SCHWEINFURT

17 Tage nach dem Mauerbau

1961: Brandt mit Kugellager am Marktplatz.
Foto: Albert Breiteneicher | 1961: Brandt mit Kugellager am Marktplatz.

Als Willy Brandt 1992 starb, fand sich in seinen Unterlagen unter anderem eine Notiz, die er sich bei der Diskussion mit Schweinfurter Betriebsräten 1981 gemacht hatte. Eine Kopie dieser Notiz ist im lokalen Begleitteil der Ausstellung „Willy Brandt. Ein politisches Leben, 1913-1992“ zu sehen, mit der die Friedrich-Ebert-Stiftung seit 15 Jahren durch Deutschland tourt und die nun in Schweinfurt Station macht. Mehr als 500 Fotos, eine Fülle von Briefen, Notizen, Presseberichten und Erinnerungen von Weggefährten, haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Auch 20 Jahre nach seinem Tod fasziniert die Persönlichkeit des charismatischen Politikers.

Besonders spannend aus Schweinfurter Sicht sind die fünf Besuche von Willy Brandt in der Region. Ein vhs-Kurs unter Leitung des Würzburger Journalisten Peter Steinmüller hat im Vorfeld der Wanderausstellung über die Hintergründe dieser Besuche recherchiert und zeigt die Ergebnisse in der Vorhalle. Die Friedrich-Ebert-Stiftung steuerte aus dem Nachlass von Willy Brandt neben der Kopie der oben erwähnten Gesprächsnotiz die Quittung für die belegten Brötchen bei, die bei seinem Besuch 1970 im Evangelischen Gemeindehaus gereicht wurden.

Kugellager als Geschenk

Die SPD-Geschäftsstelle hat die Original-Artikel dieser Zeitung von damals aufgehoben, aus dem Fundus von SKF stammt der Fotoband mit Bildern von den Besuchen 1961 und 1965 und ein Faksimile des Kugellagers, das Brandt als Gastgeschenk erhalten hatte. Peter Then, beim Besuch 1981 Betriebsrat bei SKF, überließ den Ausstellungsmachern Fotos und ein Erinnerungsbuch, das ein Schonunger SPD-Mitglied nach Brandts Besuch in Schonungen 1978 angefertigt hatte.

Seinen ersten Auftritt in Schweinfurt hatte Willy Brandt am 29. August 1961, nur 17 Tage nach dem Bau der Berliner Mauer. Das ist umso erstaunlicher, weil Brandt bekanntlich nicht nur SPD-Kanzlerkandidat war, sondern Regierender Bürgermeister von Berlin. Der vhs-Kurs hat recherchiert, dass er seine angekündigte Wahlkampftour durch Deutschland zwar stark verkürzen musste, auf seinen Besuch in Schweinfurt aber nicht verzichten wollte. „Wir brauchen nicht zu verzagen“, rief er Tausenden Schweinfurtern auf dem Marktplatz zu. Oberbürgermeister Georg Wichtermann überreichte ihm einen Wappenteller.

Vier Jahre später, im Wahlkampf zum fünften Deutschen Bundestag, war der Zeitplan für den Besuch in Schweinfurt am 7. Juli sehr eng. Brandt sah sich damals vielen Anfeindungen ausgesetzt, denen er auf seiner Deutschlandtour entgegentreten wollte. Zwei Stunden und 20 Minuten waren für Schweinfurt geplant. Beim Empfang durch OB Wichtermann im Rathaus soll der Regierende Bürgermeister beruhigende Worte gesprochen haben, trotz der Provokationen des Ostens, der Hubschrauber über die Westzonen kreisen ließ. Eine ganze Stunde, so recherchierte der vhs-Kurs, verbrachte Brandt anschließend im Gespräch mit Betriebsräten und Vertrauensleuten der SKF in der Cafeteria des Hochhauses. Die verbleibenden 20 Minuten nutzte er für eine Rede in der Stadthalle.

Nur einmal war Willy Brandt als Bundeskanzler in Schweinfurt, am 26. Oktober 1970. Er wollte die SPD im bayerischen Landtagswahlkampf unterstützen. Auf den Infotafeln ist zu lesen, dass er sich bei seiner Rede im Evangelischen Gemeindehaus gegen die Angriffe der Opposition auf die Wirtschaftspolitik der Regierung verwahrt und unter anderem die umstrittene Reform des Sexualstrafrechts verteidigt habe.

Kurze Rede in Schonungen

Eigentlich sollte Brandt am 12. Oktober 1978 nur Wahlkampfauftritte in Bamberg und Bad Kissingen absolvieren, doch der Schweinfurter SPD-Geschäftsführer Werner Brüggemann überzeugte Günter Kuppe, Referent im SPD-Bundesvorstand, zum Zwischenstopp in Schonungen. Bedingung war aber, erinnert sich Brüggemann: „Kein Mikrofon“. Denn Willy Brandt sollte sich wegen des engen Zeitplans kurz fassen. So sprach er nur 20 Minuten vor rund 250 Bürgern im katholischen Pfarrheim.

Zum letzten Besuch am 6. Februar 1981 hatte die IG Metall den SPD-Vorsitzenden nach Schweinfurt eingeladen. Die Gewerkschaft wollte direkt mit Brandt reden, erinnert sich Peter Then, weil man den Eindruck hatte, die SPD habe die Montan-Mitbestimmung (das Gesetz über die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten und Vorständen der Unternehmen des Bergbaus und der Eisen und Stahl erzeugenden Industrie) aufgeweicht. In der Diskussion habe Brandt die Unterstützung seiner Partei zugesichert, so Then. Beim Rundgang durch die Produktionshallen unterhielt sich Willy Brandt mit den Arbeitern.

Zur Eröffnung der Ausstellung war viel politische Prominenz erschienen. Aufmerksam lauschten alle dem ältesten Sohn Peter Brandt, der mit der Distanz des Historikers über „Willy Brandt und die deutsche Frage“ sprach.

Willy Brandt. Ein politisches Leben. Halle Altes Rathaus, Marktplatz, zu sehen bis 28. Juli, Di bis Fr, 10 bis 16.30 Uhr, Sa, 10 bis 13 Uhr.

Brandt als junger Mann: Das Foto wurde wahrscheinlich in Paris aufgenommen, vermutlich 1937.
Foto: FOTO FES/AdsD | Brandt als junger Mann: Das Foto wurde wahrscheinlich in Paris aufgenommen, vermutlich 1937.
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