SCHONUNGEN

Aufatmen: Sattler-Altlast in Schonungen ist Geschichte

Schonungen (Kreis Schweinfurt) blickt zurück auf eine nervenaufreibende Zeit mit Ungewissheit, Streit, Lärm und Dreck - und vor allem viel Gift im Boden. Nach 15 Jahren ist es nun überstanden.
Vorsichtsmaßnahmen: Unter Sicherheitsauflagen ist die verseuchte Erde geborgen worden.       -  Vorsichtsmaßnahmen: Unter Sicherheitsauflagen ist die verseuchte Erde geborgen worden.
Vorsichtsmaßnahmen: Unter Sicherheitsauflagen ist die verseuchte Erde geborgen worden. Foto: Anand Anders

Ruhe, ungewohnte Ruhe. Das fällt auf, wenn man in diesen Tagen das Areal der ehemaligen Sattler-Altlast in Schonungen besucht. Vögel zwitschern, die Steinach plätschert leise vor sich hin.

Das war in den vergangenen Jahren anders. Von 2011 bis in diesem Frühjahr rollten Lastwagen hin und her, fraßen sich Bagger in Hausmauern, rüttelten Bohrer die Erde durch. Und davor herrschte angespannte Nervosität und Angst im Viertel Sattler-/Werlingstraße: Lange wussten die Einwohner nicht, wie es weitergehen soll auf der größten bewohnten Altlast des Freistaats. 2000 entdeckt, 2015 entsorgt.

Seit Donnerstag vergangener Woche ist die Altlast von Amts wegen Geschichte. Das Projekt ist formell abgenommen. „Ohne Mängel“, wie Umweltamtschef Volker Leiterer im Landratsamt sagt.

Bei ihm sind die Fäden zusammengelaufen, seit 2004 ist die Altlast Teil seines Jobs. Ein besonders komplexer Teil. Zum einen hatte die Behörde, die die Sanierung im Auftrag des Freistaats durchführte, keine Erfahrung mit bewohnten Altlasten. „Die Frage, ob das zu handhaben ist, stand öfters im Raum“, sagt Leiterer.

Außerdem gab es für die alten Häuser keine Pläne. Wo liegt die Hauptbelastung der Schwermetall-Verseuchung? Was können sie an Schwingungen und Erschütterungen aushalten? Viele offene Fragen. Zehn Jahre hat die Planungsphase gedauert. Mit historischer Untersuchung, Detailuntersuchung, Sanierungsplan, Ausführungsplan. Viele Bodenproben, viele Besprechungen, viel Papier.

Sattler-Altlast in Zahlen       -  Sattler-Altlast in Zahlen
Sattler-Altlast in Zahlen Foto: Grafik

Geprägt ist diese Zeit auch vom Kampf um die Frage, wer die Sanierung zu bezahlen hat. Nach Gesetzeslage sind es die heutigen Eigentümer, die den Schaden aus der Farbenproduktion gar nicht angerichtet hatten. Die Solidargemeinschaft umweltbewusster Bürger (SuB) mit ihrem Sprecher Theo Kohmann ringt mit Vehemenz um eine Lösung. 13,33 Euro heißt die Rettung.

So viel müssen Privatleute für jeden Quadratmeter zahlen; das sind bei einem 500-Quadratmeter-Grundstück 6600 Euro. Mit dieser Regelung, so Leiterer, übernimmt der Freistaat 99 Prozent der Kosten. Also die Steuerzahler. Die Gemeinde dagegen zahlt ebenso wie der Besitzer einer ehemaligen Wäscherei, die zusätzlich einen LHKW-Schaden aufweist, die Sanierung für ihre Flächen selbst.


In den Planungsjahren hat das Gift auch die Atmosphäre vergiftet. Es kommt zu zum Teil massiven persönlichen Auseinandersetzungen zwischen Kohmann und Behördenvertreter. Phasenweise spricht der SuB-Sprecher nur noch vom „staatlichen Vollzug“. Technokratisches Vorgehen, mangelnde Empathie für die Situation der Betroffenen, eine zurückhaltende Informationspolitik. So lauten die Vorwürfe der SuB an die Bürokratie.

