GEROLZHOFEN

Alte Trauerformen sind ein Stück Weisheit

Trauer und Gedenken: Die Formen haben sich an vielen Stellen geändert, doch der Schmerz um den Verlust eines nahestehenden Menschen ist geblieben. Foto: Norbert Finster

Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag und Totensonntag. Die Liste der offiziellen Trauer- und Gedenktage an die Toten im November ist lang und wird am Sonntag für 2015 abgehakt sein, bevor der Advent beginnt.

Doch Trauer und Gedenken lassen sich nicht auf den dunklen November reduzieren, sie können das ganze Jahr über akut werten. Ist aber Trauer in der heutigen schnelllebigen Zeit überhaupt noch über einen längeren Zeitraum gestattet, wird sie von der Umgebung toleriert und wie viel hat sie noch mit der christlichen Tradition und dem Glauben zu tun?

Was bedeutet heute noch Bestattungskultur? Und wie verhalten sich Menschen, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben, bei einem Todesfall in der Familie aber doch noch in Kontakt mit ihr geraten? Über diesen Themenkomplex hat sich die Redaktion mit Pfarrer Stefan Mai unterhalten.

Schwarz fordert zur Rücksicht auf

Viele der früheren Formen der Trauer haben zunächst einmal mit Weisheit zutun, sagt Pfarrer Mai. Ein Jahr lang trugen Menschen schwarze Kleidung, wenn sie trauerten. Die Kleidung sagte der Umgebung: „Ich habe gerade eine besondere Lebenssituation. Bitte nehmt Rücksicht darauf.“

Heute sei schwarz höchstens noch eine Modefarbe, aber keine Farbe der Trauer. Stefan Mai führt das darauf zurück, dass von einem trauernden Menschen schon nach kurzer Zeit wieder verlangt werde zu funktionieren. Aber: „Dass ein Mensch schon kurz nach einem Trauerfall nicht im normalen Rhythmus sein kann, wissen wir alle.“

In seinem langen Priesterleben hat Mai, 1983 geweiht, zwei Extreme der privaten Trauer ausgemacht. Auf der einen Seite bauen Menschen daheim ein regelrechtes Totenmuseum; sie wollen den Toten nicht aus dem Zimmer lassen. Die andere Seite: Es wird möglichst schnell alles weggeräumt, um sich ja nicht an einen Toten erinnern zu müssen. „Beides ist gefährlich“, sagt der Geistliche. Besser sei es, mit andern über den Toten zu reden, Erinnerungen an ihn aufzuarbeiten, durchaus auch einmal über ihn zu lachen.

Leichenschmaus hat sich gehalten

Das ist auch die Weisheit, die für Mai hinter einem Leichenschmaus steckt. Dieser Brauch hat sich noch weitgehend gehalten. Er sei wichtig nach der psychischen Anspannung einer Beerdigung. „Ich werde dazu noch sehr oft eingeladen. Wenn es geht, gehe ich auch hin.“

Sterben, Beerdigen und Trauer bringen den Pfarrer oft auch mit Menschen zusammen, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben. Antipathie oder gar Ablehnung erlebte er in solchen Gesprächen bisher nirgendwo. Mai glaubt eher, dass auch kirchenferne Menschen erkennen:„Da gibt sich einer Mühe, eine Person mit ihren Persönlichkeitsmerkmalen noch einmal aufleuchten zu lassen.“ Wenn der Tod kommt, trete in einer sonst so geschwätzigen Zeit Sprachlosigkeit ein. Es sei wichtig, dass dann jemand da ist, der das schwer Auszusprechende ausspricht.

Nirgendwo entdeckt Mai aufmerksamere Zuhörer bei seinen Predigten als auf einer Beerdigung. Deswegen glaubt er, dass sich gerade da ein Geistlicher besonders viel Mühe geben muss. „Sonst wird die Kirche auch hier noch von einer freien Bestattungsrede überholt.“

Urnenbestattung auf Vormarsch

Mehr noch als die Trauerarbeit hat sich die Bestattungskultur verändert. Als Pfarrer Stefan Mai 2008 nach Gerolzhofen kam, war die Urnenbestattung noch die große Ausnahme. Heute ist sie besonders in Gerolzhofen stark auf dem Vormarsch (auf den Dörfern weniger). „Wer soll mein Grab pflegen, wenn niemand mehr da ist?“ sieht der Pfarrer einen eher praktischen Grund für diesen Wandel. Geschuldet ist er der größeren Mobilität heutzutage, durch die Familien weit verstreut werden.

Im Kommen sind auch alternative Bestattungsorte wie der Friedwald. Einige Male schon war Stefan Mai droben auf dem Schwanberg, um eine Beerdigung zu halten. Allerdings lehnt er es ab, anonym zu bestatten. „Man kann einen Menschen nicht einfach wegwischen. Da mache ich nicht mit.“ Immer noch möchten die meisten Menschen nach ihrem Tod nicht in alle Winde zerstreut, sondern an einem konkreten Ort begraben sein, wo sich noch jemand an sie erinnern oder ein Gebet für sie sprechen kann.

Baumbestattungen auf Friedhof

Das heißt jedoch nicht, dass der Pfarrer sich allen Neuerungen (wie dem Aschestreufeld) in der Bestattungskultur widersetzt. Baumbestattungen sollten auch in Gerolzhofen möglich sein, aber nicht irgendwo, sondern am Friedhof. Der Friedhof sei zwar weiter als Ort der Erinnerung und der Tauer wichtig, sollte aber mehr Bedeutung auch als Ort der Begegnung der Lebenden erhalten.

Und noch etwas ist Mai aufgefallen bei der Friedhofskultur. „Je mehr der Glaube verdunstet, desto stärker kommt durch die Engelskultur die Sehnsucht nach einem Aufgehobensein bei Gott durch die Hintertür wieder zurück“, sagt er. Leider aber bewege sich diese Erscheinung durch kitschige Engel tatsächlich in den Kitsch hinein.

Stefan Mai ist auch deshalb ein Vertreter der Vereinfachung der Grabpflege. „Warum brauchen wir Abgrenzungen zwischen den Gräbern? Im Tod sind doch alle gleich.“

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