Ankunft und Neuanfang: Ausstellung über Heimatvertriebene in Schweinfurt

Heimatvertriebene in Schweinfurt: Die 14. Ausstellung in der Reihe „Made in Schweinfurt“ zeigt, wie Einheimische und Flüchtlinge gemeinsam die Herausforderungen nach dem Krieg meisterten.

Nicht die Schicksale von Flucht und Vertreibung, sondern das Ankommen, der Neuanfang und das sukzessive Heimischwerden in Schweinfurt stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen.“ So leitet die Kunsthistorikerin und Volkskundlerin Daniela Kühnel den Katalog zur nächsten Ausstellung in der Reihe „Made in Schweinfurt“ ein. Titel der inzwischen 14. Folge: „Heimatvertriebene in Schweinfurt“, zu sehen vom 17. Juli bis 27. September in der Glashalle des Konferenzzentrums.

Nach Themen wie „Stadt am Fluss“, „Schweinfurter Fahrradgeschichte“, „Schweinfurt im Bombenkrieg oder „Schweinfurt und seine Amerikaner“ schlägt Kühnel ein weiteres Kapitel der Zeitgeschichte auf. Fast 17 Millionen Menschen verloren nach der Kapitulation im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in den bis dahin deutschen Ostgebieten und den Siedlungsgebieten in Ost- und Südosteuropa. Eine Volkszählung im Jahr 1950 ermittelte knapp acht Millionen Flüchtlinge auf dem Gebiet der Bundesrepublik. 1,9 Millionen von ihnen – die meisten aus dem Sudetenland und aus Schlesien – waren in Bayern gelandet. Das entsprach knapp einem Drittel der Bevölkerung des Freistaats. Sie spielten eine wesentliche Rolle beim Wiederaufbau, ihre Familien sind längst voll integrierter Teil der Bevölkerung.

Kühnel hat Originaldokumente, Zeitungsartikel, Fotos, Objekte und Literatur ausgewertet, vor allem aber mit Zeitzeugen gesprochen. Für die war es nicht immer leicht, dass die Geschichten ihrer Vertreibung nicht im Vordergrund stehen sollten: „Die Leute wollten erzählen, was ihnen damals widerfahren ist“, erzählt Daniela Kühnel. „Aber unser Ansatz war: Wie ging es weiter? Wie haben sich die Menschen berappelt, bis es wieder aufwärts ging? Das ist für diese Ausstellung Geschichte genug.“

Die Menschen kamen auf unterschiedlichsten Wegen in den Westen. Dort landeten sie zunächst in Grenzlagern wie dem in Hof. Von dort ging es in die Durchgangslager. Ein solches wurde in Schweinfurt eingerichtet – in den Luftschutzbunkern am Hauptbahnhof und in der Gartenstadt. Die Jahre 1946 und 1947 bildeten den Höhepunkt der Flüchtlingswelle. Allein im Mai 1946 kamen zwölf bis 13 Züge mit Heimatvertriebenen in Schweinfurt an – jeder besetzt mit 1200 bis 1300 Menschen. In den Notunterkünften versorgte das Rote Kreuz die Flüchtlinge. Es gab Gutscheine für die Mahlzeiten, die etwa in einer Baracke am Bahnhof zubereitet und dann in den Bunker gebracht wurden.

Die deutschen Städte waren zerstört, die Besatzungsmacht hatte Wohnraum requiriert, und dann waren da noch die ehemaligen Zwangsarbeiter, die eigentlich in ihre Heimat zurückgebracht werden sollten, was in vielen Fällen schlicht unmöglich war. Es herrschte bereits Wohnungsnot. Deshalb wurden die Flüchtlinge möglichst schnell auf die umliegenden Dörfer verteilt, wo wiederum oft noch die Evakuierten aus den Städten saßen. Angesichts der schier unüberwindlichen Probleme richtete die amerikanische Militärregierung eine Flüchtlingsverwaltung ein. Wohnungskommissionen hatten – auch per Zwangseinweisung – dafür zu sorgen, dass jeder verfügbare Raum genutzt wurde – Tanzsäle, Turnhallen, jede freie Kammer.

