Schweinfurt

10 Visionen: So sieht die Mobilität von morgen aus

Die Füße hochlegen während der Autofahrt: So kann die Mobilität der Zukunft aussehen. Foto: Rinspeed

Die Debatten um Dieselautos, Luftverschmutzung und Dauerkollaps auf deutschen Straßen zeigt: Der Verkehr von heute muss sich ändern. Autonomes Fahren, Elektromobilität und Car-Sharing sind gängige Schlagworte mit Blick auf die Zukunft. In der Autobranche haben sie längst Top-Priorität. Auch in fränkischen Unternehmen tut sich eine Menge, wie unsere Bestandsaufnahme mit 10 Visionen zeigt.

Vision 1: Wir werden gefahren. Aber das dauert.

Der ADAC hat im Oktober verkündet: Autonomes Autofahren wird es in Deutschland in nennenwertem Maße nicht vor 2040 geben. Der Verkehrsklub stützt sich dabei auf eine von ihm in Auftrag gegebene Prognos-Studie. 2040 hin oder her: Auf unseren Straßen werden in Zukunft nur noch selbstfahrende Vehikel mit Elektroantrieb unterwegs sein. Auf die Spitze der Visionen hat es das Schweizer Unternehmen Rinspeed getrieben: Es stellte 2017 das Modell "Oasis" vor. Der selbstfahrende Elektro-Zweisitzer für Stadt und Land hat ein Inneres wie ein Wohnzimmer - mit drehbaren Komfortsesseln, Mini-Blumenbeet auf der Konsole, Fernseher und einer Windschutzscheibe, die auch für Virtual- oder Augmented-Reality-Abbildungen genutzt werden kann. An "Oasis" hat die ZF Friedrichshafen AG mitgewirkt, die ihren Bereich E-Mobilität in Schweinfurt sitzen hat. Wie hoch autonomes Fahren weltweit angesetzt wird, zeigt die Tatsache, dass Google schon seit 2012 in diesem Bereich testet. Fazit: Autonomes Fahren ist nicht mehr aufzuhalten. Bis es in Deutschland flächendeckend da ist, werden allerdings noch viele Jahre vergehen. Schon deshalb, weil das fürs autonome Fahren existenzielle 5G-Mobilfunknetz mit seiner Datenübertragung in Millisekunden erst noch aufgebaut werden muss. In der Zwischenzeit werden sich Varianten wie Hybrid- oder Brennstoffzellen-Antrieb sowie reine E-Autos (mit Fahrer) zumindest zeitweise etablieren.

Vision 2: Auch der Lastwagen fährt von selbst

Auf diesem Gebiet ist ZF als einer der weltweit größten Automobilzulieferer ebenfalls an vorderer Linie dabei. Das Unternehmen testet derzeit nach eigenen Angaben, wie praxistauglich das sogenannte Platooning ist. Darunter ist das autonome Fahren von zwei oder mehr Lastwagen im Konvoi zu verstehen. Das hat laut ZF mehrere Vorteile: Zum einen sorgt es für besseren Verkehrsfluss, weil die eng aufeinanderfolgenden Lastwagen dem Leit-Lkw an der Spitze gleichmäßig folgen. Zum anderen sinke der Luftwiderstand der hinteren Lastwagen wegen des geringen Abstandes zueinander, was zu Kraftstoffersparnis von bis zu 20 Prozent führe. Bei Platooning spielt es nach Unternehmensangaben keine Rolle, um welche Lkw-Typen es sich handelt. Mark Mohr ist Entwicklungsleiter der ZF-Nutzfahrzeugsparte und geht davon aus, dass fahrerlose Lastwagen nicht vor 2035 im herkömmlichen Verkehr unterwegs sein werden. Was Elektrobusse angeht, hat ZF vor fünf Monaten mit dem "Mover" aufhorchen lassen. Dabei handelt es sich um einen Kleinbus für 15 Passagiere, den ZF mit einem Partnerunternehmen auf die Straße bringen will. Fazit: Auch die autonom fahrenden Lkws werden kommen. Die Herausforderungen zum Beispiel mit Blick auf 5G sind ähnlich wie bei selbstfahrenden Pkws. Elektrovarianten (mit Fahrer) werden sich vor allem bei Bussen schon in den nächsten Jahren durchsetzen und damit für den innerstädtischen Verkehr interessant.