Die Bürgerbeteiligung sei die größte Herausforderung gewesen, so Kohmann: Der Staat habe die Aufgabe gehabt, die Altlast zu sanieren, „die Bürger hatten die Last“. In anderen Bundesländer gebe es eigens staatliche Unternehmen, die Altlast abwickelten. Dieses Projekt in die Hände einer damit unerfahrenen Kreisbehörde zu geben, hält Kohmann für einen großen Fehler im bayerischen Krisenmanagement.

Es sei stetig Aufgabe der SuB gewesen, die Interessen der Betroffenen geltend zu machen. Kohmann stellt die Arbeit des Mediators in der Projektgruppe, Anwalt Frank Schmidt, heraus: „Ohne ihn hätten wir das nicht geschafft.“

Hintergrund:

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Gift im Boden: Sattler-Altlasten

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Vorher - Nachher: Sattler-Altlasten

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Dabei ist der emotionale Kohmann selbst oft übers Ziel hinausgeschossen. Oft sind beide Seiten in Gesprächen mit dem Gefühl des Unverständnisses auseinandergegangen. Wiederholt eskaliert der Streit, der auch öffentlich ausgetragen wird. Mehrfach droht der Kollaps. Er tritt nicht ein, weil die Kontrahenten letztlich doch Vernunft angenommen haben.

„Öffentlichkeitsarbeit war anfangs unsere Achillesferse“, bekennt Leiterer in der Rückschau. Man habe „sehr behördentypisch“ agiert, Informationen erst veröffentlicht, wenn sie „niet- und nagelfest“ waren.

Das Amt hat gegengesteuert und einen eigenen Öffentlichkeitsarbeiter eingesetzt. Mit einer Homepage, Vorabinfos, persönlichen Gesprächen hat es in der zweiten Halbzeit versucht, Boden gut zu machen und verlorenen Kredit wiederzugewinnen.

Mit vielen Betroffenen hat sich die Situation entspannt. Eine wichtige Lehre für das Amt, dass mit der Gademann-Hinterlassenschaft in Niederwerrn die nächste Altlast vor der Brust hat – wenn auch in kleinerer Dimension.

Zudem, so Leiterers Analyse, ist 2010/11 den Schonungern bewusst geworden, dass sie zwar Geld zahlen müssten, aber dafür auch etwas bekommen. Die Gemeinde hat die Sanierung mit einem städtebaulichen Umbau verknüpft.

Für Leiterer war dies der Schlüssel für die Akzeptanz in der Bevölkerung; dem stimmt auch Kohmann zu, spricht von einer „tollen Leistung“ der Gemeinde. Mit dem Städtebau „konnten wir die Leute besser mitnehmen“, analysiert Leiterer, auch wenn dies für das Landratsamt einen höheren Aufwand bedeutet habe.

Und Zeitdruck: Die Fördervorgaben haben dafür gesorgt, dass der Städtebau, dem die Sanierung vorangehen musste, am Jahresende 2015 abgeschlossen sein muss. Sonst hätte Schonungen die 90-Prozent-Förderung aus Brüssel verloren.

Eine Planänderung hat wesentlich dazu beigetragen, dass es schließlich voranging. Die Eigentümer, deren Häuser vor dem Abriss standen, wurden schon vor Sanierungsbeginn entschädigt. Die Hauptbetroffenen hatten die Altlastsorgen weitgehend hinter sich und waren damit ausgeklammert; die meisten haben sich längst woanders eine neue Existenz geschaffen. Nur ein Ehepaar will ihr Haus bald an Ort und Stelle wieder aufbauen.

