SChWEINFURT

70 Jahre Kriegsende: Chewinggum und Schießbefehl

Am 11. April 1945 war der Zweite Weltkrieg auch in Schweinfurt zu Ende. Mit dem Einmarsch der US Army begann eine neue Zeit.
Einmarsch der US Army in Schweinfurt am 11. April 1945. Foto: Stadtarchiv Schweinfurt

Sie kamen – zunächst – ausdrücklich als Sieger, nicht als Befreier, und brachten doch Schokolade und Chewinggum mit: Als am 11. April 1945 die 42. US Infanteriedivision, bekannt als „Rainbow Division“, und die 12. US Panzerdivision einmarschierten, war der Krieg auch in Schweinfurt vorbei. Dem Einmarsch waren am Tag zuvor die letzten der über 20 Luftangriffe vorausgegangen – in zwei Bombardements warf die Tactical Air Force noch einmal je 400 Sprengbomben über dem nordwestlichen Stadtgebiet ab. Dabei starben 137 Einwohner, weitere Tote gab es bei den Besatzungen der Flakbatterien und bei den letzten Truppen in der Stadt.

Anders als etliche andere NS-Bürgermeister übergab Oberbürgermeister Ludwig Pösl, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, die Stadt persönlich und kampflos an die amerikanische Militärregierung, die im weitgehend unbeschädigten Justizgebäude Quartier nahm. Pösl tauchte auch nicht unter, sondern nahm sich mit einem Sprung aus dem obestern Stockwerk der Goetheschule das Leben, nachdem ihn die – nicht zutreffende – Nachricht erreicht hatte, seine Frau habe zuerst die beiden Kinder und dann sich selbst getötet.

In den Ausstellungen „Schweinfurt im Luftkrieg“ (2013) und „Schweinfurt und seine Amerikaner“ (2014) hat die Kunsthistorikerin Daniela Kühnel zwei zentrale Aspekte des Zweiten Weltkriegs in Schweinfurt aufgearbeitet. Die Kataloge geben einen guten Überblick auch über die Geschehnisse bei Kriegsende. Kühnel hat dazu viele Zeitzeugen befragt und zitiert. Elisabeth Wörner etwa, die den Einzug der Panzer als 13-Jährige erlebte. Sie erinnert sich, dass die Panzer mit jeweils drei schwarzen und drei weißen Soldaten besetzt waren. Immer zwei GIs gingen schwer bewaffnet in die Häuser, um zu sehen, wer sich darin aufhielt. Elisabeth traute sich, einen der Soldaten anzusprechen, der sie prompt ein nettes Mädchen nannte.

„Ja, diesen Tag werde ich nicht vergessen, denn ich wusste ja, dass man meinen Vater hätte erschießen können.“
Maria Klein war beim Einmarsch der Amerikaner sieben Jahre alt

Dramatischer sind die Erinnerungen von Maria Klein, geborene Gumsheimer, damals sieben Jahre alt, die sie der Redaktion gefaxt hat. In den Tagen vor Kriegsende sprach sich herum, dass die Amis scharf auf Fotoausrüstungen und Uhren seien. Marias Vater hatte eine Fotoausrüstung, die er deshalb versteckte, doch zunächst waren die GIs offenbar vor allem hungrig: „Im Keller sah es fürchterlich aus“, schreibt Maria Klein, „denn da waren vier Amis und aßen eingemachtes Obst, und die Sauerkirschen waren ihnen nicht süß genug, die warfen sie mit den Gläsern auf den Boden. In unserer Küche war auch etwas Essbares, und zwei Amis saßen dort und verspeisten es.“

Als die Soldaten in der Nachbarwohnung ein Hitlerbild fanden, musste die Familie erklären, dass sie damit nichts zu tun hatte, was ihr auch gelang.

Der Vater hatte seine Uhr in der Innentasche seines Trainingsanzugs versteckt, wo sie aber ein Soldat aufspürte. „In Zeichensprache forderten sie meinen Vater auf, die Uhr herzugeben, zielten dann mit der Pistole auf meinen Vater. Ich schrie, so laut ich konnte, und mein Vater schüttelte den Kopf. Die Pistole wurde genau auf die versteckte Uhr gerichtet, da verließ ich schreiend das Haus und schrie ,Hilfe'. Dies hörte der Ami, der mir vorher über den Kopf gestreichelt hatte, und eilte herbei. Ich war wieder schreiend bei meinem Vater, klammerte mich an ihm fest und schrie bis der nette Ami kam und die Pistole von seinem Kollegen wegnahm. Ja, diesen Tag werde ich nicht vergessen, denn ich wusste ja mit sieben Jahren, dass man damit meinen Vater hätte erschießen können. Dieser Amerikaner erklärte uns später auch noch, warum die Amis scharf auf Armbanduhren waren. Die Amerikaner glaubten nämlich, die Deutschen hätte alle die ihnen bekannten guten Schweizer Uhren.“

Die gerettete Fotoausrüstung konnte die Familie 1947 mit der Hilfe des netten Amis gegen einen Truthahn eintauschen, um die Gäste bei Marias Kommunion zu bewirten.

Die Kinder von damals erinnern sich an die Jeeps, an viele freundliche Gesten und an die kleinen Geschenke: Schokolade und Chewinggum. Viele sahen damals zum ersten Mal farbige Menschen. Siegfried Näder, Jahrgang 1934, erlebte den Einmarsch im Bergl-Bunker. Ein schwarzer GI kam auf der Suche nach versteckten deutschen Soldaten herein und stieß mit dem Gewehrlauf in die Betten. Als die Menschen erschraken, entschuldigte er sich, griff in seine Tasche und holte Kaugummi heraus, den er den Kindern reichte. Die Geschwister teilten sich einen Chewinggum, und am Abend klebte jedes sein Stück an den Bettpfosten, um es am nächsten Tag weiterzukauen.

