GRAFENRHEINFELD

AKW-Rückbau: Kritiker sorgen sich um strahlenden Bauschutt

Außen sieht man noch nichts, aber der Rückbau des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld hat schon begonnen. Die Kritiker Edo und Babs Günther wehren sich dagegen, dass das Abbruchmaterial wie normaler Bauschutt behandelt wird. Foto: Josef Schäfer

Am 11. April hat das bayerische Umweltministerium die Genehmigung zum Abriss des stillgelegten Atomkraftwerks Grafenrheinfeld erteilt, auf die Betreiber Preussen-Elektra sehnlichst gewartet hat. Denn das Unternehmen hat schon frühzeitig entschieden, den Rückbau so schnell wie möglich anzugehen. Die Pläne von Preussen-Elektra und die Rahmenbedingungen sehen Edo Günther (Bund Naturschutz) und Babs Günther (Aktionsbündnis gegen Atomkraft) kritisch.

Zu den wichtigsten Vorbehalten zählt für sie das so genannte Zehn-Mikrosievert-Konzept. Es sieht vor, dass die radioaktiven Teile der Anlage soweit gereinigt werden müssen, dass Einzelpersonen einer effektiven Strahlung von maximal zehn Mikrosievert pro Jahr (µSv/a) ausgesetzt wird. So steht es in der Strahlenschutzverordnung. Um das zu gewährleisten, werden die Bauteile in Stücke zerteilt, um sie in einem Gerät „freimessen“ zu können. Vertreter der des Betreibers haben stets die Position vertreten, dass die erlaubte Exposition angesichts der natürlichen Strahlung von etwa 2000 (µSv/a) unerheblich seien.

„Gefährliche Niedrigstrahlung“

Das Ehepaar Günther sieht das anders. Es werde in einem gewissen Umfang zusätzliche radioaktive Strahlung freigesetzt, sagte es im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch solche Niedrigdosen seien gefährlich. Edo Günther verweist auf eine Veröffentlichung des Präsidenten der baden-württembergische Ärztekammer, Ulrich Clever, der argumentiert, dass es „keine unschädliche ionisierende Strahlung gibt“. Deswegen kritisiert er das Vorhaben, „freigemessene“ Abfälle wiederzuverwenden oder wie herkömmlichen Bauschutt zu deponieren.

„Die Politik hat keine Lust, sich mit anderen Alternativen auseinanderzusetzen“, sagt Edo Günther dazu. Er fordert, dass auch andere Maßnahmen als die bisherigen geprüft werden, wie am besten mit den Baustoffen umgegangen werden soll. Zum Beispiel, sie gesondert und abgeschlossen zu deponieren. Schon gar nicht sollten sie in den Wertstoffkreislauf gelangen. „Die Freimessung ändert nichts am Potenzial der Strahlung“, sagt Babs Günther. Deswegen ist es in ihren Augen auch unerheblich, ob die Grenzwerte beispielsweise auf fünf oder 20 µSv/a festgelegt werden.

Günther mahnt Gesamtkonzept an

Edo Günther sieht den Umgang mit dem stillgelegten Atommeiler in der Nähe Schweinfurts in einem Gesamtzusammenhang. Es geht neben dem Rückbau um die Lagerung hochradioaktiven Mülls im Zwischenlager (Bella) und des schwachradioaktiven in der Bereitstellungshalle (Beha), die Preussen-Elektra noch bauen will. Diese Verfahren würden einzeln durchgeführt. Dabei müsse man das Gesamtpaket betrachten. Etwa, dass ein Endlager in Deutschland noch gar nicht existieren werde, wenn die Betriebsgenehmigung für „Bella“ 2046 auslaufe.

Und er fragt sich, warum der Betreiber bei der Genehmigung in Deutschland dreifach höhere Emissionen beantragt hat als bei Bella, wo die verbrauchten Brennstäbe lagern. Günther gibt sich die Antwort selbst: Der schwach- und mittelradioaktive Abfall, der beim Abriss anfällt, werde wohl länger in Grafenrheinfeld gelagert „als man uns weiszumachen versucht“. Nach seiner Kenntnis liege für „Beha“ schon eine Einlagerungsgenehmigung vor: „Warum sagt man das nicht der Öffentlichkeit?“

Vier-Wochen-Frist für Klage

Insgesamt sehen die Günthers die Auseinandersetzung um den Rückbau als einen Kampf mit ungleichen Waffen. Sie werfen nicht nur Preussen-Elektra unzureichende Information der Bevölkerung vor, sondern auch dem Freistaat mangelnde Beteiligung der Öffentlichkeit: Am 11. April lag die Genehmigung vor; der Klageweg sei nur einen Monat offen in einem Verfahren, mit dem sich Betreiber und Behörden viele Monate hätten beschäftigen können. Und ein Runder Tisch wie anderswo sei nicht in Sicht.

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