SCHWEINFURT

Alltag in einem verschwundenen Staat

Es ist nur ein Bild, und doch mehr. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Menschen, die am Strand der Ostsee sehnsuchtsvoll in Richtung Dänemark blicken. Die Menschen sind Bürger der ehemaligen DDR. Natürlich weiß jeder Zehntklässler des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums, dass die ehemalige DDR eine Diktatur war, dass die Menschen dort eingesperrt waren und keine Reisefreiheit besaßen. Richtig begreifbar aber wird diese Absurdität erst durch das Schwarz-Weiß-Bild des Fotografen und Publizisten Siegfried Wittenburg aus Wernemünde bei Rostock.

Das Bild, das er den 130 Schülern der 10. Jahrgangsstufen in seinem Vortrag am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium zeigt, ist eines von vielen. Sie zeigen eindrucksvoll, wie unerträglich grau und bedrückend das Alltagsleben in einer Utopie, der vorgeblich idealen Gesellschaft DDR war.

Siegfried Wittenburg präsentiert den Schülern zwei schlichte Buchstaben, „A“ und „I“. Was steckt dahinter? Schon in der Grundschule wurden die Kinder in zwei Kategorien geteilt: „A“ hieß, die Eltern gehören zur Arbeiterklasse; „I“, die Eltern der Kinder gehören zur Intelligenz, sind also Akademiker. Kinder der Kategorie „A“ wurden gefördert, Kindern der Kategorie „I“ wurden bei Ausbildung und Berufswahl aus ideologischen Gründen Steine in den Weg gelegt. Sie hatten kaum Chance auf ein Studium, wurden bei der Berufswahl benachteiligt.

Wittenburg zeigt das Bild einer nur scheinbar unbeschwerten jungen Frau, sie gehört zur Kategorie „I“, der trotz brillanter Noten Bildungschancen verwehrt werden. So sehr trifft das die junge Frau, dass sie daran zerbricht und sich auch nach dem Ende der DDR von diesen seelischen Verletzungen nicht mehr richtig erholen kann.

Bislang abstraktes Wissen aus dem Geschichtsbuch wird so anschaulich, lebendig und begreifbar. Siegfried Wittenburg betont gleich mehrmals, dass er 38 Jahre seines Lebens in der Diktatur habe leben müssen, dass er aber seit dem Ende der DDR 1989/90 keine Wahl versäumt habe und die Teilnahme an freien Wahlen als eine Verpflichtung gegenüber der Demokratie ansieht. Das ist dann eine deutliche Mahnung an die Schülerinnen und Schüler zur Teilhabe am Staat, die nach all den Bildern mit den dazugehörigen Geschichten vom jungen Publikum auch so verstanden wird.

Ermöglicht wurde dieser spannende Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe durch eine Zusammenarbeit des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

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