Einen strategischen Hintergrund der Vorabentschädigung sieht Leiterer nicht, auch wenn für ihn feststeht, dass bei diesen Betroffenen „die existenziellen Ängste am größten“ gewesen seien. Vielmehr sei es wichtig gewesen, rechtliche Auseinandersetzungen zu verhindern: „Das Ergebnis wäre Stillstand gewesen.“

Mit 47 Monaten ist die eigentliche Bauzeit relativ zügig vorangeschritten – angesichts einer Firmeninsolvenz und den aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen, damit das geborgene Gift nicht in die Luft gelangt. 130 000 Tonnen Boden werden ausgetauscht, in dem sich 475 Tonnen Leicht- und Schwermetalle gebunden haben. Der überwiegende Teil der Erde muss angesichts der toxischen Belastung unterirdisch deponiert erden. Lärm, Erschütterungen und Dreck sind die täglichen Begleiter der Bewohner in Schonungens Norden. „Mir ist bewusst, was die Menschen aushalten mussten“, sagt Leiterer. Gleichzeitig erhält das Quartier ein neues Gesicht. Sein Blickfang ist das neugestaltete Ufer der Steinach.

Gewaltig sind auch Investitionen. 40 Millionen Euro kostet die Sanierung, sieben Millionen mehr als veranschlagt. Preissteigerungen, die Mehrwertsteuererhöhung und der zunächst nicht geplante Bau der Deklarationshalle auf der Deponie Rothmühle sind die Ursache. 14,7 Millionen Euro hat die Gemeinde bis heute für die Sanierung aufgewendet, kann aber 90 Prozent über Bedarfszuweisungen abdecken. Am Ende dürfte ihr Eigenanteil etwa bei 1,7 Millionen Euro liegen. Auch der Landkreis ist zur Kasse gebeten worden mit 1,6 Millionen Euro.

15 Jahre sind eine lange Zeit. Die Sozialstruktur im Quartier hat sich massiv verändert: Etwa die Hälfte der Häuser in der Sattlerstraße ist unbewohnt, einige stehen zum Verkauf. Nach Kohmanns Analyse sind 27 Nachbarn in dieser Zeitspanne gestorben, 48 sind weggezogen. Unbepflanzte Vorgärten, provisorische Eingangstreppen, unverputzte Hauswände zeugen davon, dass auch die Hausbesitzer selbst noch Arbeit vor sich haben, um dem Areal links und rechts der Steinach neues Leben einzuhauchen.

Es wird keinen Jubel geben, wenn am Samstag im Rathaus die Sanierung offiziell für beendet erklärt werden wird. Sondern nur große Erleichterung. Die Anwohner können wieder durchschnaufen, haben Lärm und Dreck überstanden. Ihre Grundstücke sind auch wirtschaftlich wieder verwertbar. Die Behördenvertreter und Arbeiter sind froh, dass sie im Ergebnis professionell und pünktlich ihre Arbeit erledigt haben. Und die Gemeinde hat schon schon vor Monaten die Marketingmaschinerie angeworfen, damit Schonungen nicht mehr als Altlastgemeinde, sondern als zukunftsfähiger Standort am Stadtrand wahrgenommen wird.

Narben und Blessuren werden bleiben. Auf allen Seiten.


Sattler-Altlast im Zeitraffer

1814: Der Schweinfurter Industrielle Wilhelm Sattler (1784–1859) baut seine Farbenfabrik in Schonungen auf und stellt chemische Farbstoffe her wie das Schweinfurter Grün, Chromgelb, Bleiweiß und Chromgrün.

1930: Die Produktion wird aufgegeben. Ein Bauunternehmen kauft die Gebäude auf und wandelt sie in Wohnhäuser um.

1944/45: Beim Bau von Schützengräben zu Kriegsende tauchen weiße, grüne und violette Verfärbungen im Boden auf, wie sich später Zeitzeugen erinnern.

2000: Untersuchungen von Wasserwirtschaftsamt und einem Fachbüro bringen an den Tag, dass im Boden und Grundwasser ein gefährlicher Giftcocktail aus Schwermetallen schlummert. Die Bewohner werden im Dezember informiert.

2001: Erste Erleichterung: Untersuchungen bei über 120 Bewohnern haben Gesundheitsschäden durch die Altlast ausgeschlossen.

