Dittelbrunn

53 Jahre an der Zapfsäule in Dittelbrunn: "Die Tankstelle war mein erstes Kind"

Sie stand mit Minirock an der Zapfsäule. Bekam Liebesanträge an der Tankstelle. Und erhält heute noch anonym Blumensträuße. Jetzt gibt Erika Eisner ihr Lebenswerk auf.
Erinnerungsfoto: Nach über 53 Jahren an der Tankstelle bedient Erika Eisner noch einmal wie in früheren Zeiten die Zapfsäule. Foto: Anand Anders

Das Capri-Eis kostete 50 Pfennig und der Liter Benzin nur sechs Pfennige mehr. Und damals war sogar noch ein Rundum-Service dabei. "Wenn ein Auto vorfuhr, reichte der Fahrer 20 Mark  aus dem Fenster und sagte volltanken", erzählt Erika Eisner. Dann wurde der Wagen nicht nur betankt, sondern auch der Ölstand gemessen, die Luft geprüft und die Scheibe geputzt. Das war 1966.

Das waren noch Preise: D-Mark-Preise. Ein Foto aus den Anfangsjahren der Shell-Tankstelle in Dittelbrunn. Foto: Archiv Eisner

Am 8. Dezember 2019, nach über 53 Jahren, beendet Erika Eisner nun ihr "Lebenswerk Tankstelle". Mit knapp 72 Jahren geht sie in Ruhestand und schließt gleichsam das Kapitel Shell in Dittelbrunn. Die Tankstelle wird zwar von einem neuen Betreiber fortgeführt, die Marke Shell verschwindet allerdings. 

Immer für die Mitarbeiter und Kunden da: Erika Eisner zwischen Shop und Büro in ihrer Tankstelle. Foto: Anand Anders
In den letzten Jahren hat Erika Eisner vorwiegend Büroarbeit gemacht. Foto: Anand Anders

Die Kunden können es sich noch nicht wirklich vorstellen – die Tankstelle ohne "die Erika". Denn an der Tankstelle am Ortsausgang von Dittelbrunn Richtung Schweinfurt kommt man nicht nur zum Tanken vorbei. Hier stoppt man für ein Schwätzchen – und tankt ganz nebenbei. "Hallo Klaus", begrüßt Erika Eisner einen älteren Herrn, der schnell mal ins Büro reinschaut und von einer anstehenden OP erzählt. Man unterhält sich über dies und jenes, über die Kinder oder Enkel, die Arbeit, den Urlaub oder die Gesundheit. Erika Eisner ist nämlich nicht nur Betreiberin einer Tankstelle, sondern auch Ansprechpartnerin bei Sorgen, Beraterin in Lebensfragen, Vermittlerin von Kontakten, Ratgeberin bei Problemen – kurzum eine Seelentrösterin für ihre Kundschaft. "Ich kenne alle persönlich, habe schon Häuser und Ehen vermittelt", erzählt sie schmunzelnd.

Schon als Kind musste Erika Eisner an der Tankstelle mit anpacken

Schwester Irma an der alten Tankstelle in Hambach. Foto: Archiv Eisner

Eigentlich wollte Erika Eisner Kinderkrankenpflegerin werden. Doch daraus wurde nichts. Ihr Vater Lorenz Schuler betrieb eine kleine Shell-Tankstelle in Hambach. "Hier musste ich immer mit anpacken", erzählt die heute 71-Jährige, so wie die anderen sechs Geschwister auch. Schon als Vierjährige habe sie den Schlegel an der Zapfsäule bedienen können. Damals wurde der Sprit noch per Hand in den Tank des Autos gepumpt. 1966 verlagerte der Vater dann die Tankstelle nach Dittelbrunn. Der Standort an der Durchfahrtsstraße in den Norden versprach ein besseres Geschäft. "Damals war hier Ackerland und noch kein einziges Geschäft", erinnert sich Erika Eisner. Damals musste man auch noch auf die Leiter steigen und die Zahlen am Preismast per Hand verschieben, wenn der Mineralölkonzern einen neuen Verkaufspreis festgesetzt hatte. "Ein- bis zweimal am Tag erfolgte das", manchmal aber auch eine ganze Woche lang überhaupt nicht. Solche stabilen Spritpreise sind längst Vergangenheit.

Ins kalte Wasser geworfen

Erika Eisner war 18 Jahre alt, als sie die Tankstelle in Dittelbrunn eigenverantwortlich übernahm. "Ich wurde ins kalte Wasser geworfen." Denn der Vater führte den Werkstattbetrieb nebenan, konnte sich nicht um die Station kümmern. Die junge Tankwartin musste alles selbst machen. Die Zapfsäule bedienen, die Kasse führen, die Bestellungen aufgeben, Ersatzteile holen, Büroarbeiten erledigen. Nur auf die Leiter am Preismast ist Erika Eisner nie gestiegen. "Das hat immer einer der Männer gemacht", weil der Wind so übers freie Feld gepfiffen ist und der Aufstieg auf sechs Meter Höhe nicht ganz ungefährlich war. Eine Frau an der Tankstelle, das war auch damals schon etwas Besonders. Vor allem wenn sie noch so attraktiv war. "Ich habe im Mini-Röckchen die Autos betankt", denkt die 71-Jährige gerne an diese Zeit zurück. Kein Wunder, dass sie an der Zapfsäule Liebesanträge bekam. Bis zum heutigen Tag hat die elegante wie eloquente Geschäftsfrau übrigens ihre Verehrer. So verrät Sohn Marcus, dass alljährlich zum Valentinstag anonym Blumensträuße für die Chefin abgegeben werden.