Vision 3: Batterien werden die große Herausforderung

Ohne Batterie geht bei einem Elektroauto nichts. Insofern liegt auf diesem Herzstück das Augenmerk der Autoindustrie. Experten mahnen, dass bislang die meisten Batterien aus Asien kommen und Deutschland deshalb langfristig in eine ungünstige Abhängigkeit gerate. Deshalb soll hierzulande die Batterieproduktion auf eigene Beine gestellt werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat Mitte November verkündet, dass sein Haus dafür eine Milliarde Euro zur Verfügung stellen will. Ein Anschub, der ganz im Sinne der Nummer eins in Unterfranken sein wird - dem Batterie-Konzern BMZ in Karlstein am Main (Lkr. Aschaffenburg). Gründer und Geschäftsführer Sven Bauer hatte schon vor eineinhalb Jahren gegenüber dieser Redaktion betont, dass Deutschland dringend eine eigene Batterieproduktion unter anderem für Elektroautos brauche. Bauer macht es vor: Sein Unternehmen mit weltweit mehr als 2000 Mitarbeitern wächst seit Jahren mit hohem Tempo. Fazit: Es wird noch Jahre dauern, bis Batterien "Made in Germany" eine nennenswerte Rolle spielen. Deutschland bleibt hier schon deshalb von anderen Staaten abhängig, weil die Rohstoffe für die Batterien wie Lithium und Kobalt zu hundert Prozent importiert werden müssen. Von fragwürdigen Zuständen bei deren Abbau - besonders in puncto Arbeitsbedingungen und Umwelt - ganz zu schweigen.

Vision 4: Parken wird optimiert

Egal ob autonom, hybrid oder elektrisch: Es wird hierzulande weiterhin eine Unmenge von Autos geben. Autos, die eine Unmenge an Parkplätzen brauchen, vor allem in den Innenstädten. Mittlerweile gibt es eine Reihe von Apps rund ums Parken, unter anderem für Würzburg. Die Nürnberger Smart City System GmbH stellte kürzlich eine ungewöhnliche Variante für Großparkplätze zum Beispiel an Flughäfen, Messen oder Einkaufszentren vor: das Gerät "Parking Pilot", das auf Stellflächen geklebt wird und per Sensor, drahtlos und in Echtzeit die Belegung der Parkflächen erfasst. Die flachen Geräte von der Größe eines Tablets sollen dazu dienen, zum Beispiel die Parkdauer pro Stellplatz zu analysieren oder die Parkgebühren mit dem Nutzer abzurechnen. "Stellplatzgenaue Navigation ist bis heute nicht möglich", sagte jüngst Firmenchef Stefan Eckert bei der Vorstellung von "Parking Pilot"  beim Mobilitätskongress der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Würzburg. Fazit: Beim Parken ist die Zukunft schon Gegenwart. Digitale Anwendungen für den Alltag gibt es. Auf kurz oder lang werden die Autos beim Parken das Bezahlen der Gebühr automatisch auslösen, ohne das der Fahrer etwas tun muss. Hier könnte die Blockchain-Technologie zum Tragen kommen, die man vor allem von Kryptowährungen wie Bitcoin kennt.

"Das gibt es alles schon."
Peter Schröttle vom EF Autocenter Würzburg über autonom fahrende Autos, die für Fußgänger einen Zebrastreifen auf die Straße projizieren

Vision 5: Wir bedienen Autos anders als bisher

Der Daimler-Konzern arbeite an Autos, die per Sprache gesteuert werden können. Das sagte Peter Schröttle bei dem IHK-Mobilitätskongress in Würzburg. Der 50-Jährige leitet das EF Autocenter in Würzburg. Per Spracherkennung des Auto-Computers könne der Fahrer zum Beispiel die Heizung im Wagen anschalten. Schröttle wies auch auf autonom fahrende Autos hin, die vor sich einen Fußgänger-Zebrastreifen auf die Fahrbahn projizieren können. Er soll Fußgängern signalisieren, dass das Auto sie erkannt hat und anhalten wird. "Das gibt es alles schon", so Schröttle. Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg arbeitet laut Gruppenleiter Applikationstechnik, Bernhard Brunner, an berührungsempfindlichen Sensoren fürs Auto-Innere. Diese wenige Millimeter dünnen Folien sollen herkömmliche Schalter ersetzen und den Insassen zum Beispiel in autonomen Autos das Bedienen der Geräte erleichtern. Auch Steuerung per Geste werde in diesem Zusammenhang erforscht. Fazit: Das Fahren von morgen hat längst eine Vielzahl von Start-ups und Forschern auf den Plan gerufen. Es werden immer ausgefallenere Möglichkeiten entstehen - die meisten davon digital.

Vision 6: Lieferdienste ändern sich

Die Deutsche Post hat es vor drei Jahren mit ihrem Elektro-Lieferwagen in Eigenbau ("Streetscooter") auch in Mainfranken vorgemacht: Für Lieferdienste sind solche Vehikel eine interessante Alternative. So verkündete der internationale Zusteller FedEx in dieser Woche, seine Wagenflotte in Kalifornien um 1000 Elektro-Lieferwagen zu erweitern. Die E-Mobilität bei den Nutzfahrzeugen auf der sogenannten letzten Meile zum Kunden "ist sehr, sehr weit", weiß Verkaufsleiter Werner Weinand vom EF Autocenter Mainfranken in Schweinfurt. Indes gehen Hersteller bei der Zustellung von Waren längst auch andere Wege: Weinand will erfahren haben, dass der Daimler-Konzern elektrisch angetriebene und/oder autonom fahrende Lieferwagen entwickle, die auf dem Dach eine Drohne zur Zustellung von Paketen haben. Fazit: Genau das wird die Zukunft sein.

