SCHWEINFURT

Alter Friedhof: „Soll der Rest auch noch zerstört werden?“

Alter Friedhof: Grabmal mit Engel, die Inschrift ist nicht mehr lesbar. Foto: Hannes Helferich

Der Erhalt von „Alt Schweinfurt“ ist Peter Hofmann ein Herzensanliegen. Der Alte Friedhof gehört dazu. Der „jämmerliche Zustand“ vieler Grab- und Erinnerungssteine trieb den SPD-Stadtrat um. Gemeinsam mit der Historikerin und passenderweise SPD-Fraktionsgeschäftsführerin Julia Stürmer trug Hofmann deshalb alle relevanten Daten und Fakten zusammen. Über die Ergebnisse der über einjährigen Recherche erstellten Hofmann/Stürmer eine bebilderte Dokumentation, veröffentlicht im Herbst 2016.

Infotafeln sollen an die im Friedhof begrabenen Persönlichkeiten erinnern

Zeitgleich stellte Hofmann einen Antrag ans Rathaus mit drei Kernforderungen: Restaurierung aller Grabsteine; an den Grabstätten geschichtlich bedeutender Persönlichkeiten sollen Tafeln über deren Leben und Wirken informieren; die Stadt soll aufklären, wo sich zehn aus dem Friedhof verschwundene Epitaphe befinden.

Neun Monate später, im April 2017, beschäftigte sich der Bau- und Umweltausschuss mit dem Thema. Der einstimmige Beschluss deckte sich weitgehend mit den Anliegen Hofmanns. Der vereinbarte Fahrplan sieht so aus: 1. Alle Grabsteine werden auf der Basis des Hofmann/Stürmer-Dokuments erfasst und ein Konzept zu deren Erhalt mit Kostenauflistung erstellt; die Voruntersuchung ist Grundlage für alle weiteren Schritte, 12 000 Euro wurden dafür genehmigt.

2. Genehmigt wurden weitere 5000 Euro für die Provenienz-Forschung durch einen Kunsthistoriker. Sie ist Grundlage für die Informationstafeln über die im Friedhof begrabenen Schweinfurter Persönlichkeiten.

30 Prozent der Steine im Friedhof sind wohl nicht mehr zu retten

30 Prozent der Bei der Beschlussfassung hieß es, dass man mit den Ergebnissen der Voruntersuchung im Herbst 2017 rechnet. Der Bauausschuss wurde – im Oktober 2017 – auch erneut mit dem Thema betraut. Man erfuhr, dass 30 Prozent der Steine soweit geschädigt sind, dass sie aufgegeben werden müssen; dass bei jedem vierten Stein eine umfangreiche Sanierung nötig ist. Der Rest, also fast jeder zweite Grabstein, könne zwar vor Ort bleiben, diese müssten aber vor Bodenfeuchtigkeit und Regenwasser (Dach) geschützt werden. Die Untersuchung bis dahin hat rund 190 000 Euro gekostet.

Hofmann sagt nun aktuell, dass ihm das alles viel zu langsam geht. „Vor Ort sind noch keine Sicherungsmaßnahmen geschweige denn Restaurierungen durchgeführt worden, lediglich Voruntersuchungen fanden statt und weiter nagt die Zeit an den Grabsteinen“, macht der Stadtrat gegenüber der Redaktion keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über das zögerliche Vorankommen. Der SPD-Mann präsentierte drei Fotos aus der Vorkriegszeit, die demonstrieren sollen, wie diese drei Grabsteine einmal ausgesehen haben. „Sie zeigen, was da verloren gegangen ist, ein Wahnsinn“, merkt Hofmann an.

Hofmann: „Fünf Minuten nach Zwölf“

„Soll der Rest auch noch zerstört werden?“, fragte der SPD-Stadtrat, der mit seinem neuen Vorstoß nicht provozieren, sondern wachrütteln will. Es sei schon fünf nach 12 Uhr. Um überhaupt noch etwas retten zu können, muss „jetzt ganz schnell etwas passieren“, sagte Hofmann. Hofmann und Stürmer erinnerten einmal mehr an die Schätze, die im Alten Friedhof „leider vor sich hin gammeln“ (Hofmann).

Der Alte Friedhof sei wunderbar saniert und auch deshalb eine beliebte Parkanlage. Eine Restaurierung und Beschilderung der Grabplatten mache den Besuch „auch für Touristen attraktiver und trägt zu einem besseren Geschichtsbewusstsein bei den Schweinfurtern bei“, wiederholt Hofmann. Das Areal war einst Garten des im 14. Jahrhundert gegründeten Karmeliterklosters, das 1560 abgebaut, das Gelände zum Leichenhof bestimmt wurde. Um 1634/35 wurde er um einen Pestfriedhof erweitert. Bis 1874 war dort der Friedhof der Stadt. Um die 40 000 Schweinfurter Bürger wurden im Alten Friedhof beerdigt, darunter eben auch Berühmtheiten wie die ersten Präsidenten und Gründer der Deutschen Akademie der Naturforscher, Johann Lorenz Bausch und Johann Michael Fehr.

Erinnerung an namhafte Schweinfurter Bürger ist wichtig

Stürmer erinnert, dass im Friedhof auch die Eltern von Friedrich Rückert, Johann Adam (1763 bis 1831) und Maria Barbara Rückert (1766 bis 1835), und seine Schwester Maria Rückert (1810 bis 1835) beerdigt sind. Deren Grabstätten sind noch recht gut erhalten, viele andere aber nicht. Etwa die des Schweinfurter Rechtsanwalts und Historikers Dr. Friedrich Stein, oder das Epitaph von Bürgermeister Johann Hartlaub (1625 bis 1684), die Gedenktafel für Gymnasialdirektor Johann Philipp Raßdörfer (1736 bis 1802), an alle drei erinnern auch Straßennamen. Der älteste Grabstein aus dem Jahr 1535, somit vor dem großen Stadtverderben, steht an der Südmauer und trägt den Namen eines Klas Sellmann.

Die um eine Stellungnahme gebetene Stadt teilt via Pressestelle mit, dass gemäß den Beschlüssen im April und Oktober 2017 informiert worden sei. Geklärt ist mittlerweile, dass sich die Mauer zur Bahn im Eigentum der Stadt befindet. Was ihre Sanierung kostet sei aber noch offen. Laut Pressestelle liegt mittlerweile auch ein 250-seitiger Abschlussbericht vor. Eine Kostenschätzung mit Beschreibung der nötigen Arbeiten stehe aber noch aus, alles müsse auch noch zwischen dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, der Denkmalschutzbehörde und dem Gutachter abgestimmt werden. „Danach wird der Stadtrat informiert, der dann auch das weitere Vorgehen beschließt“, schreibt die Pressestelle, ohne ein Zeitfenster zu nennen.

Alter Friedhof: Ein altes Foto vom Grabmal mit Engel zeigt noch die Konturen. Foto: Archiv: Schweinfurtführer/Peter Hofmann
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Alter Friedhof: Epitaph des Andreas Willibald Schuler, Innerer Rat von Schweinfurt (1639-1676) Foto: Hannes Helferich
So sah das Epitaph des Andreas Willibald Schuler dereinst aus. Foto: Archiv Schweinfurtführer/Peter Hofmann
Alter Friedhof. Dieses Grabmal an der Mauer zur Bahn ist nicht bestimmbar. Foto: Hannes Helferich
So hat das Grabmal an der Mauer zur Bahn einst ausgesehen. Foto: Archiv Schweinfurterführer/Peter Hofmann

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