Schweinfurt

50 Jahre Johanniter-Unfall-Hilfe in Schweinfurt

Ein halbes Jahrhundert JUH am Marienbach: Bescheidene Anfänge, heute Aushängeschild in der Ausbildung. Als das Martinshorn noch von Hand aufgezogen werden musste.
Modernes Gebäude, moderne Fahrzeuge. Dienststellenleiter Olaf Mauer und Sachgebietsleiter Ausbildung und Lehrbeauftragter Jochen Hawesch vor der Kulisse der heutigen JUH und mit einer kleinen Auswahl der wichtigsten Fahrzeuge. Foto: Helmut Glauch

Drehen wir mal an der Uhr, nicht ein paar Stunden oder Tage, sondern satte 50 Jahre. Während die Amerikaner auf dem Mond landeten und in Woodstock die Hippies den "Summer of Love" feierten, wurden in Schweinfurt die Weichen für viel bodenständigere Ziele gestellt. Der evangelische Pfarrer Edmund Geißler, selbst Ritter des Johanniterordens, hatte mit seiner Frau wenige Jahre zuvor (1965) den Ortsverband Reichenberg und den Kreisverband Würzburg der Johanniter-Unfall-Hilfe sozusagen im heimischen Wohnzimmer gegründet. 1969 gab es dann den Entschluss, sich auch in Schweinfurt als Ortsverband zu etablieren.

Viel Idealismus und eine kleine Truppe in den Anfangstagen 

Ursprünglich war dies eine recht übersichtliche Schar von Ehrenamtlichen, erinnert sich Jochen Hawesch, selbst seit 45 Jahren ehrenamtlich und seit 27 Jahren hauptamtlich für die JUH aktiv.  Mit Erste-Hilfe-Kursen und Sanitätswachdiensten fing es an. Mit einem VW Typ 1 KTW (Krankentransportwagen), später mit einem geliehenen Ford der Fürther Johanniter stieg die Schweinfurt JUH  in die Welt der Krankentransporte und der Notfallrettung ein.

Zeiten in denen es noch keinen Notarztdienst, keine einheitliche Notrufnummer und auch keine Rettungsleitstelle gab, erinnert sich Dienststellenleiter Olaf Mauer, der selbst seit 42 Jahren ehrenamtlich und seit 18 Jahren hauptamtlich zu den festen JUH-Größen und Säulen der Organisation in Schweinfurt gehört. Zeiten auch, in denen an der Unfallstelle noch nach dem Motto "Wer zuerst kommt, transportiert zuerst" verfahren wurde. 

Würden heute alle auf einem Oldtimer-Treffen Freude bereiten. Einige Fahrzeuge aus den Anfangsjahren vor der Kulisse der alten Dienstelle am unteren Marienbach. Foto: Archiv Hawesch

Der geliehene Ford, so erinnern sich die JUH-Pioniere, hatte noch ein "Martinshorn zum Aufziehen". Das heißt, man musste an einem Handrad drehen, um den Sound aufs Horn zu bekommen. Auch räumlich ging es zunächst sehr bescheiden zu. 1973 wurde den Johannitern das alte Bootshaus am Marienbach zur Verfügung gestellt. In Eigenleistung renovierte die verschworene Gemeinschaft das Gebäude, baute um, baute aus und kaufte sich einen gebrauchten Ford Transit von einer Brauerei. Der wurde – selbstverständlich in Eigenleistung – umlackiert und kam als erstes JUH-Fahrzeug für den Behindertenfahrdienst zum Einsatz.

Ein weiteres Auto wurde über die Aktion Sorgenkind beschafft. Die JUH etablierte sich mehr und mehr in jenen ersten Jahren, der untere Marienbach war fortan nicht mehr nur als Adresse für den Schweinfurter Straßenstrich bekannt, sondern auch als ein Platz, von dem aus eine rührige Truppe mit viel Einsatz und Ideen aufbrach, um anderen zu helfen. Und dies nicht nur vor Ort, sondern zum Beispiel auch in Rumänien oder Polen. Sogar Solidarnosc-Führer Lech Walesa bedankte sich für die Hilfe der Johanniter. 

Christliche Nächstenliebe ist die Triebfeder des Engagements 

Bei Gründung der Rettungsleitstelle waren die Neulinge im Reigen der Rettungsdienste als kleinste Organisation in Schweinfurt mit einem KTW (Krankentransportwagen) beteiligt. Erst 1993 wurde der öffentlich rechtliche Vertrag mit dem Rettungszweckverband Schweinfurt dahin geändert, dass auch die Johanniter mit einem RTW (Rettungswagen) an den Start gehen konnten.

