SCHWEINFURT

Altersarmut muss aus der Tabu-Ecke raus

Über die Altersarmut auch in Schweinfurt diskutierten in der Vesperkirche (Sankt Johannis) am Donnerstagabend von links Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa, Helmtrud Hartmann (Sozialdienst Diakonie), Tanja Back (ambulante Altenpflege Diakonie), Christopher Richter (Rechtsanwalt) und ... Foto: Hannes Helferich

Diese Diskussionsrunde in der Sankt Johanniskirche zum Thema Altersarmut hat viele der Zuhörer berührt, bedrückt, teils wütend gemacht. „Vielen politisch Verantwortlichen ist die Schieflage offensichtlich nicht bekannt“, meinte eine Zuhörerin und rief die Sozialverbände auf, „dagegen Sturm zu laufen“. Unter dem Motto „Wenn die Rente nicht reicht“ hatte die Vesperkirche ins Gotteshaus eingeladen und das, was die Podiumsteilnehmer berichteten, waren fast nur schlechte Nachrichten.

Vesperkirche hat auch sozialgesellschaftlichen Auftrag

Vesperkirche sei keine Armutsveranstaltung, sie habe aber auch ein sozialgesellschaftliches Anliegen, begründete Moderator und Diakoniechef Jochen Keßler-Rosa die Notwendigkeit einer solchen Diskussionsrunde. Täglich sei während der zur Zeit laufenden Vesperkirche zu erleben, dass es vielen Menschen „nicht so gut geht“. Schuld daran trügen unter anderem die zu geringen Renten. Folge: Anstieg der Altersarmut. „Sie ist durch das System vorprogrammiert“, sagte Keßler-Rosa unter Beifall.

Eine Verkäuferin mit 2500 Euro brutto bringt es nach 40 Jahren Dienstzeit auf 32 Entgeltpunkte. Diese entscheiden die Rentenhöhe, die in dem vom VdK-Bezirksgeschäftsführer Carsten Vetter genannten Beispiel bei 992 Euro brutto liegt. „Viele Menschen haben einen solchen Verdienst gar nicht“, sagte Vetter und stellte eine weitere Zahl gegenüber: Als arm gilt man in Deutschland ab 906 Euro Einkommen abwärts. Die Verkäuferin gilt „nur“ als armutsgefährdet, was man bei 1040 Euro ist. Mit diesen nur 140 Euro Unterschied „geht die Politik zu locker um“, sagte Vetter.

Wenn der Rentner die Heizungsrechnung nicht mehr zahlen kann

Helmtrud Hartmann von der Sozialarbeit der Diakonie begegnet täglich Menschen, „die arm sind oder denen Armut droht“. Wer zwei der Beratungen wahrnimmt, wird registriert, 170 „Fälle“ sind es im Moment. Bei den meisten reicht es gerade so für die Miete und das Essen, wenn Außergewöhnliches kommt, wie derzeit die Rechnungen der Energieanbieter, hört sie stets diesen Satz: „Das kann ich nicht mehr bezahlen“.

Auch Tanja Beck von der ambulanten Pflege der Diakonie erlebt die Armut täglich. Viele Klientel suchten – auch altersbedingt – wegen einer Erkrankung den Rat und die Tat der Diakonie. Aber „schon die ärztliche Verordnung kostet Geld“, das viele nicht haben. Die Diakonie helfe natürlich auf der „Schmalspurvariante“, trete dabei oft in Vorleistung. Eine Lösung des Problems sei das aber nicht, wenngleich „wir oft das soziale Netzwerk ersetzen“.

Rechtsanwalt Richter: Keine Scheu vor Klagen

Christopfer Richter, Rechtsanwalt aus Schweinfurt, ist aufs Sozialrecht spezialisiert und er geißelte die „erschreckend hohe Fehlerquote von Behörden“. In zahlreichen Fällen, die auf seinem Tisch landen, habe er den Eindruck, dass die Mitarbeiter etwa von Job-Centern nicht „für, sondern gegen die Bürger arbeiten“. Er animierte dazu, den Gang zum Anwalt nicht zu scheuen, der hilft, dass „man das bekommt, was einem zusteht“. Für Mittellose gebe es Beratungsscheine und auch die Prozesskostenhilfe werde großteils gewährt, sprich: Rechtsberatung und Rechtshilfe kostet oft nichts.

Vetter hieb in die gleiche Kerbe, riet zu rechtzeitiger Beratung, weil viele dem Trugschluss unterlägen, nicht in eine Schieflage zu geraten, die bei einer plötzlichen Erkrankung aber schneller als erwartet kommt. Gleichwohl: Viele nutzen auch die Angebote des VdK, 60 000 Sozialversicherungsberatungen waren es zuletzt in Unterfranken, 10 000 Mal half der Verband bei der Antragsstellung.

Keßler-Rosa: Die Altersarmut ist weiblich

Laut Keßler-Rosa zeige sich die steigende Altersarmut auch bei der Tafel. Immer mehr Menschen im Rentenalter beantragten einen Tafelschein, weil ihre Rente bei der Miete draufgeht und es fürs Essen nicht mehr ausreicht. Altersarmut sei zudem weiblich, bei 660 Euro liege die Durchschnittrente von Frauen in Bayern.

Das Publikum diskutierte eifrig mit, einer schilderte den tiefen Fall eines Mannes, den plötzliche Gesundheitsprobleme erst seinen Job kosteten und er wegen falscher Behördenauskünfte auch seine zur Rentensicherung erworbene Eigentumswohnung verkaufen musste. Dass er nach jahrelangem Kampf, unterstützt vom VdK, mittlerweile Recht bekommen hat, sei ein schwacher Trost.

Letzte Runde, jeder Podiumsteilnehmer hatte einen Wunsch frei: In der Sozialpolitik seien in den letzten Jahren rund 150 die Rente dämpfende neue Regelungen eingeführt worden, bedauerte VdK-Vertreter Vetter. Er hofft durch die neue Regierung auf eine Wende, die er sich auch beim sozial geförderten Wohnungsbau wünscht, wo „viel zu wenig gemacht werde. Für Richter gibt es eine Linderung nur, wenn „massiv Steuergelder in die Rente fließen“. Back wünscht sich, dass Anträge schneller bearbeitet werden, Hartmann weiß, dass niederschwellige Angebote wie gemeinsame Tischdienste (wie bei der Vesperkirche) oder die Wiedereinrichtung einer Wärmestube vielen ein wenig Hilfe sei.

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Hannes Helferich
  • Altersarmut
  • Diakonie
  • Jochen Keßler-Rosa
  • Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!