SCHWEINFURT

15 Jahre Palliativmedizin in St. Josef

KINA - Symbolbild: Sterbehilfe
Auf der Palliativstation geht es manchmal ums Heilen, oft ums Lindern, immer ums Begleiten. Foto: dpa/Picture Alliance

Susanne Röder, Leiterin der Palliativstation, steht am Bett eines 18-Jährigen. Er weiß, dass er sterben wird. Er sagt: „Ich habe schon so viel erleben dürfen in meinem Leben, ich habe mein Leben gelebt.“ Der junge Mann heiratet noch auf der Palliativstation, dann geht er in Frieden.

Auf dem Gang kommen die Angehörigen eines Patienten auf die Ärztin zu. „Das kann doch nicht sein, sie müssen doch noch etwas tun können.“ Eine andere Patientin fragt: „Können Sie mir nichts geben, ich will nicht mehr so weiterleben.“ Es sind Schlaglichter aus dem Spannungsfeld, in dem Röder und ihr Team tagtäglich arbeiten.

Mein Leben ist wieder lebenswert

Und dann flattert folgender Brief auf den Schreibtisch: „Ich bin Ihnen und Ihrem Team so dankbar für die wertvolle Betreuung und ihr Feingefühl in dieser schweren Zeit meines Lebens. Dank der Schmerztherapie, der tollen Pflege und der vielen Gespräche ist mein Leben wieder lebenswert. Noch gut leben vor dem Tod, das ist jetzt wieder möglich.“

Offiziell begann die Geschichte der Palliativstation mit ihrer Einweihung am 11. Januar 2002; inzwischen wurden 4500 Patienten betreut. Dass die Palliativstation des Krankenhauses St. Josef eine Erfolgsgeschichte wurde, kommt nicht von ungefähr. Denn schon als Röder 1998 von Berlin nach Schweinfurt kam und sich in St. Josef bewarb, war von einer möglichen Palliativstation die Rede. Drei Jahre später wurde die Anästhesistin gefragt, ob sie sich den Aufbau einer solchen Station vorstellen könne. Sie konnte und sie bekam dafür jede Menge Unterstützung.

„Die Pflegekräfte sind der verlängerte Arm des Patienten, sie tun das, was sie tun, in seinem Tempo und bewahren seine Würde.“
Chefärztin Susanne Röder über die Arbeit des Teams

Quer durch Deutschland ist sie gereist, um sich die Abteilungen für Palliativmedizin anzusehen, die schon in Betrieb waren. Unzählige Fortbildungen hat sie inzwischen absolviert, aktuell die zur Psychotherapeutin. Auch ihr Team bekam die Chance, erst einmal in einer anderen Palliativstation zu hospitieren. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck hat das Team dann das Konzept für die Schweinfurter Station erarbeitet. „Wir haben gut Zeit gehabt, um uns als Team zu finden“, sagt Röder rückblickend.

Regelmäßiger Austausch, Supervision, Team- und Einkehrtage

Und das ist in einem solchen Haus, in dem es tagtäglich um Grenzerfahrungen geht, auch sehr wichtig. „Wenn es im Team kriselt, wird es schwierig“, weiß die Chefärztin. Für die 25 Mitarbeiter wird viel investiert. Regelmäßiger Austausch, Supervision, Team- und Einkehrtage; der Zusammenhalt ist das A und O.

Und dieser Zusammenhalt zeigt sich auch im persönlichen Miteinander. So haben die Mitarbeiter sich gegenseitig gestützt als ein Teammitglied vor Kurzem starb „Es ist schön zu erleben, wie die Gemeinschaft dann trägt und jeder schaut, was er tun kann“, betont Röder.

Abstand gewinnen

Der Spagat zwischen Professionalität und Anteilnahme im Berufsalltag wird gemeinsam gehalten. Jeder, dem etwas zu nahe geht, darf darüber reden. Auch die Zimmer, in denen jemand verstorben ist, bleiben 24 Stunden leer. Zeit des Abschied-Nehmens fürs Team. „Es geht um das Raum-halten für den Patienten, seine Angehörigen und Freunde und auch für uns“, erklärt die Chefärztin.

In den 15 Jahren seit Bestehen der Station hat sich vieles verändert. „Die Patienten, die kommen, sind jünger geworden und die Erkrankungen bei Diagnosestellung oftmals schon weit fortgeschritten“, stellt die Palliativmedizinerin fest. Die Verweildauer vieler Patienten ist kürzer, der Wechsel häufiger. Und immer öfter komme die Frage nach Beihilfe zum Suizid. Die Palliativmedizin hat sich da klar positioniert, erklärt Röder.

Es geht manchmal ums Heilen, oft ums Lindern, immer ums Begleiten

„Es geht manchmal ums Heilen, oft ums Lindern, immer ums Begleiten.“

Der immer häufiger aufkommende Wunsch nach Selbsttötung ist für die Ärztin ein gesellschaftliches Problem. „Kein Mensch will abhängig und ohnmächtig sein.“ In Würde mit Ohnmacht und Abhängigkeit umzugehen ist die Herausforderung für uns alle, Betroffene wie Begleiter. Auch Angehörige äußern manchmal den Wunsch, aus dem Leben zu gehen, wenn der geliebte Mensch stirbt. Dann geht es um ein Ringen für das Leben, um ein gemeinsames Suchen nach Sinnhaftigkeit und den Werten, die geblieben sind.

Schmerztherapie soll Lebensqualität zurückgeben.

Was leider noch oft in den Köpfen der Bevölkerung steckt, ist die Vorstellung, man gehe zum Sterben in eine Palliativstation. Es geht oftmals um das genaue Gegenteil. Schmerztherapie und Symptomkontrolle sollen Lebensqualität zurückgeben. Körperlich und psychisch, sozial und spirituell werden Patienten mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung bei der Krankheitsbewältigung begleitet. Es geht um die Frage „Wie will ich leben im Angesicht des Todes?“, meint Röder. Eine Frage, der sich der Mensch nicht erst in der letzten Phase seines Lebens stellen sollte.

Die Chefärztin blickt auch in die Zukunft. Was im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden ist und auch weiterhin ein großes Anliegen bleibt, ist die Rolle der Angehörigen. Neben den Patienten sollen und wollen auch sie gut begleitet werden.

Röder wünscht sich, dass die Patienten viel früher die Möglichkeit haben, palliativmedizinisch mitbetreut zu werden. Bei Diagnosestellung könne bereits überlegt und besprochen werden, was der Patient wünscht: Gibt's nur Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen oder auch noch eine andere Art der Begleitung. Deshalb soll die Palliativversorgung auch in den normalen Krankenhausbetrieb integriert werden.

Die Pflege ist elementar

Wie das gehen kann, ist eine der Herausforderungen der nächsten Jahre.

Und nicht zuletzt geht es immer um die gute Atmosphäre im Team. „Ich bin sehr dankbar für die wundervollen Menschen, mit denen ich täglich unsere Patienten und die Angehörigen in dieser für sie schweren Zeit begleiten darf. Die Pflege ist elementar“, betont Röder. „Die Pflegekräfte sind der verlängerte Arm des Patienten, sie tun das, was sie tun, in seinem Tempo und bewahren seine Würde.“

In vielen kleinen Zeichen, Gesten und Worten wird den Patienten diese Wertschätzung vermittelt, beispielsweise mit der Rose, die jeder bei seiner Ankunft in der Abteilung für Palliativmedizin erhält.

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