Viel Pioniergeist und Zusammenhalt kennzeichnete jene frühen Jahre. Ein Kit, der auch heute noch die Gemeinschaft der rund 70 Ehrenamtlichen in Schweinfurt zusammenhält. Seit Jahrhunderten ist das Motto "Hilfe von Mensch zu Mensch" ein wichtiges Motiv für die Johanniter. Christliche Nächstenliebe ist die Triebfeder, dennoch ist die eher der evangelischen Kirche zuzuordnende Gemeinschaft strikt überkonfessionell, steht allen offen.

Auch das ist ein paar Jahre her. JUH-Pioniere Jochen Hawesch, Harald Rau, Rainer Roth und Rene Beger (von links) bei einer gemeinsamen Schulung. Mit viel Idealismus und gebrauchten Anzügen des Luftschutz-Hilfsdienstes war man seinerzeit unterwegs. Foto: Archiv Hawesch

Zwar ist die JUH im Hinblick auf den Rettungsdienst auch heute noch die kleinste Organisation in Schweinfurt, wurde aber in anderen Bereichen so richtig zum Aushängeschild. Zum Beispiel in Sachen Ausbildung, wie Jochen Hawesch, Sachgebietsleiter Ausbildung und Lehrbeauftragter  nicht ohne stolz anmerkt. Die Führungskräfte der Johanniter in Bayern (Gruppenführer/Zugführer etc.) absolvieren alle in Schweinfurt ihre Ausbildung. Jährlich gut 230 Teilnehmer, was knapp 500 Übernachtungen bedeutet, das ist auch ein wirtschaftlicher Faktor für die Stadt. Auch alle bayerischen Freiwilligen, die bei der JUH ein soziales Jahr absolvieren oder  Bufdi in der Erste-Hilfe-Ausbildung werden wollen, kommen nach Schweinfurt, um sich hier ausbilden und auf ihre Aufgaben vorbereiten zu lassen. 

Auch mal in der alten Malzfabrik untergebracht

Auch räumlich erinnert heute nichts mehr an die limitierte Unterkunft aus den Anfangsjahren. In den 1990er-Jahren wurde die alte JUH auf deren Kosten abgerissen und durch die Stadt ein Neubau hingestellt. Vorübergehend schlug die JUH ihre Zelte  in der alten Malzfabrik in der Hauptbahnhofstraße auf (das Gelände, auf dem heute das Kaufland steht). 1997 dann der Umzug in das neue Gebäude an alter Stelle, 2004 kam das Verwaltungsgebäude dazu. 

Die alte Dienststelle in ihrer ganzen Pracht. Foto: Archiv Hawesch

Schulterten einst ein Hauptamtlicher, engagierte Ehrenamtliche und eine handvoll Autos die ganze Arbeit, sind es heute 14 Hauptamtliche, rund 120 im umfangreichen Fahrdienst tätige Mitarbeiter und eine Flotte mit rund 70 Fahrzeugen, die täglich für ihre Mitmenschen im Einsatz sind. Auch Azubis werden ausgebildet, die Johanniter sind damit auch zum gewichtigen Arbeitgeber in Schweinfurt geworden. Neben Behindertenfahrdienst, Krankentransport und Rettungsdienst sind die Johanniter erfolgreich zum Beispiel mit den Angeboten Hausnotruf und Menüservice unterwegs. Als Lehr-Rettungswache haben die Johanniter in Schweinfurt eine herausragende Stellung.

Nicht locker gelassen und immer mit Herzblut dabei

"Wir haben klein angefangen, nicht locker gelassen, waren immer mit Herzblut dabei", erinnert sich Hawesch. Soviel Einsatz wird belohnt, der verdiente Entwicklungsschub blieb nicht aus. 

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50 Jahre JUH

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 Heute sind die unterfränkischen Johanniter mit fünf Dienststellen, einem Seniorenheim und zwei Kindertagesstätten aktiv. Neben der Regionalgeschäftsstelle in Würzburg gibt es die Ortsverbände Bad Kissingen, Miltenberg, Schweinfurt und Würzburg, eine Dienststelle in Aschaffenburg, die Kindertagesstätte in Würzburg. Rund 600 hauptamtliche Mitarbeiter und etwa 700 ehrenamtliche Mitglieder stehen bereit.

Alle Fahrzeuge der Johanniter hören traditionell im Funkverkehr auf den Namen Akkon. 1187 fiel Jerusalem in die Hände des Sultans Saladin, so dass die Johanniterorden auf den die heutige Hilfsorganisation zurückgeht, ihren Sitz 1191 nach Akkon verlegen musste. Im Bild der erste "Zivi" der Organisation, Berthold Löser, mit dem Akkon 1. Foto: Archiv Hawesch

50 Jahre Johanniter in Schweinfurt. Das wird am Freitag, 26. Juli, gefeiert. Zunächst mit einem Gottesdienst in St. Johannis, danach mit einem Empfang im Rathaus. 

Jede Mark zählt. Mit Flohmärkten wurde die Kassenlage aufgebessert. Foto: Archiv Hawesch

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