SCHWEINFURT

Alter Zapfhahn, neue Biersorte

„Leider ist ein Schlussstrich unter die vorletzte Brauerei Schweinfurts gezogen“. „Das Brauhaus gehörte wie das Kugellager oder die Freilaufnabe zu Schweinfurt“. „Das Ende ist unrühmlich, war aber absehbar“. „Ich habe meine Gaststätte gewechselt, weil ich Schweinfurter Bier trinken will“.

Das Brauhaus hat seine Pforten Ende April geschlossen. Thema bleibt die Pleite weiterhin. Zum Beispiel an den Stammtischen. Logisch, weil der Wirt jetzt ja ein anderes Bier ausschenkt.

Als die russischen Brauer überraschend absprangen und sich kein Investor fand, der den Geschäftsbetrieb im Ganzen übernahm, hatte sich Insolvenzverwalter Stefan Hermann (BFP Würzburg) mit der Kulmbacher Brauerei verständigt, dass die Oberfranken ab Mai die Lieferverpflichtungen übernehmen.

Rechtsnachfolger des Brauhaus Schweinfurt ist die Kulmbacher Brauerei nicht

Gleichwohl: Rechtsnachfolger ist die Kulmbacher Brauerei mit ihren Bieren nicht, bestätigte Herrmann.Das weiß auch Friedrich Düll: „Jeder früherer Brauhaus-Kunde kann wechseln“, sagt der Präsident des Bayerischen Brauerbunds und Chef der gleichnamigen Brauerei aus dem Landkreis Kitzingen (Krautheimer Bier), der das Brauhaus-Aus bedauert und einen Preiskrieg beobachtet.

Beliefert hat das Brauhaus rund 200 Kunden in der Region Main-Rhön, der Großteil sind Gaststätten, rund 60 allein in Schweinfurt, schätzt ein Insider. Viele vormals vom Brauhaus belieferten Gaststätten sind allerdings schon bei den Kulmbachern gelandet.

Wie viele, das verraten die Oberfranken nicht. Ein Fragenkatalog zur Expansion und den weiteren Plänen im hiesigen Raum wurde nicht beantwortet. Die Pressesprecherin teilte lediglich mit, dass „unsere Biere bei Bierliebhaberin in der Schweinfurter Region schon bislang gut ankamen“.

Viele Gaststätten sind bereits umgeflaggt

Einige der einst vom Brauhaus belieferten Gaststätten befinden sich – vornehmlich in Schweinfurt – in Immobilien der Flessabank oder ihrer Immobilien-Töchter. Weißes Rössl in der Manggasse, Brauhaus am Markt, Stadt Kissingen (Niederwerrner Straße) oder die Gaststätte zur Hölle beispielsweise. Sie alle sind schon auf Kulmbacher Biere umgeflaggt.

Dann gibt es eine ganze Reihe Gaststätten, die aufgrund seinerzeitiger Investitionen durch das Brauhaus etwa in die Einrichtung (Küche, Theken) oder durch gewährte Darlehen Bier- und Getränke-Lieferverträge mit dem Brauhaus abgeschlossen hatten. Rund 100 soll es mit diesem Status geben.

Trotz der Möglichkeit, die Altverträge aufzulösen und sich eine Brauerei zu suchen, schenken mittlerweile auch viele dieser Pächter Kulmbacher Biere aus. „Das ist für die Wirte einfacher“, merkte ein langjähriger Brauhaus-Wirt an, der sich anders entschieden hat.

Die Schweinfurter Brauerei Roth bedauert das Aus fürs Brauhaus

Edgar Borst, der Chef der einzigen verbliebenen Schweinfurter Brauerei Roth macht kein Hehl daraus, dass ihm das Brauhaus-Ende leidtut. Man habe auf lokaler Ebene gut zusammengearbeitet. Deshalb habe Roth, selbst als das Ende absehbar war, auf aggressive Akquise verzichtet. „Wir haben uns weiterhin fair verhalten“, sagt Borst.

Er bestätigt, dass die Brauerei Roth Ex-Brauhaus-Inventar übernommen hat, das aber nicht aus der Insolvenzmasse stammt, wie erzählt wird. 600 Brauhaus-Biertisch-Garnituren waren gemietet, zwei Ausschankwägen waren geleast, Roth hat sie von den Eigentümern gekauft.

Rund 20 neue „Kunden“ bieten künftig Roth-Bier an, darunter zahlreiche Gaststätten, bis auf einen auch alle Schweinfurter Bürgervereine. Der eine oder andere Pächter könne noch hinzukommen, sagt Borst. Aus Kapazitätsgründen (Borst: „Zu Spitzenzeiten sind wir schon jetzt ausgelastet“) und damit „die Qualität nicht leidet“, wird es aber bei der genannten Größenordnung und einem Radius von „nicht mehr als 25 Kilometer um Schweinfurt bleiben“, ergänzt Verkaufsleiter Günther Graf. Das Roth-Pils, made 2015 in SW, sei nicht umsonst erst kürzlich mit der DLG-Goldmedaille ausgezeichnet worden.

Auch viele lokale Brauereien kamen zum Zug

Der Chef der Krautheimer Biere, Düll, beliefert nun rund zehn Ex-Brauhaus-Gaststätten. Wernecker Bier gibt es laut Chef Jörg Lang bei rund 40 früher vom Brauhaus beschickten Kunden. Das Gros auch hier Gaststätten, darunter auch bekannte Schweinfurter Adressen wie Almrösl oder Alte Warte.

Viele Anfragen gab es auch bei Ulrich Martin in Hausen. „Ich würde Gaststätten beliefern, die Bier brauchen, stelle aber die Einrichtung nicht zur Verfügung“, so seine klare Position.

Seit dem 19. Jahrhundert hat das Brauhaus die Goldene Flasche in Hambach beliefert. Wirt Ansgar Zänglein hat sein letztes Fass sogar noch persönlich abgeholt und schenkt nun Paulaner aus. „Das ist wie ich eine Weltmarke“, begründet er in typisch Zängleinscher Art seine Entscheidung.

30 Brauhaus-Beschäftigten musste gekündigt werden

Zum Ende nochmal Brauhaus: Als Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter Herrmann antrat, waren noch 41 Mitarbeiter beschäftigt. Zum 30. April musste er 30 Beschäftigten kündigen. Andere hatten schon einen Job gefunden, zwei übrigens bei Roth, zwei bei der Wernecker Brauerei (Jörg Lang: „Wir fühlen uns Schweinfurt verbunden“).

Drei Mitarbeiter wickeln die letzten Tätigkeiten nun noch bis angeblich Ende Juni ab, ein Techniker und zwei Bürokräfte. Wenn es Herrmann gelingt, noch einige der 152 Posten im Katalog Betriebs- und Geschäftsausstattung des Brauhauses zu veräußern, verbessert das den Sozialplan. Die Ex-Arbeitnehmer erhalten neben dem Arbeitslosengeld also noch Geld. Viel wird es angesichts der desaströsen Situation beim Brauhaus aber nicht mehr sein.

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