Dittelbrunn/Schwebheim

60 Jahre Mini: Wie drei Meter die Welt bewegten

Besonderes Fortbewegungsmittel und Hobby: Werner Jegers am Mini Mayfair Cabrio von 1990, einem Umbau des Oldenburger Mini-Spezialisten Mengers. Foto: Dominik Großpietsch

„Drück mal richtig drauf! Der hat noch Dampf!“ Die Tachonadel hat gerade die 100-km/h-Marke geknackt. Landstraße. Steht hier eigentlich ein Blitzer? Werner Jegers ist das egal. Er grinst – und lauscht bei der kurzfristig anberaumten Testfahrt dem Grollen der Doppelrohr-Auspuffanlage. Eine Kurve?! Spätestens jetzt ist sie in ihrem Element, die drei Meter lange Blechbüchse, die alle Mini nennen.

Dass die Kiste nach 60 Jahren immer noch gut auf der Straße liegen würde?  Ein so langfristiger Erfolg war nicht abzusehen, als am 18. August 1959 die ersten der in Birmingham hergestellten Fahrzeuge auf den Markt kamen. Und auch Alec Issigonis, der Konstrukteur, dachte wohl nicht 60 Jahre voraus, als er 1956 nach der Sperrung des für Öltransporte wichtigen Suezkanals ein paar Striche und Anmerkungen auf eine Serviette kritzelte. Das Auto sollte klein sein. Und sparsam. Der griechisch-britische Konstrukteur entwarf einen kompakten, bezahlbaren und geräumigen Viersitzer mit guter Straßenlage - ein Auto für die erste Energiekrise mit deutlich spürbaren Auswirkungen für die westliche Welt.

Über 40 Jahre lang laufen Neufahrzeuge vom Band

Zugetraut hatte man es Issigonis nicht wirklich. Günstig, klein, viersitzig und komfortabel? Geht das überhaupt? Es ging. Mit Frontantrieb. Der Konstrukteur verband einen kleinen, quer eingebauten Vierzylinder-Reihenmotor direkt mit dem Getriebe, der Motor schloss nach unten hin mit einer Ölwanne ab. Das Getriebe wurde also vom Motoröl geschmiert. Der Kühler landete zwischen Motor und linkem Vorderrad, statt Stahlfedern sollte eine platzsparende Gummifederung die Unebenheiten ausgleichen. Mit den heute winzig anmutenden Zehn-Zoll-Rädern und den kurzen Karosserieüberhängen ließ sich das Fahrzeug auf gerade mal gut drei Meter Länge begrenzen, obwohl innen vier Erwachsene Platz hatten.

Fuhr im Mini Bergrennen: Claus Hemetsberger denkt bis heute gerne an die Zeit zurück. Foto: Dominik Großpietsch

Ein Meilenstein. Eine Legende. Oder „einfach cool“, wie Werner Jegers sagt. Der Rentner aus Dittelbrunn im Landkreis Schweinfurt schält sich aus seinem grünen Mini 35 – einem Sondermodell von 1994, zum 35-Jährigen. Der Mini war da längst angekommen. Wo? Überall. Nicht nur bei Arbeitern und Geringverdienern war das Modell der British Motor Corporation (BMC), dem Zusammenschluss der Austin Motor Company mit der Morris Motor Company, beliebt.

Arbeiter, Akademiker, die Chefs, Frauen: Jeder wollte einen. Jegers führt in seine Garage und zeigt auf ein vergilbtes Bild: „Da, das war mein Erster. Beige mit braunem Dach!“  1975 war es um den gebürtigen Würzburger geschehen. Mit einem Innocenti begann Jegers mehr als vier Jahrzehnte währende Leidenschaft für die Minis. 

Versierter Schrauber: Bis vor einem Jahr hielt Werner Jegers alle seine Minis selbst in Schuss. Foto: Dominik Großpietsch

Auch Claus Hemetsberger nickt: „Für den Rennsport genial.“ Ihn hatte es schon fünf Jahre vor Jegers gepackt. 1970, die Minis hatten da schon drei Mal offiziell die Rallye Monte Carlo gewonnen. Hemetsberger, damals 24, zahlte 3500 Mark - und ein gut erhaltener Kleinwagen wechselte den Besitzer. Mit dem raste der Schwebheimer bei Bergrennen in die Höhe, bis in der Fränkischen Schweiz mal eine Leitplanke im Weg war. Den Kfz-Mechaniker packte der Ehrgeiz, ein halbes Jahr später war sein Rennwagen dann auch wieder startbereit und dabei. Der 73-Jährige legt die Schwarz-Weiß-Aufnahmen behutsam auf den Esstisch: „Man konnte alles selber machen. Mann, hab ich diese Minis geliebt.“ Er schmunzelt, ein wenig wehmütig. Nach zwei Exemplaren war für ihn Schluss.

