GEROLZHOFEN

Am letzten Tag den Landkreis festgeklopft

Ein Landratsamt wäre von Vorteil

Alfred Hügelschäfer kann sich genau erinnern, auch wenn es 40 Jahre her ist. Bis zum 30. Juni 1972, dem letzten Tag des Bestehens des Landkreises Gerolzhofen, pflasterten Mitarbeiter des Kreisbauhofs den Hof des Landratsamts und schufen dabei ein noch heute sichtbares Erinnerungsstück. Mit dunklen, fast schwarzen Steinen legten sie eine Fläche aus, die die Konturen des Altlandkreises zeigen.

Hügelschäfer sah darin wenig Sinn: „Hört doch auf, wir hauen sowieso ab“, rief er den Pflasterern zu. Der Vorarbeiter: „Auftrag ist Auftrag, wir machen das jetzt fertig.“ Und so kam es: Mit Ende des Landkreises war das neue Pflaster im Hof des Amtssitzes bis auf den letzten Stein festgeklopft. Ironie der Geschichte.

Eine von vielen Anekdoten, die Hügelschäfer aus der Endzeit des Landkreises zu erzählen weiß. Der 66-Jährige ist der letzte Beamte aus dem ehemaligen Landratsamt Gerolzhofen, der noch in Schweinfurt tätig war und vor etwa einem Jahr in Ruhestand ging.

Als 1971 die Reformpläne von Innenminister Bruno Merk durchsickerten und bald feststand, dass auch Gerolzhofen von der Neuordnung der Landkreise betroffen sein würde, machte sich das Personal am Landratsamt – mit Kreisbauhof vielleicht 100 Leute – Gedanken, wie der Landkreis zu retten wäre. Die Mitarbeiter sahen die Chance, den Landkreis um Ebrach und das heutige Rauhenebrach zu erweitern. Die Bediensteten hängten Plakate mit der Aufschrift „Geo muss bleiben“ in die Seitenscheiben ihrer Autos.

Hügelschäfer, damals 26-jähriger Regierungsbeamter und stellvertretender Sachgebietsleiter für öffentliche Sicherheit und Ordnung, war besonders eifrig: „Ich hängte mir gleich links und rechts die Plakate ins Auto, denn sonst hätte das ja nur die Hälfte der Leute gesehen.“ Bei den Kreisbediensteten gab es kein Distriktsdenken Gerolzhofen-Volkach-Wiesentheid – auch die Beschäftigten aus den südlichen und westlichen Landkreisteilen machten mit.

Doch bald war klar, dass der Landkreis Gerolzhofen nicht zu retten war. Es breitete sich Resignation aus. Unter den Beschäftigten herrschte die Unsicherheit. Regierungsbeamte wie Alfred Hügelschäfer hatten das Privileg, wählen zu können, ob sie ihre berufliche Zukunft in Schweinfurt oder Kitzingen verbringen wollten. Die Angestellten dagegen wurden einem der beiden Kreissitze zugewiesen.

Ein Trick half: Wer nicht nach Kitzingen wollte, kündigte noch beim Landkreis Gerolzhofen und bewarb sich neu in Schweinfurt. Hügelschäfer kennt keinen Fall, wo das nicht geklappt hätte. Er selbst entschied sich klar für Schweinfurt.

Am 30. Juni 1972 kam der Abschied. Viele Mitarbeiter verlor Hügelschäfer schnell aus den Augen. Der letzte Tag im Amt ging formlos vorbei, ohne offizielle Worte oder eine Abschiedsfeier.

Deutlich im Gedächtnis haften blieb Hügelschäfer die Szene, als die beiden Kämmerer der Kreise Schweinfurt und Kitzingen, der Rechtsnachfolger für den Landkreis Gerolzhofen, zu ihm kamen und das Mobiliar aufteilten. Jeder bekam einen Schreibtisch und zwei Besucherstühle. Übrig blieb die Sitzbank. „Die kannst du haben“, zeigte sich der Schweinfurter Karl Schell großzügig. „Kann ich gut gebrauchen, die stelle ich für die Besucher in den Gang“, meinte der Kitzinger Kollege Georg Steinmüller.

Als am 1. Juli endgültig alles ausgeräumt war, hieß es, die Mitarbeiter sollten für den Rest des Arbeitstages nach Schweinfurt fahren. „Das habe ich wegen zwei, drei Stunden nicht gemacht, ich bin erst am 2. Juli nach Schweinfurt“, berichtet Hügelschäfer heute. Das sei schon eine gewisse Trotzreaktion gewesen.

Er kann die Einschätzung, die ehemalige Kreisstadt habe durch den Verlust des Kreissitzes auch viele Besucher verloren, nur eingeschränkt teilen. „Die Leute sind eher selten ins Landratsamt gekommen, nur wenn sie ein sehr persönliches oder sehr wichtiges Anliegen hatten.“ Ansonsten haben oft die Bürgermeister oder Gemeindeschreiber auf den Dörfern Behördengänge für Bürger miterledigt. Hauptgrund: Die Leute waren vor 1972 meist noch nicht motorisiert und die Verkehrsanbindungen in die Kreisstadt waren eher dürftig. Wer allerdings trotzdem aufs Amt kam, verband das meist auch mit einem Einkauf in der Stadt.

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