Natürlich kam es zu Konflikten. In manchen Orten gab es bald mehr Heimatvertriebene als Einheimische. Wildfremde Menschen (oft gar unterschiedlicher Konfession) mussten auf engstem Raum miteinander auskommen – das klappte mal besser, mal weniger gut. Nicht selten entschied sich viel am diplomatischen und organisatorischen Geschick des jeweiligen Bürgermeisters, erzählt Daniela Kühnel.

Die Flüchtlinge wiederum blieben anfangs eher unter sich, schlossen sich zusammen, um ihre gemeinsamen Interessen zu verfolgen. Und pflegten ihr Brauchtum. So sahen sich die traditionsbewussten fränkischen Dorfbewohner bald mit allerhand fremden Einflüssen konfrontiert. „Sie stellten aber auch fest: Die tun was“, sagt die Ausstellungsmacherin. Die Neuankömmlinge waren oft gebildet, konnten musizieren, Theater spielen. „Sie haben aus dem wenigen, was sie hatten, etwas gemacht“, sagt Kühnel. Es haben sich überraschend viele Objekte und Möbel aus dieser Zeit erhalten. Einige werden in der Ausstellung zu sehen sein.

So dauerte es nicht allzu lang, bis die Heimatvertriebenen immer stärker auch als Bereicherung empfunden wurden. Beide Seiten öffneten sich, näherten sich einander an. Tatsächlich brachten die Neubürger eine Reihe Neuerungen mit: So war bis dato das Pilzsammeln in den Wäldern in Franken nicht bekannt gewesen. Auch der Anbau von Mohn und roter Bete war unüblich.

Dank staatlicher Wohnbauförderung entstanden ab Anfang der 1950er-Jahre in Schweinfurt vor allem am Bergl neue Quartiere, deren Straßennamen bis heute von der ursprünglichen Herkunft ihrer Bewohner künden: Breslaustraße, Sudetenstraße, Memelstraße, Danzigstraße, Tilsitstraße.

Viele Flüchtlinge konnten die Dörfer wieder Richtung Stadt verlassen: Bis 1954 hatte die Stadt Schweinfurt 5400 Heimatvertriebene aufgenommen. Gewerbetafeln und Anzeigen in Zeitungen dieser Zeit zeigen, dass sich die Neubürger sehr bald auch wirtschaftlich integrierten: Musikhaus Kreuzinger, Orthopädie Kahl, Baugeschäft Irblich, Autohaus Beständig sind (Neu-)Gründungen von Neubürgern.

Viele Angehörige der ersten und zweiten Generation haben dennoch nie aufgehört, alte Traditionen zu pflegen, etwa beim Essen. Die jüngeren Leute, so hat Daniela Kühnel festgestellt, wissen dagegen oft nicht viel über die Vorgeschichte ihrer Familie. Sie fühlen sich längst als Einheimische. Aber als sie mitbekamen, wie ihre Eltern und Großeltern für die Ausstellung zu erzählen begannen, da war ihr Interesse dann doch geweckt.

Made in Schweinfurt XIV: „Heimatvertriebene in Schweinfurt“, Ausstellung vom 17. Juli bis 27. September in der Glashalle des Konferenzzentrums.

Die Integration der Vertriebenen – Vortrag am 8. Juli

Die Integration der rund zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 hat die beiden nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen deutschen Staaten fundamental verändert. Standen am Anfang die Lösung fundamentaler Existenzprobleme wie Ernährung, medizinische Versorgung und Unterbringung im Vordergrund, so erwies es sich, nachdem rasch deutlich wurde, dass eine Rückkehr beziehungsweise die Auswanderung der Flüchtlinge und Vertriebenen nach Übersee keine realistischen Optionen waren, bald als notwendig, deren dauerhafte Eingliederung ins Werk zu setzen. Die daraus resultierenden Veränderungen der Sozialstruktur wie auch der politischen Kultur Deutschlands können kaum überschätzt werden, auch das sogenannte Wirtschaftswunder wäre ohne das Potenzial der Flüchtlinge und Vertriebenen so nicht möglich gewesen.

