"Ach, der arme Justin sitzt da drin"

Schweinfurt (HH) Der Bericht über die jüdische Familie Mohrenwitz, die von den Nazis zwischen 1935 und 1942 vertrieben oder umgebracht wurde, hat viele Leser berührt und zum Telefonhörer greifen lassen. Anlass für die Erinnerung an die Schweinfurter Familie war der erstmalige Besuch eines der Nachfahren, des Australiers Jeff Meyer.
Der Vater der 1922 geborenen Schweinfurterin Rosl Gock ist Kilian Düring. Dieser lernte bei Familie Mohrenwitz, die am Kornmarkt eine der größten Wein- und Spirtuosenhandlungen Frankens betrieb, das Schreinerhandwerk. Rosl Gock hat ihren 1888 geborenen Vater auf dem in der Zeitung veröffentlichten Foto von 1911 sofort erkannt ("vorne links steht er").

Rosl Gock erinnerte sich beim Studium des Berichts sofort eines Spaziergangs am Höpperle im Jahr 1939 mit den Eltern, der sie auch an der Hadergasse vorbei führte. Der damalige Firmenchef Dr. Justin Mohrenwitz war gerade von den Nazis inhaftiert worden. Ihr Vater blieb am Gefängnis stehen und stellte bedauernd fest: "Ach, der arme Justin sitzt da drin."

Genau in diesem Moment hätten die Familienmitglieder eine aus einem Gitterfenster winkende Hand bemerkt. Die besorgte Mutter Elisabeth Düring habe Ehemann und Tochter zum Weitergehen aufgefordert: "Um Gottes Willen, wenn das jemand sieht."

Dieser Satz hat sich bei ihr eingebrannt, sagt Rosl Gock, die damals 17 Jahre alt war. Justin, dem später die Flucht in die USA gelang, ist ihr als kleiner, stets freundlicher und zuvorkommender Mann in Erinnerung geblieben.

Sie denkt gerne an die "sehr nette" Familie Mohrenwitz zurück. Das Schlimmste sei gewesen, dass man Ende der 30er Jahre öffentlich nicht mehr in Kontakt treten durfte. Sie habe damals bei Kurzwaren Fischer gearbeitet, und wenn ein Mohrenwitz aus diesem Geschäft etwas benötigte, dann habe sie die "Bestellung" auf einen Zettel gekritzelt entgegengenommen und die Ware heimlich unter der Wohnungstüre im 2. Stock Am Kornmarkt 5 durchgeschoben.

Als sie "weg mussten", sei das "furchtbar gewesen", sagt Rosl Gock. Dass Ilse Mohrenwitz, die letztes Jahr in den USA 85. Geburtstag feierte, in den 70er Jahren Schweinfurt besucht hat, wusste sie nicht. "Mit der Ilse hätte ich gerne mal gesprochen."

Auch Erich Christoffel erkannte seinen 1896 geborenen Vater Ernst Christoffel auf dem Foto. Dieser lernte bei Mohrenwitz den Beruf des Kontoristen, gründete 1928 mit seinem Bruder Eugen - neben der Weinhandlung - das Pianohaus Christoffel, das die Gründer mangels Nachfrage 1931 wieder schließen mussten. Die Familie Mohrenwitz sei den Christoffels "fast wie eine Familie gewesen".

Der 86-jährige Karl Philipp kann sich noch genau an die Begegnungen mit den Mohrenwitz-Kindern erinnern. Wie die jüdische Großfamilie wuchs er am Kornmarkt auf, Hauptbeschäftigung war das Spiel mit Glaskugeln, die in Löcher in der Straße bugsiert werden mussten.

Die Mohrenwitz-Arbeiter seien schon oft vor 6 Uhr morgens auf dem Gehsteig gesessen und hätten dort auf den Arbeitsbeginn gewartet, berichtet Philipp. Der Senior lebt heute allein am Bergl, seine Frau Emilie (84), mit der er 60 Jahre verheiratet ist, in einem Pflegeheim. "Mich verpflanzt keiner mehr."

Der zwischenzeitlich wieder nach Australien zurückgekehrte Jeff Meyer hat sich in einer E-Mail für die teilweise herzlichen Begegnungen in Schweinfurt bedankt, in erster Linie beim Tagblatt, bei Elisabeth Böhrer sowie Alt-OB Kurt Petzold und seiner Frau Gisela, die sich intensiv mit ihm über die Vergangenheit ausgetauscht hätten. Überrascht habe ihn die große Unkenntnis vieler Menschen über die Geschichte der Schweinfurter Juden, die doch über 100 Jahre zurückreiche.

Diesem Mangel schreibt Meyer auch zu, dass an die Synagoge und das Schicksal der jüdischen Gemeinde nur ein kleiner Gedenkstein am Rand eines Parkplatzes (Sparkasse, Siebenbrückleinsgasse) erinnert, mit kaum leserlicher Beschriftung. "Hier muss etwas getan werden", sagt Meyer. An die Synagoge und die Juden sollte angemessener erinnert werden - besonders vor dem Hintergrund, dass die Erinnerung an das, was geschehen ist, aufrecht erhalten werden müsse. Er habe sich sehr mit der Historie befasst, könne aber bis heute nicht verstehen, "warum das alles passiert ist".

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