Ostheim

Wagnereimuseum der Familie Stapff in Ostheim bleibt geschlossen

Letzter Blick in die Werkstatt: Eine vollständige Ausstattung aus der Zeit um 1920 zeigte das Wagnereimuseum in Ostheim, das nun seine Pforten geschlossen hat.
Foto: Eva Wienröder | Letzter Blick in die Werkstatt: Eine vollständige Ausstattung aus der Zeit um 1920 zeigte das Wagnereimuseum in Ostheim, das nun seine Pforten geschlossen hat.

Das Wagnereimuseum der Familie Stapff hat unlängst seine Pforten für immer geschlossen. Damit endet nicht nur eine weithin einzigartige Institution, sondern auch ein Stück Familiengeschichte im Rhönstädtchen.

Ruth Stapff, deren Ehemann Kurt Ende der 1960er Jahre die Wagnerei geführt hatte, war in diesem Sommer nur wenige Monate vor ihrem 90. Geburtstag verstorben. Schweren Herzens hat sich die Familie entschlossen, das Anwesen mit dem mehr als 400 Jahre alten Fachwerkhaus in der Marktstraße 9, zu dem auch die kleine Original-Werkstatt gehört, zu verkaufen. Einen Käufer zu finden, der auch das Museum weiterbetreiben würde, das erscheine nahezu illusorisch, wie Ruth Stapffs Sohn Herbert beim letzten Pressetermin vor Ort bemerkte.

Bereicherung für die Museumslandschaft

Die kleine Werkstatt im Originalzustand von 1920 war zweifellos eine Bereicherung für die Museumslandschaft in der Region. Das private Museum hatte Seltenheitswert. Die Handwerkskunst vergangener Tage wurde anhand vieler Exponate dokumentiert. Bemerkenswert sind die alten Maschinen, wie der 380-Volt-Elektromotor, mit der die Stapff'sche Wagnerei damals ihrer Zeit voraus war. Die Transmissionstechnik und die Bandsäge funktionieren selbst heute noch.

Authentisch: Im Museum hatte man das Gefühl, dass der Wagner gleich zur Tür herein kommt und sich mit seinem Werkzeug an die Arbeit macht.
Foto: Eva Wienröder | Authentisch: Im Museum hatte man das Gefühl, dass der Wagner gleich zur Tür herein kommt und sich mit seinem Werkzeug an die Arbeit macht.

Die Einrichtung ist nahezu vollständig. Einige wenige Einzelteile hat man in den vergangenen Wochen bereits abgegeben. Für die komplette Werkstatt findet sich bis dato kein Abnehmer, so Herbert Stapff. Er hatte verschiedene museale Einrichtungen, u. a. auch die Freilandmuseen Fladungen und Bad Windsheim, kontaktiert. Eine Umsetzung der Werkstatt wäre mit enormem Aufwand verbunden, aufgrund der baulichen Gegebenheiten vermutlich sogar unmöglich, wie Stapff gesagt wurde. Und die Maschinen und Werkzeuge anderswo als an ihrem angestammten Platz auszustellen, damit wäre die Authentizität und die ganze Atmosphäre, die einen wesentlichen Teil des Museums ausmacht, nicht mehr gegeben, findet Herbert Stapff. "Das Werkzeug einfach nur in Vitrinen zu zeigen, das ist etwas ganz anderes", bedauert er. Wer einmal die Werkstatt betreten hat, weiß, was der Sohn des letzten Wagners meint. Der angenehme Geruch von Holz liegt in der Luft und man hat das Gefühl, als wäre der Wagner nur einmal kurz zum Pausemachen rausgegangen.

Kapitel in der Familiengeschichte endet

Mit der Schließung des Museums endet die mehr als 100-jährige Geschichte der Wagnerei Stapff und damit auch ein Kapitel in der Familiengeschichte. Seit 1907 befand sich die Werkstätte in der Marktstraße. Sie wurde von Richard Stapff eingerichtet, von seinem Sohn Emil nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt und schließlich von Herbert Stapffs Vater Kurt übernommen und bis in die 1960er Jahre betrieben. Kurt Stapff hatte Karosseriebauer gelernt und fertigte in erster Linie gummibereifte Wägen, Sonderfahrzeuge und Anhänger. Der kleine Betrieb mit den aufwändigen und kostspieligen Einzelanfertigungen war mit dem Aufkommen der industriellen Massenproduktion jedoch nicht mehr konkurrenzfähig.

Herbert Stapff, dessen Vater Kurt bis Ende der 1960er Jahre die Wagnerei betrieben hatte, war selbst immer wieder gerne in der Werkstatt, um Besuchern das alte Handwerk zu erklären.
Foto: Eva Wienröder | Herbert Stapff, dessen Vater Kurt bis Ende der 1960er Jahre die Wagnerei betrieben hatte, war selbst immer wieder gerne in der Werkstatt, um Besuchern das alte Handwerk zu erklären.

Herbert Stapff erinnert sich gerne an die Zeit des Museums zurück. 1996 zum Fest "400 Jahre Stadterhebung Ostheims" hatte die Familie erstmals die Türen der ehemaligen Werkstatt für die Öffentlichkeit geöffnet. Aufgrund des großen Interesses erwuchs die Idee, auch zu anderen Anlässen einzuladen. Fortan beteiligte man sich mit Aktionen an Veranstaltungen, wie dem Stadtfest, dem Schnaidmart oder dem Rhöner Wurstmarkt. Und schließlich kam es zum Museum, zwischenzeitlich war eigens ein Förderverein gegründet worden.

Einlass auch außerhalb der Öffnungszeiten

In die Werkstatt konnte man auch außerhalb der Öffnungszeiten Einlass bekommen. "Einfach bei Ruth Stapff klingeln", hieß es und so lange sie noch konnte, führte die Seniorin dann auch selbst durch die Werkstatt ihres 2001 verstorbenen Mannes. Ihr war viel daran gelegen, Menschen das alte Handwerk näherzubringen. Ihre Familie half ihr dabei und schließlich kümmerten sich Freunde vom Rhöner Drechsler-Stammtisch an den Öffnungstagen mit darum, der Werkstatt mit Vorführungen und Mitmachaktionen Leben einzuhauchen.

Authentisch: Im Museum hatte man das Gefühl, dass der Wagner gleich zur Tür herein kommt und sich mit seinem Werkzeug an die Arbeit macht.
Foto: Eva Wienröder | Authentisch: Im Museum hatte man das Gefühl, dass der Wagner gleich zur Tür herein kommt und sich mit seinem Werkzeug an die Arbeit macht.

Heute in Vergessenheit geraten, waren Wagner, Rademacher und Stellmacher im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutsame Berufe. Der Wagner war beim Kutschenbau für die Karosse zuständig, der Rademacher für die Räder. Vielfältig war die Arbeit des Stellmachers, er fertigte nicht nur Räder verschiedenster Arten und Größen, sondern darüber hinaus Kutschen und Wägen für verschiedene Einsatzzwecke, wie zum Beispiel Leiterwägen für Feuerwehren, aber auch Deichseln, Schlitten, Skier, Rechen und andere Werkzeuge und schließlich auch Riemen- und Transmissionsräder.

Letzter Blick in die Werkstatt: Eine vollständige Ausstattung aus der Zeit um 1920 zeigte das Wagnereimuseum in Ostheim, das nun seine Pforten geschlossen hat.
Foto: Eva Wienröder | Letzter Blick in die Werkstatt: Eine vollständige Ausstattung aus der Zeit um 1920 zeigte das Wagnereimuseum in Ostheim, das nun seine Pforten geschlossen hat.
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