Lange Fahrten zum Mini-Spezialisten

In Dittelbrunn, in seiner Schrauber-Garage, legt Werner Jegers indes kurz eine Denkpause ein. „Das sind jetzt Nummer vier und fünf.“ Er lehnt am silbernen Mayfair-Cabrio, das mittlerweile seiner Tochter Simone gehört. Es ist ein Umbau des niedersächsischen Mini-Spezialisten Mengers – Luxus und Exklusivität pur. Eigentlich ein Widerspruch zur Grundidee Issigonis'. „29.000 Mark hat der 1990 gekostet“, sagt Jegers, früher Fuhrparkleiter einer Spedition. „Den haben wir neu gekauft. Simone wollte den unbedingt, hat sich beteiligt. Dann war das okay.“

„Für den Rennsport genial.“
Mini-Enthusiast Claus Hemetsberger über die Eignung des Kult-Autos

Dass der Edel-Mini an diesem Tag nicht raus darf, hat seine Gründe. Das Verdeck soll bald erneuert werden, zudem steht der Service an. „Die Mädli machen halt nix“, sagt Jegers. Er selbst hielt seine britischen Automobile bis vor einem Jahr noch komplett selbst fit. Jetzt, gesundheitlich etwas angeschlagen, packt er die Kleinen meist auf den Hänger, setzt sich ins Wohnmobil und fährt mit seiner Frau gen Norden, fast 600 Kilometer nach Oldenburg - zu Mengers. Da muss der kleine Grüne bald wieder hin. Den Urlaub an der Nordsee machen die Jegers dann nebenbei. 

„Da!“ Gerade ist das rollende Kultobjekt im Auto-Rentenalter flink über eine Bodenwelle im Wohngebiet gehüpft. Jegers passt das gar nicht. Das Sportfahrwerk, es ist zu hart. Eine Überarbeitung ist nötig – wirklich günstig wird das nicht. Ein Phänomen, dass die Minis immer stärker heimsucht. Die Preise gut erhaltener Fahrzeuge klettern, fachkundige Mechaniker werden seltener – und besonders am zeitlos schönen Blechkleid nagt die Zeit.

 

120 DM für den Tankdeckel

Die revolutionären Fahrzeuge, von denen zwischen August 1959 und Oktober 2000 insgesamt 5,4 Millionen aus den Fabrikhallen in alle Welt rollten, können im Alter vor allem eins: rosten. Und wenn man davon etwas sieht, ist es meist auch schon zu spät. Dann muss der Karosseriebauer Hand anlegen – wenn denn noch etwas zu retten ist. Die Ersatzteil-Versorgung sei allerdings gut, sagt Jegers. Viele Teile werden noch immer produziert. Und wenn nicht, halten die Mini-Fahrer zusammen und helfen sich aus.

„Er pflegt die Minis schon.“ Elke Jegers, die vor dem Einfamilienhaus am Dittelbrunner Ortsrand an einem Tischchen sitzt, braucht keine großen Worte, um ihren Mann zu loben, der ihr schmuckes Alltagsfahrzeug mit ein paar Modifikationen auf 70 PS getrimmt hat. Für die Optik hat der Ehemann mal 120 Mark für einen Jaguar-Tankdeckel ausgegeben – weil er ihm einfach gefällt. Denn darum geht’s. Cabrio-Version fürs Frischluft-Vergnügen, verlängerter Radstand oder eine Ladefläche sind auch nur der Anfang dessen, für das Enthusiasten gerne mal bündelweise Scheine locker machen.

Spaßfahrzeug für den Alltag: Werner Jegers fährt einen Mini 35. Ein Sondermodell, das anlässlich des 35. Produktionsjahr... Foto: Dominik Großpietsch

Dass der Mini, in dem der englische Kult-Komiker Rowan Atkinson alias Mr. Bean einst über die Mattscheiben raste, nun nicht mehr das ist, was er einmal war  . . . Es hat wohl auch damit zu tun, dass BMW nicht nur den Namen übernahm, sondern den neuen MINI immer größer werden ließ. Nicht ganz im Sinne des Erfinders und nicht im Sinne der echten Fans.   

Der klassische Mini
Mini wird das Pkw-Modell genannt, das von Sommer 1959 bis Herbst 2000 von der British Motor Corporation (BMC), dem Zusammenschluss der Austin Motor Company mit der Morris Motor Company, sowie den Nachfolgefirmen British Leyland und Rover oder von Lizenzpartnern wie Innocenti (Italien) gebaut wurde. Durch den Frontantrieb und den quer eingebauten Vierzylindermotor verbunden mit der neuartigen kompakten Karosserie gilt der Mini als Meilenstein in der Auto-Entwicklungsgeschichte. Andere Hersteller griffen diese fortschrittliche Konzeption erst Jahre später schrittweise auf. Den Namen und stilistische Merkmale des klassischen Minis tragen seit Frühjahr 2001 die Fahrzeuge der Marke MINI von BMW.

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