Vision 7: U-Bahnen fahren alleine

Nürnberg legte vor zehn Jahren in Deutschland die Premiere hin: eine fahrerlose U-Bahn. Mittlerweile rollen nach Angaben des Verkehrsverbundes VAG 37 solcher Bahnen im Untergrund  der Stadt. Das wird bald noch mehr werden: Die VAG hat in dieser Woche nach eigenen Angaben bei Siemens sechs U-Bahnen bestellt, die mit oder - nach Umbau der Fahrerkabine - ohne Fahrer unterwegs sein können. Fazit: Derzeit sind in etwa 20 Staaten führerlose U-Bahnen im Einsatz. Das wird auch hierzulande weitere Kreise ziehen, weil diese Bahnen als pünktlicher und zuverlässiger gelten als solche mit Fahrer. Und es wird Kreise ziehen, weil nach Medienberichten im September in Potsdam die erste autonom fahrende Straßenbahn der Welt auf die Gleise gekommen ist.

Vision 8: Formel E überholt Formel 1

Rennsportfans der alten Gattung müssen jetzt stark sein: Der Stellenwert von Boliden mit Verbrennungsmotoren wird in den nächsten Jahren deutlich schwinden. So hat die vor erst vier Jahren ins Leben gerufene Formel E mit ihren Elektro-Flitzern die traditionsreiche Deutsche Tourenwagen-Masters (DTM) in der Popularität eingeholt. Das zeigt sich daran, dass die Formel E mittlerweile Branchenriesen wie Porsche, Mercedes Benz, Audi, BMW, Allianz, Bosch, ABB oder Heineken entweder als Fahrerteam oder als Sponsor gewonnen hat. Und Schaeffler: Der Automobilzulieferer mit Sitz in Herzogenaurach und großer Niederlassung in Schweinfurt ist bei der Formel E von Anfang an dabei. Wenn die Saison 2018/2019 am 15. Dezember in Saudi-Arabien startet, wird Schaeffler wieder mit Audi und dem Allgäuer Autotuner ABT eines der elf Rennteams stellen. Auch Schweinfurts größter Arbeitgeber, die ZF Friedrichshafen AG, ist als Technologiepartner des Venturi-Rennteams in der Formel E engagiert. Fazit: Zwar streiten Experten darüber, ob die Formel E die große Formel 1 ablösen wird. Klare Hinweise dafür gibt es aber schon: „Den Motorsport, wie er jetzt in der Formel 1 stattfindet, werden wir in zehn Jahren nicht mehr erleben“, sagte Präsident Kurt Sigl vom Bundesverband eMobilität schon vor knapp zwei Jahren. So wird es kommen.

Vision 9: Die Mobilität von morgen ändert Firmen von heute

Bei in Franken etablierten Autozulieferern wie ZF oder Schaeffler ist es längst zu erkennen: Die sich ändernde Mobilität vor allem mit Blick auf Elektro hat die Strategien dieser Unternehmen verändert. So kaufte Schaeffler vor wenigen Tagen die hessische Elmotec Statomat GmbH, um "unsere E-Mobilitätsstrategie konsequent umzusetzen", sagte Vorstandschef Klaus Rosenfeld. Doch es deutet sich eine lange Übergangszeit an (siehe Vision 10): Es sei der Verbrennungsmotor, "der in den nächsten zehn Jahren weiter Wachstum bringen wird, bevor sich neue Antriebstechnologien in Größenordnungen durchsetzen", sagte der unterfränkische Bezirksvorsitzende der arbeitgebernahen "Vereinigung der bayerischen Wirtschaft" am Donnerstag in Würzburg. Fazit: Franken wird keinen E-Auto-Giganten wie Tesla gebären. Vielmehr wird die Mobilität von morgen in vielen Unternehmen gleichermaßen an Tempo gewinnen.

Vision 10: Wir erleben eine lange Übergangszeit

Teilen ist das neue Besitzen: Das Auto hat als Statussymbol ausgedient. Für die junge Generation sind Angebote wie Car-Sharing attraktiv geworden. Oder Auto-auf-Zeit-Modelle wie "Faaren", das ein Start-up am Würzburger Zentrum für digitale Innovation (ZDI) kürzlich vorstellte. Auch der Boom bei Elektrofahrrädern kommt hier ins Spiel: So bietet etwa das Unternehmen Kräuter Mix in Abtswind (Lkr. Kitzingen) seinen Mitarbeitern E-Bikes auf Leasing-Basis an. Trotz all dieser neuen Wege: Das Auto bleibe als Verkehrsmittel auch auf Jahre hinaus dominant. Das ist eine Kernaussage der Studie "Mobilität in Deutschland 2017", die das Bundesverkehrsministerium Mitte November vorstellte. Noch eine Kernaussage: Die Verkehrswende sei derzeit nur in Ansätzen zu erkennen. Fazit: Die Verkehrswende wird sich durchsetzen. Wir werden uns bis dahin mit einer Vielzahl an Möglichkeiten anfreunden müssen.

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