OBERSPIESHEIM

Am Weißen Sonntag wehte die weiße Fahne

Geschichtsträchtiger Ort: Auf dem Kirchturm von Oberspiesheim hissten Albin Schömig und Felix Dusel in der Nacht zum 8. April 1945 die weiße Flagge, obwohl noch SS im Dorf war. Dazu kam der Mut von einigen australischen Kriegsgefangenen, die dafür sorgten, dass die Amerikaner das Dorf nicht wie geplant zusammenschossen und Leid über die Bewohner kam. Foto: Norbert Finster

Nur wenige Kilometer entfernt, in Alitzheim, gab es vor 70 Jahren in den letzten Kriegstagen im Raum zwischen Main und Steigerwald noch einmal heftige Kämpfe zwischen Deutschen und Amerikanern. Oberspiesheim wurde dagegen wie so viele andere Ortschaften in diesem Gebiet von den unaufhaltsam vorrückenden US-Truppen weitgehend kampflos besetzt.

Wie in fast jedem Ort hat das Ende des Zweiten Weltkriegs seine eigene Geschichte. In Oberspiesheim hing sie wesentlich zusammen mit Kriegsgefangenen, die den Oberspiesheimern wohlgesonnen waren, und zwei Männern, deren Namen bisher noch wenig bekannt sind: Albin Schömig und Felix Dusel. Sie haben in der Nacht zum 8. April 1945, dem Weißen Sonntag, die weiße Fahne auf dem örtlichen Kirchturm gehisst, obwohl noch SS im Dorf war.

Über die entscheidenden Stunden am Kriegsende berichtet Norbert Schömig, ein Sohn von Albin Schömig (Jahrgang 1952). Sein vor elf Jahren gestorbener Vater habe erst sehr spät von den Ereignissen erzählt, sagt Schömig. Warum, weiß er nicht. Vielleicht, weil er wie so viele, die Furchtbares im Krieg erlebt haben, geschwiegen hat, vielleicht auch, weil er sich nicht zum Helden stilisieren lassen wollte. Bisher war jedenfalls in Berichten über das Kriegsende immer nur von zwei „beherzten Männern“, die die Fahne hissten, die Rede.

Eigentlich sind es drei. Denn Albin Schömig und Felix Dusel konnten mit ihrer Fahne nur auf den Kirchturm gelangen, weil ihnen Alois Dorsch die Kirche aufsperrte. Als die Fahne hochging, lagen starke amerikanische Panzereinheiten in der „Humpel“, einem Wald bei Herlheim.

Bitte an die SS

Unter den SS-Leuten im Ort war auch ein Oberscharführer, der mit einem Stab in einem Anwesen in der Nähe der Kirche residierte. Insofern war das Hochziehen der Fahne sehr gefährlich. Wenn die drei erwischt worden wären, hätte das sicherlich schlimme Folgen gehabt. Im Vorfeld der Aktion hatten etliche Oberspiesheimer die SS gebeten, den Ort aufzugeben. Widerstand gegen eine so starke Truppe wie die amerikanische sei doch sinnlos.

Um ihr Dorf vor Beschuss zu retten, zogen Bauern mit Kühen nachts auch Panzersperren weg, die Volkssturm und HJ errichtet hatten. Aus Richtung Schweinfurt waren fast täglich Bombeneinschläge und das Feuer der Flugabwehr zu hören. Die meisten Menschen wussten, dass der Waffengang fast gegen die gesamte Welt hoffnungslos verloren war und sehnten sich nach dem Einmarsch der Amerikaner.

Doch es gab immer noch Fanatiker, die an den Endsieg glaubten. Die SS baute vom Hahnenwald bei Alitzheim bis zur Lindacher Höhe einen Abwehrriegel auf, weil sie glaubte, die Amerikaner würden aus dem Raum Würzburg-Volkach das wichtige Ziel Schweinfurt angreifen. Tatsächlich stand die amerikanische Panzerspitze an besagtem Weißen Sonntag vor dem Dorf.

Gefangene mit Essen versorgt

Nun kommen die australischen Kriegsgefangenen ins Spiel, die in Oberspiesheim bei Bauern arbeiteten. Ein Teil von ihnen war am Mittwoch zwischen Ostern und Weißem Sonntag Richtung Haßfurt und Bamberg in Bewegung gesetzt worden. Die Bauern mussten ihnen für zehn Tage Marschverpflegung mitgeben. Sechs der Gefangenen aber blieben. Tagsüber versteckten sie sich in der Flur, abends kehrten sie zu ihren Bauern zurück, die sie in vorbereiteten Stroh- und Reisighöhlen versteckten. Die Oberspiesheimer versorgten sie auch mit Essen. Das war nicht ungefährlich, denn noch war ja die SS im Ort.

Als die Amerikaner vor dem Dorf lagen, wechselten die Australier in der darauffolgenden Nacht die Fronten. Am nächsten Tag rollten die Amerikaner ins Dorf ein. Sie hatten den Befehl gehabt, wegen der SS-Präsenz Oberspiesheim sturmreif zu schießen, wie die Australier erzählten. Nur dank der Bitte der Kriegsgefangenen an den amerikanischen Kommandanten, den Ort zu verschonen, verzichteten die Amerikaner auf einen Beschuss. Die Australier taten das aus Dankbarkeit für die gute menschliche Behandlung und Verpflegung, die ihnen in Oberspiesheim während ihrer monatelangen Gefangenschaft widerfahren war. In Oberspiesheim waren auch Gefangene anderer Nationalität wie Franzosen oder Russen untergebracht. Sie alle verband die Freude, bei Bauern Dienst tun zu dürfen anstatt in der Schweinfurter Kugellagerindustrie, die immer wieder schwer bombardiert wurde.

Heckenschütze tötet Amerikaner

Nun kommt wieder Norbert Schömig ins Spiel. Abweichend von der bisherigen „Geschichtsschreibung“ berichtet er, dass beim Einrücken der Amerikaner ein deutscher Heckenschütze trotz weißer Fahne mit einem einzigen Schuss einen amerikanischen Soldaten tötete, der vorne auf einem Jeep saß. Der Soldat war drei Tage in Oberspiesheim aufgebahrt, weiß Schömig aus den Erzählungen seines Vaters und anderer Oberspiesheimer. Zum Glück reagierten die Besetzer besonnen und schossen das Dorf nicht doch noch in Trümmer.

Immer noch aber feuerte die deutsche Flak aus Richtung Schwebheim Richtung Amerikaner. Wahrscheinlich resultierten daraus die wenigen leichten Schäden an Oberspiesheimer Gebäuden. Große Wirkung hatte der Beschuss jedenfalls nicht, denn die Flak hatte kaum noch Munition.

Auch auf deutscher Seite gab es Verluste. Die Amerikaner schossen einen Strohhaufen außerhalb des Ortes Richtung Sulzheim in Brand, hinter dem sich Deutsche versteckten. Später wurden dort Leichenreste gefunden.

Zwei Panzer abgeschossen

Als die Amerikaner Oberspiesheim besetzt hatten, zogen sie weiter über Unterspiesheim nach Schwebheim. Auf dem Weg dorthin wurden noch einmal zwei Panzer abgeschossen, die tagelang in der Flur standen. Das zog einen amerikanischen Fliegerangriff nach sich. Die Amerikaner forderten zum Schutz der eigenen Soldaten stets Luftunterstützung an, wenn es auf dem Boden stärkeren Widerstand gab.

Die SS war übrigens noch vor dem Einrücken der Amerikaner abgezogen, teilweise zur Verstärkung nach Alitzheim, teilweise nach Donnersdorf.

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