Der Referent Matthias Stickler, Professor für neuere und neueste Geschichte an der Universität Würzburg, beschäftigt sich in seinem Vortrag am Mittwoch, 8. Juli, um 19 Uhr in der Rathausdiele mit Unterfranken, wo rund 142 000 Flüchtlinge und Vertriebene Aufnahme fanden, was einem Bevölkerungsanteil von gut 14 Prozent entspricht. Eine Veranstaltung der vhs in Kooperation mit Historischem Verein, Stadtarchiv und dem Kulturamt.

Flüchtlingsausweis von 1946. Foto: Edgar Kolb
Firmengründung: Karl Grasberger kam aus Falkenau an der Eger. Bereits 1946 konnte er sein Eisenwarengeschäft eröffnen, 1950 in größeren Räumen in der Spitalstraße.zum Wirtschaftswunder. Zeitzeugen erinnern sich“. Foto: Aus Hans Driesel „Schweinfurt – vom Schwarzen Markt

Rückblick

  1. Schülerwettbewerb in Schweinfurt: Kreatives rund um Friedrich Rückert
  2. Berührend und witzig zugleich
  3. Die Bedeutung von Immigration
  4. Ein „Tiger“ im offenen Hemd
  5. Ursina Maria Braun spielt Bach
  6. Eine tragische Familienchronik
  7. Rossini, Donizetti, Verdi und Puccini
  8. Musicalerlebnis von David Bowie
  9. Neue Sicht auf den alten „König Lear“
  10. Eine Geschichte um Freundschaft und Liebe
  11. Kammermusik mit Querflöte und Harfe
  12. Der Kampf um ein neues Südafrika
  13. Eine wunderbare Freundschaft
  14. Vom Konflikt zwischen Aberglaube und Vernunft
  15. Wie der Schweinfurter Alltag lebendig wird
  16. Talent kennt kein Geschlecht
  17. Zurück aus der Vergangenheit
  18. Irland – Zauber der grünen Insel
  19. Blitzgscheid und sümbaddisch
  20. Laut, energiegeladen und wild
  21. Mit Bauernschläue und Witz
  22. Die Vielfalt des Poetry-Slam
  23. Whiskykunde und ägyptische Märchen
  24. Helene Köppel übergibt zwei komplette Bände
  25. Schwerkraft - Fliehkraft noch bis 8. März
  26. Gitarristen aus der ganzen Welt zeigen ihr Können
  27. Ein Schlüssel zur emotionalen Welt
  28. Rund 60 internationale und deutsche Produktionen
  29. Auf der Suche nach Heimat
  30. Hip Hop, Theater und Gitarrenkurs
  31. Rhythmus und Klang
  32. „Kunst bewegt uns alle!“
  33. Work-Life-Balance im Workshop erlernen
  34. Unterwegs zu Lieblingsplätzen
  35. Kirchenmusik in St. Johannis
  36. Die eigene Lebensgeschichte
  37. Poetry Slam Saisonfinale
  38. Führung mit dem Nachtwächter
  39. Vorleseaktionen für Kinder von 4 bis 6 Jahren
  40. Der Weg in ein eigenes Leben
  41. Mit Leichtigkeit und Transparenz
  42. Die hohe Kunst des Tanzes
  43. Getanzte Leidenschaft in Vollendung
  44. Hommage an Bach
  45. Freies Spiel der Hormone
  46. Die Experten in Sachen Informel
  47. Ein lebendiger Ort der Kunst
  48. In der prachtvollen Welt des russischen Zirkus
  49. Violine, Klarinette und Klavier
  50. Eine anrührende Liebe mit tragischem Ende

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