EBRACH

Als Günter Grass im Ebracher Knast landete

Günter Grass in Ebrach: Anlässlich einer Lesung in Bayerns größter Jugendstrafanstalt im Dezember 2010 trug sich der am Montag im Alter von 87 Jahren gestorbene Literaturnobelpreisträger ins Goldene Buch der JVA ein. Mit im Bild: JVA-Leiter Gerhard Weigand.
Günter Grass in Ebrach: Anlässlich einer Lesung in Bayerns größter Jugendstrafanstalt im Dezember 2010 trug sich der am Montag im Alter von 87 Jahren gestorbene Literaturnobelpreisträger ins Goldene Buch der JVA ein. Mit im Bild: JVA-Leiter Gerhard Weigand. Foto: Norbert Vollmann

Nein, seine damals 83 Jahre sah man Günter Grass absolut nicht an, als er kurz vor Weihnachten 2010 zu einer Lesung in die Justizvollzugsanstalt Ebrach gekommen war. Zwar leicht gebückt, aber ansonsten vital und geistig ohnedies hellwach las der am Montag, 13. April, im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorbene Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1999 aus seinem Roman „Grimms Worte“.

Nora Gomringer, die Leiterin des internationalen Künstlerhauses in Bamberg, der Villa Concordia, hat den bedeutendsten deutschsprachigen Autor der Gegenwart anlässlich der abendlichen Lesung im E.T.A.-Hofmann-Theater, in Bayerns größte Jugendhaftanstalt gelotst.

Dort saßen Günter Grass schließlich 60 Gefangene sowie zwölf Schüler des Steigerwald-Landschulheims Wiesentheid gegenüber. Die Kollegiaten hatten im Vorfeld zur Vorbereitung der Gefangenen auf die Lesung im Deutsch-Leistungskurs eine Arbeit über das Leben und Wirken des Schriftstellers verfasst.

Allein schon durch seine Präsenz nahm Grass seine Zuhörer hier im Knast buchstäblich gefangen. Und wie die beiden Hauptfiguren seines jüngsten Romans „Grimms Worte“, die Gebrüder Grimm, weiland in der Göttinger Universitätsbibliothek zu Hause waren, so fühlte sich Günter Gras hier in der restaurierten, alten klösterlichen Sommerbibliothek der Zisterzienser sichtlich wohl.

Im braunen Tweedsakko

Er trug den obligatorischen braunen Tweedsakko, darunter ein lila Hemd und darüber einen weinroten Pulli, keine Krawatte. Es fehlt nur die Tabakspfeife, die er für gewöhnlich in der Hand hielt, die aber hier offenbar störte.

Virtuos auf dem Klavier der deutschen Sprache spielend, zerrte Grass anhand von Auszügen aus „Grimms Wörter“ nach und nach, wie ein Archäologe, den ganzen „Schatz“ der deutschen Sprache aus der schier unerschöpflichen Fundgrube ans Licht.

„Grimms Wörter“ bringen dem Leser die deutsche Geschichte nahe, beginnend mit der Kleinstaaterei und den ersten Gehversuchen der Demokratie über Reichsgründung, Kaiserreich und Weimarer Republik bis hin zu Nationalsozialismus und DDR. Und immer wieder nutzt Grass die Gelegenheit, vom 19. Jahrhundert der Grimms in seines, das 20. Jahrhundert, zu wechseln.

Der politische Grass

Am Ende einer von gegenseitiger Achtung geprägten Lesung in einer sicher nicht alltäglichen Umgebung war dann noch Raum für Fragen an den Nobelpreisträger. Als die Diskussion auf das Thema Ausweisung zu sprechen kam, trat der politische, der kämpferische Grass zutage. „Heute heißt es abgeschoben und passiert täglich in der Bundesrepublik. Sogar Familien werden auseinandergerissen“, stellte er fest, und klagte an: „Ich halte das für ein Unrecht.

Geduldig trug sich der prominente Gast in das von Anstaltsleiter Gerhard Weigand mitgebrachte „Goldene Buch“ der JVA ein, bevor er schließlich am Ende seines nachhaltigen Eindruck hinterlassenden Besuches im Ebracher Jugendknast noch bereitwillig die ihm gereichten Bücher signierte.

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