Vier Jahre alt war Gerhard Bach bei Kriegsende. Am Telefon berichtet er, wie ein amerikanischer Soldat mit dem Gewehrkolben an die Tür in der Wingerstraße klopfte und alle aufforderte, das Haus binnen einer Stunde zu verlassen. Die vierköpfige Familie kam für 14 Tage in der Waschküche von Nachbarn unter. Währenddessen waren Soldaten in ihrem Haus einquartiert, erzählt Bach. „Als wir zurückkamen, war alles kaputt.“ Amerikaner lebten später in der Nachbarschaft, die Verbindung ist dann doch noch gut geworden. Gerhard Bach erinnert sich gerne an Eiscreme und an seine erste Schokolade.

Martin Wunder war 16, als die Amis kamen. Auch er und seine Mutter mussten aus ihrer Wohnung und kamen in einem Bunker unter. Als sie wieder in ihr Reihenhaus am Bergl kamen, erlebten sie eine nette Überraschung: Die Amis hatten bei ihnen im Wohnzimmer Brotzeit gemacht. Corned Beef, Kekse waren noch da – und eine fast volle Schachtel Chesterfield-Zigaretten. Die durfte Martin Wunder rauchen – obwohl die auf dem Schwarzmarkt einiges wert gewesen wären.
 

Hier geht es zu einem Bericht und einem Video über das Kriegsende

So waren die letzten Tage Naziherrschaft

Einen Tag nach dem Einmarsch ließ die Army alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren auf dem Platz zwischen Goetheschule und Goethebunker antreten, um sie zu befragen. Einige wurde verhaftet, andere durften nach Hause zurückkehren. Sofern es ein solches noch gab – 50 Prozent der Wohngebäude waren zerstört, die noch etwa 23 500 Menschen in der Stadt lebten unter schwierigen Bedingungen.

Die Entnazifizierung begann mit der Besatzung: Nationalsozialistische Angestellte und Beamte in der Verwaltung mussten gehen, zwischen 10. und 20 Juli 1945 wurden 140 von ihnen entlassen. Entnazifiziert wurden auch Gebäude, Plätze und Straßen – Symbole verschwanden, Straßen wurden umbenannt, in Schweinfurt waren es über 30. So wurde aus der Adolf-Hitler-Straße wieder die Spitalstraße, aus der Horst-Wessel-Straße die Gymnasiumstraße und aus der „Hans-Schemm-Schule“, benannt nach dem bayerischen NS-Kulturminister, die Schillerschule.

Getreu ihrem anfänglichen Motto, als Sieger und nicht als Befreier gekommen zu sein, kontrollierte die amerikanische Besatzungsmacht anfangs alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Zweisprachige Aushänge und ab August ein Mitteilungsblatt informierten die Bevölkerung über die neuen Regeln. So galt eine nächtliche Ausgangssperre bis 5 Uhr. Auf einem Aushang wird ausdrücklich gewarnt: „Die Militärwachen haben Befehl erhalten, auf alle Personen zu schießen, die währende der Ausgangsbeschränkung außerhalb ihrer Wohnung gesehen werden und die sich zu verbergen oder zu entkommen versuchen.“ Für die Weihnachtsnacht 1945 wurde allerdings eine Ausnahme gemacht: Mit Rücksicht auf den alten Brauch der Christmette wurde in ganz Bayern in der Nacht auf den 25. Dezember die Ausgehzeit bis 3 Uhr morgens verlängert.

Das Kommando des Militärs gab die Verwaltung der Städte in die Hände speziell ausgebildeter Teams, so auch in Schweinfurt. Und setzte bereits am 12. April 1945 einen neuen Oberbürgermeister ein. Die Wahl fiel auf Otto Stoffers, Direktor der Gademannschen Fabrik, der im Amt blieb, bis am 6. Juni 1946 der erste demokratisch gewählte Stadtrat und der neue Oberbürgermeister Ignaz Schön die Arbeit aufnahmen.

Zum Gedenken an 70 Jahre Kriegsende in Schweinfurt veranstaltet Nils Brennecke am 11. und 12. April ein Gedenk-Wochenende im Hochbunker A8 in der Ernst-Sachs-Straße. Zu sehen ist die Ausstellung „Schweinfurt im Luftkrieg 1943–1945“, die 2013 für die Halle Altes Rathaus konzipiert wurde. Hinzu kommen Vorträge von Experten und Zeitzeugen. Der Bunker ist an beiden Tagen ab 10 Uhr geöffnet. Mehr Infos unter www.fichtelundsachsbunker.de

Kurz nach Kriegsende: Schweinfurter Kinder treffen auf GIs in einem Jeep, der schnell zum Symbolfahrzeug für die Army wurde. Foto: Dieter Schorn
Am Rathausturm weht die amerikanische Flagge, vor dem Gebäude stehen Army-Fahrzeuge. Foto: Stadtarchiv Schweinfurt
NS-Namen verschwinden aus dem Stadtbild, hier wird aus der Adolf-Hitler-Straße wieder die Spitalstraße. Foto: Stadtarchiv Schweinfurt
Ausgangssperre: Die deutsche Hälfte einer Bekanntmachung der US-Militärregierung.

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