Früher erhielten die Kinder einen Kirschlutscher, heute Fruchtbonbons

Ehemann Hans-Jürgen (rechts) betankt den Wagen von Dieter Stegmann. Foto: Archiv Eisner

Erika Eisner wehrt ab: "Mein großer Rückhalt und meine rechte Hand, das war mein Mann." So hat Hans-Jürgen Eisner neben der Leitung des benachbarten Autohauses mit Werkstatt auch seiner Ehefrau an der Tankstelle den Rücken freigehalten, sich um alles Technische gekümmert, hier und da etwas repariert oder ein Auto aus der Waschanlage gefahren, wenn der Kunde es schräg hineingesetzt hatte. Aus gesundheitlichen Gründen musste er 2014 in den Ruhestand gehen.

Für Erika Eisner kamen dann noch mehr Aufgaben hinzu. Denn die Tankstelle war nach zweimaligem Umbau in den 1980er- und 1990er-Jahren mittlerweile um einen Einkaufsshop und ein Stehcafe vergrößert worden. "Früher gab es hier nur das Notwendigste", zum Beispiel Scheibenwischerblätter oder Glühbirnen. Zigaretten, Spirituosen oder Süßigkeiten, das bekam man an der Tanke noch nicht. Allerdings einen Kirschlutscher. Den hatte Erika Eisner immer für die Kinder parat, die im Wagen ihrer Kundschaft saßen. Bis heute hat sie diese nette Geste, die ihr Vater eingeführt hat, beibehalten. Nur statt Lollis gibt es jetzt Fruchtbonbons.

Ende der 1970er-Jahre erfolgte der Umbau zur SB-Tankstelle. Die Kunden mussten jetzt selbst Hand anlegen. Foto: Archiv Eisner

1977 erfolgte der Umbau der Tankstelle auf Selbstbedienung. Erika Eisner musste fortan nicht mehr bei Wind und Wetter an der Zapfsäule stehen. Dafür wurde der Shop größer und die Büroarbeit mehr. Von morgens um sieben bis abends um neun dauerte der Arbeitstag. Und am Wochenende nachts wurden die Abrechnungen gemacht. Erika Eisner hatte damals schon Tochter Carolin und Sohn Marcus. "Aber die Tankstelle war mein erstes Kind", bedauert die 71-Jährige rückblickend, dass sie kaum Zeit für ihre beiden Kinder hatte. Sohn Marcus ist in den Betrieb hineingewachsen, führt heute das Autohaus, und hat selbst viele schöne Erinnerungen an "früher". Zum Beispiel an Feste, die mit der Kundschaft an der Tankstelle gefeiert wurden. Oder an den Sonntagsgottesdienst, den der Pfarrer unter dem Motto "Auftanken für die Seele" bezeichnenderweise an Erika Eisners Tankstelle verlegt hatte. 

Noch bis Mitte nächster Woche leuchtet die Shell-Muschel an der Tankstelle in Dittelbrunn. Ab 12. Dezember übernimmt die Shell-Tochter Rheinland-Kraftstoff die Station. Foto: Anand Anders

Zweimal waren Einbrecher und Diebe da

Es gab aber auch weniger schöne Ereignisse in den vergangenen 53 Jahren. Zweimal wurde im Tankstellenshop eingebrochen und Ware gestohlen. Davor hatte sich Erika Eisner nie Sorgen um ihre Sicherheit gemacht, ist früher sogar mit den Tageseinnahmen im Geldsäckchen unterm Arm unbekümmert zur Bank marschiert. Die schönen Erinnerungen überwiegen für sie, auch lustige gibt es. Zum Beispiel, als zwei Smart-Fahrer ihre Autos eng hintereinander in die Waschanlage fuhren, um nur einmal bezahlen zu müssen. Das hat natürlich nicht geklappt, die Anlage ist nicht angesprungen. Oder die Dame, die ihren Wagen mit geöffneten Türen dort abstellte, weil auch die Einstiege gesäubert werden sollten. Nach der Wäsche waren die Türen weg und die Waschanlage defekt. Ein teurer Spaß. 

Beim Blick zurück kommt Wehmut auf: "Es waren schöne Zeiten, unheimlich familiär." Jeden Sonntag wurde am Stammtisch in der Tanke gekartelt und vom Erlös der vielen Kartrunden regelmäßig ein Spanferkelessen finanziert. "Heute geht so etwas gar nicht mehr", verweist Erika Eisner auf Ausschank-Bestimmungen, Auflagen und Vorschriften, die im Lauf der Jahre immer mehr wurden. Spaß hat ihr die Arbeit immer gemacht, denn die Tankstelle war ihr Leben. Am Ende dieser Woche beginnt für Erika Eisner ein neuer Lebensabschnitt mit "endlich Zeit für die Familie". Und die Tankstelle? "Da komme ich dann nur noch zum Tanken vorbei."     

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