Schweinfurt

Ankerzentrum Schweinfurt: Wie lange geht das noch gut?

Die Diakonie Schweinfurt kritisiert die unbefriedigenden Rahmenbedingungen der Asylsozialarbeit im Ankerzentrum. Die Regierung von Unterfranken erklärt die Umstände.
660 Menschen leben aktuell im Ankerzentrum bei Geldersheim. "Wenn jemand länger als drei Monate dort sein muss, wird es zu einer psychischen Belastung", sagt Jochen Keßler-Rosa, Vorstand der Diakonie Schweinfurt. Foto: Anand Anders

Die Chancen stehen schlecht. Wer als Asylbewerber in der Conn-Kaserne in Geldersheim wohnt, wird in Deutschland kaum Fuß fassen können. Denn bei den meisten der in dem unterfränkischen Ankerzentrum einquartierten Menschen ist die Anerkennungsquote so gering, dass sie nicht damit rechnen brauchen, hierzulande eine Zukunft für sich oder ihre Familien aufbauen zu können. Wer aus Algerien, Armenien, Nigeria oder von der Elfenbeinküste stammt, ist statistisch gesehen ein hoffnungsloser Fall: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffenen in Deutschland oder der EU bleiben dürfen, liegt je  nach Herkunftsland nur zwischen drei und zehn Prozent, wie es aus einer Statistik  der Regierung von Unterfranken  vom Februar dieses Jahres hervorgeht.

Sorgen, Ängste, Emotionen

Irgendjemand muss den Bewohnern das auch erklären und dabei ihre Sorgen und Ängste, ihre Emotionen ernst nehmen - und da kommen die Diakonie sowie die Caritas ins Spiel: Mit jeweils drei bis vier Mitarbeitenden stemmen die beiden kirchlichen Wohlfahrtsverbände in den Conn-Baracks die Asylsozialarbeit für derzeit 660 Personen. So viele  Asylbewerber wohnen aktuell nach Angaben der Regierung von Unterfranken in dem Ankerzentrum. Sie kommen laut Regierungssprecher Johannes Hardenacke zum größten Teil aus den Ländern Nigeria (rund 39 Prozent), Elfenbeinküste (rund 21 Prozent), Somalia (19 Prozent) und Armenien (9 Prozent). Nur Somalier haben mit einer Schutzquote von über 50 Prozent gute Chancen, ihrer Abschiebung zu entgehen.  

Wie Jochen Keßler-Rosa, Vorstand der Diakonie Schweinfurt, erklärt, ist also die Mehrzahl der Ankerzentrum-Bewohner in einer Situation, die "sehr, sehr frustrierend" für sie ist. Nicht nur, dass sie keine Bleibeperspektive hätten, sondern auch, dass eine Rückführung zum Beispiel ins Heimatland oftmals nicht ohne weiteres funktioniere, so dass sie gesetzlich dazu gezwungen seien, monatelang und im Maximum sogar bis zu zwei Jahre in der Conn-Kaserne zu bleiben. Aber wenn jemand "länger als drei Monate dort sein muss, wird es zu einer psychischen Belastung", sagt Keßler-Rosa. Viele Menschen auf engem Raum ohne großen persönlichen Gestaltungsspielraum und Aussicht auf gesellschaftliche Integration, das sei unmenschlich. Eine Unterbringung in nicht so großen Gruppen wäre ein Anfang, die Möglichkeit etwa, nach drei Monaten, in denen das Asylverfahren in der Regel abgeschlossen sei, eine eigene Unterkunft suchen zu dürfen, die Diakonie würde dabei unterstützen.

Ankerzentrum Geldersheim: Aktuell mit 660 Personen belegt

Die Ankereinrichtung Unterfranken ist laut der Regierung von Unterfranken aktuell mit 660 Personen belegt. Dies entspreche einer Belegungsquote von 55 Prozent bezogen auf eine realistisch belegbare Bettenzahl von 1200 Betten. "Die Maximalbelegung beträgt theoretisch 1436 Plätze", die allerdings aufgrund bestimmter Notwendigkeiten (Rücksichtnahmen auf Familienstrukturen, laufende Sanierungen und so weiter) "praktisch nicht ausgeschöpft wird", teilt Regierungssprecher Johannes Hardenacke mit.

Dass es in den Conn-Baracks also zu eng zugehe, das sieht die Regierung von Unterfranken anders: "Die Ankereinrichtung Unterfranken ist vom Zuschnitt her durchaus weiträumig und großzügig angelegt", erklärt Hardenacke. Sie biete auf ihrem Gelände vor Ort Beschulungsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Erstorientierungskurse (inklusive Spracherwerb), soziale Einrichtungen und Freizeitmöglichkeiten. "Die Belegung ist mit aktuell 55 Prozent verhältnismäßig moderat."

Die Verpflichtung für Asylbewerber, in einer Ankereinrichtung zu wohnen, sei gesetzlich geregelt. Derzeit seien Asylbewerber in einer Ankereinrichtung grundsätzlich verpflichtet, dort bis zu sechs Monaten und gegebenenfalls (zum Beispiel wenn der Asylantrag  als offensichtlich unbegründet abgelehnt wurde) auch bis zu 24 Monate zu wohnen. "Die Verweildauer ist dabei durchaus unterschiedlich und abhängig von der Bleibeperspektive der Betroffenen. Sie reicht bei den Somaliern von durchschnittlich wenigen Monaten bis zu durchschnittlich einem Jahr bei Asylbewerbern aus Algerien", erklärt Hardenacke.

Problem: Fehlende Bleibeperspektive

Zwar bestätigt der Regierungssprecher, dass die Situation für die Betroffenen schwierig und frustrierend sein kann. "Die Perspektivlosigkeit mancher Bewohner wurzelt in der fehlenden Bleibeperspektive." Dennoch sei auch von den davon betroffenen Asylbewerbern "ein friedliches Miteinander einzufordern und zu erwarten". Die Johanniter böten etwa  im Auftrag des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) derzeit sechs Erstorientierungskurse mit insgesamt 120 Plätzen an. "Die Kurse stehen allen Bewohnern offen, insbesondere auch jenen mit unklarer Bleibeperspektive."

Die erwähnten Möglichkeiten wie Kinderbetreuung oder Freizeitangebote leisten die kirchlichen Träger. Dazu erklärt Keßler-Rosa, der für die Diakonie Schweinfurt spricht, dass es wenig Mitspracherecht für seinen Trägerverein gebe. Zwar sei die Zusammenarbeit mit den Behörden vor Ort im Ankerzentrum vertrauensvoll und gut (das bestätigt auch Regierungssprecher Hardenacke), aber die Asylsozialarbeit steht laut Keßler-Rosa zur Disposition:  Die Diakonie übernehme 30 Prozent der Personal- und etwa 50 Prozent der Sachkosten, habe aber "kaum Gestaltungsspielraum". Das müsse sich ändern, "das geht nicht mehr lange so". Ab 2021 "machen wir nicht mehr mit". Immerhin: Die Verhandlungen auf Landesebene laufen, sagt Keßler-Rosa.

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