HAMBACH

Auf der Walz die Welt entdeckt

2. Bürgermeisterin Annemarie Lutz, MdEP Anja Weisgerber und der Feuerwehrkommandant Johannes Geier heißen Matthias Zweie...

Das halbe Dorf war auf den Beinen, der Musikverein Hambach gab das Geleit beim Zug durch das Dorf zum Elternhaus und zum Festplatz, 2. Bürgermeisterin Annemarie Lutz hieß ihn im Namen der Gemeinde willkommen: Matthias Zweier kehrte nach drei Jahren und zehn Tagen von der Walz zurück in sein Heimatdorf. Begleitet von rund 20 anderen Wandergesellen marschierte der gelernte Zimmermann aus Richtung Dittelbrunn auf Hambach zu.

Es sei ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit gewesen, als er an der Kirchweih vor drei Jahren aufgebrochen ist, sagt Zweier. Nur den Berliner, das Bündel mit dem Nötigsten, hat er bei sich gehabt. Die „Kluft“ – schwarze Hose, schwarzes Jackett, Zylinder und Stock – wies ihn als wandernden Gesellen aus.

Immer wieder habe er offenherzige Menschen getroffen, die ihm Arbeit, Essen oder Übernachtung gaben. „Ich war selber überrascht“, meint er als er sich an eine Familie in Baden-Württemberg erinnert, die ihn eine Woche mal im Winter aufgenommen hat und ihm sogar den Hausschlüssel anvertraute. „Oder ich durfte in einem Vereinsheim mal in die Dusche.“ Oft genug musste der Hambacher auch im Freien übernachten – sommers wie winters.

Für Gesellen auf der Walz gibt es Zusammenschlüsse. Zweier hatte sich der „Vereinigung der rechtschaffenen Zimmer- und Schiefergesellen“ angeschlossen. In ihr werden auch Gesellen der Berufe Schreiner, Bootsbauer und Betonbau aufgenommen. Für ihre Mitglieder gibt es Vorschriften: Sie regeln die Dauer der Walz, die Dauer des Aufenthaltes an einem Ort während der Wanderschaft, die Kleiderordnung und das Alter bei Antritt der Walz. Zudem muss man die Gesellenprüfung abgelegt haben, ledig, schuldenfrei und nicht vorbestraft sein. Und: Während der Walz ist es nicht gestattet sich innerhalb eines Umkreises von 50 Kilometern um seinen Heimatort aufzuhalten.

Auf der Walz hat der 25-jährige Hambacher immer wieder Kameraden getroffen. Manchmal geht man ein Stück Weg zusammen, manchmal bleibt man länger zusammen. Und manchmal geht es ganz spontan ganz weit weg: Als Zweier einen Kameraden kennenlernte, der nach Indien reiste, schloss er sich ihm an, „denn im Ausland reist man nicht allein“. In Indien haben sie von November 2011 bis März 2012 in einem Sozialzentrum Häuser für an Aids erkrankte Kinder gebaut und einen Spielplatz. „Da habe ich gemauert“, erzählt Zweier, denn in dieser Region war der Baustoff Holz teuer. Wie in Indien, hat er oft nicht nicht in seinem Beruf gearbeitet. Besonders im Winter kamen Trockenbauarbeiten beim Innenausbau von Gebäuden gelegen.

Nach Indien leisteten sich die beiden einen Flug, was nur in seltenen Ausnahmefällen gestattet ist. „Das schönste Reisen ist aber, durch die Walachei zu tippeln und nicht zu wissen, an welchen Ort man kommt“, so Matthias Zweier. Er ist weit in der Welt herumgekommen. Nicht nur bis Vorderasien, sondern auch in Europa von Süden nach Norden und von Ost nach West. Seine Augen leuchten, wenn er von den Sommernächten ganz im Norden von Norwegen erzählt – von den Nordlichtern und der Sonne, die nie ganz untergeht.

Hat man nicht doch ab und an Heimweh? Kommt nicht mal der Gedanke auf, die Walz abzubrechen? Ein entschiedenes Nein ist die Antwort von Matthias Zweier. Wenn ihn Wehmut überfiel in dieser Zeit, dann hat er sich an seine Hambacher Freunde erinnert. Und das, was sie beim Abschied zu ihm sagten: „Schön, dass du das machst, dass du das erleben darfst.“ Seine Eltern, anfangs skeptisch, sind heute stolz auf den jüngsten ihrer drei Söhne.

Für die Gesellen auf der Walz gibt es Anlaufpunkte in der ganzen Welt. Gaststätten, in denen regelmäßig Gesellenabende stattfinden oder Einheimische, die gerne ihnen die Türen öffnen, Arbeit und Unterkunft gewähren oder vermitteln. Einheimische, das sind Gesellen, die selbst einmal auf Wanderschaft waren. „Wir sind eine Familie“, sagt Matthias Zweier. Künftig wird auch er als „Einheimischer“ die Türen seines Hauses in Hambach offen halten.

Die letzten Meter: Matthias Zweier und seine Kollegen wurden in Hambach groß empfangen. Foto: Rita Steger-Frühwacht

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