher für die Equikinetik und zeigt, wie man das Pferd dazu bringt, den ersten Schritt zu machen, oder, wie man durch Zupfen an der Longe die Aufmerksamkeit zurückgewinnt.

Mit Hilfe einer Fahne beim Aufwärmen soll die rechte und die linke Gehirnhälfte des Pferdes aktiviert werden, damit es auch auf plötzlich erscheinende Gegenstände vorbereitet ist und nicht in den Fluchtinstinkt verfällt. Geduld braucht man eben im Umgang mit den anmutigen Vierbeinern, auf deren Rücken ja sprichwörtlich das Glück der Erde liegen soll. Und so lässt er das Pferd das ungewohnte Quadrat am Boden erst einmal ausgiebig betrachten. Blau und Gelb erkennen die Pferde, deshalb liegen in der Acht-Meter-Quadrat-Volte, die er benutzt, Bahnen in diesen Farben.

Wie auf Schienen wird das Pferd durch die Bahnen geführt, eine Minute rechts herum, eine Minute links herum, dazwischen gibt es eine kurze Pause. Dabei dehnt und biegt sich das Tier, setzt die Hinterhand in den Kurven richtig unter den Körper und baut Verspannungen ab.

Was ganz einfach wirkt, ist eine effektive Gymnastik, die jeder Pferdebesitzer selbst durchführen kann. „Es gibt immer mehr Freizeitreiter, die müssen dann kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nur am Wochenende ausreiten können“, sagt Stumpf. Wenn ein Tier Muskelverspannungen oder Arthrose hat, bekommt es Rückenschmerzen, wenn es das Gewicht des Reiters tragen muss, macht der Ausritt bestimmt keinen Spaß.

Das Equikinetic-Training sei ohne großen Aufwand durchzuführen und halte die Tiere in gesunden Bewegungsabläufen, macht der Trainer klar. Dann könne es auch den Reiter besser ausbalancieren und freue sich auf den nächsten Ausritt. Warum man nicht vor der Schulter des Pferdes laufen sollte, dass sich Wallache und Stuten unterschiedlich benehmen und, wie wichtig die Körpersprache des Menschen ist, lernen die Zuschauer obendrein. Das Training wird langsam begonnen, dann kann man das Tempo steigern.

Wie unterschiedlich die Tiere reagieren, zeigen die verschiedenen Durchläufe. Das erste Pferd neigt zum Steigen, es ist „explosiv“ und lässt sich nicht gern führen, absolviert dann aber die Übungsabläufe ganz souverän, nachdem es den Trainer akzeptiert hatte.

Der zweite Kandidat, ein „schlaues Bürschle“, wie Stumpf den Shettie nannte, versucht, die Trainerin zu überlisten, Nummer drei ist ganz konzentriert, zeigt dann deutlich, dass es jetzt keine Lust mehr hat, lässt sich aber zu einer letzten Runde überreden. Und: Es gebe Tiere, die lassen sich nicht unterordnen, machte Stumpf deutlich, da müsse vor allem an der Kommunikation gearbeitet werden, was schon Richtung „Pferdeflüsterer“ gehe.

Wie gut den Tieren die „Pferdegymnastik“ bekommen ist, berichtet eine der Teilnehmerinnen. Ihr Pferd habe sich nach dem Training gleich auf der heimischen Wiese gewälzt und gezeigt, dass es sich richtig wohl fühlt.

Equikinetic

Bei der Equikinetic erhält das Pferd durch die Quadratvolte einen Rahmen zum korrekten Laufen. So wird das Pferd in der Innenstellung darauf trainiert im Genick locker zu werden und lässt sich beim Reiten sehr viel leichter stellen und biegen. In der Quadratvolte muss das Pferd mit dem inneren hinteren Bein Last aufnehmen, wodurch wiederum die Muskulatur gestärkt wird. Vorteile sind: Die Tiefenmuskulatur zur Gelenkstützung wird gestärkt, die Oberflächenmuskulatur wird richtig trainiert, Dysbalance in der Muskulatur wird ausgeglichen und korrigiert, Aufmerksamkeit und Konzentration werden gefördert, das Pferd wird geradegerichtet und ganzheitlich trainiert, es kann den Reiter leichter tragen. Auch in trainingsschwachen Zeiten wird mit geringeren Zeitaufwand die Muskulatur erhalten, die Faszien behalten ihre Elastizität. (Quelle: www.pferdetraining-dual.de)
Respekt und Kommunikation: Einen Equikinetic-Kurs hielt Trainer Kurt Stumpf in Großbardorf, mit von der Partie waren Teilnehmer und Zuschauer aus der ganzen Region. Hier ist „Pünktchen“ mit Hanna Beckenbauer an der Reihe.
Foto: Regina Vossenkaul | Respekt und Kommunikation: Einen Equikinetic-Kurs hielt Trainer Kurt Stumpf in Großbardorf, mit von der Partie waren Teilnehmer und Zuschauer aus der ganzen Region.
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