2001: Die ehemaligen Sattler-Firmen haben keine Rechtsnachfolger. Nach Gesetzeslage sind daher die heutigen Grundstückeigentümer für die Schadensbehebung verantwortlich; der Großteil der Flächen gehört der Gemeinde. Betroffen sind aber auch 109 Privatleute. Als ihre Interessenvertretung gründet sich die Solidargemeinschaft umweltbewusster Bürger (SuB). Ihr Sprecher wird Theo Kohmann, der sich als hartnäckiger Kämpfer und kundiger Altlast-Experte positionieren wird.

2002: Das Ausmaß der Schäden wird deutlich. Bodenuntersuchungen stellen hohe Konzentrationen von Arsen, Blei, Kadmium, Chrom, Kupfer und Zink fest. Bis zum 380-Fachen des erlaubten Grenzwertes. Weitere Tests schließen sich an. Es wird klar, dass die Altlast saniert werden muss.

2002: Die SuB macht Öffentlichkeitsarbeit und wendet sich auf der Suche nach Hilfe an Politiker in Bund und Land. Viele Politiker schauen sich in den nächsten Jahren vor Ort um. Landrat Harald Leitherer (CSU) ist in München aktiv. Ein zäher und nervenaufreibender Gesprächsmarathon beginnt zur Frage, wer für die Sanierungskosten aufkommt.

2005: Die Zeit verrinnt. Erste Nachkommen schlagen ihr Elternhaus als Erbschaft aus. Hunderte Schonunger demonstrieren beim Besuch von Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) in Schweinfurt. Organisator: der 19-jährige Stefan Rottmann – heute ist er Schonungens Bürgermeister.

2006: Die „Lex Schonungen“ steht. Die bayerische Staatsregierung ringt sich durch, dass sich Privatleute maximal mit 13,33 Euro je Quadratmeter an den Sanierungskosten von veranschlagten 33 Millionen Euro beteiligen müssen. Die Gemeinde zahlt für ihre Flächen selbst (fast 15 Millionen Euro), erhält aber Bedarfszuweisungen.

2007: Die umfangreichen Vertragswerke zwischen Privatleuten, Gemeinde und Freistaat stehen. Dort werden Zuständigkeiten und juristische Details der Sanierung geklärt. Die operative Verantwortung der Sanierung liegt beim Landratsamt.

2009: Die entscheidenden Bodenuntersuchungen laufen, um die zu sanierenden Flächen zu definieren. Das Klima zwischen SuB und Landratsamt ist schon lange frostig geworden. Als der Streit um SuB-Sprecher Kohmann eskaliert, werden Sitzungen der Projektgruppe (einer Art „Aufsichtsrat“ des Projekts) für Monate ausgesetzt. Als Anlaufstelle für Betroffene wird in Schonungen ein Bürgerbüro eingerichtet.

2010: Die Sanierungsarbeiten werden vorbereitet und die letzten Einzelverträge mit den Grundstücksbesitzern abgeschlossen. Abertausende Tonnen Erde sollen ausgetauscht werden. 33 private und 14 öffentliche Flächen werden saniert, 77 über Jahre beobachtet. Die Bagger sollen im November 2011 anrücken.

2011: In Waldsachsen wehren sich Einwohner gegen die Pläne, dass der Altlast-Lkw-Verkehr durch ihr Dorf führen soll. Die Alternative, einen Feldweg zur B 303 als „Truck-Road“ auszubauen, wird später verworfen.

2011: Mit dem Abriss einer ehemaligen Wäscherei beginnen die Sanierungsarbeiten. Es werden noch sechs Privathäuser folgen; eines nur wird an Ort und Stelle wieder aufgebaut. Gleichzeitig nutzt die Gemeinde die Sanierung, für eine städtebaulichen Umgestaltung des Wohnquartiers.

2012: Die Deklarationshalle auf der Mülldeponie Rothmühle steht. Dorthin wird das kontaminierte Erdreich gebracht und es werden Proben gezogen. Je nach Belastungsgrad fällt die Entscheidung, wo die Böden deponiert werden. Der Bodenaustausch kann beginnen. Mit riesigen Bohrern wird das Erdreich ausgehoben – bis aus elf Metern Tiefe.

2013: Ein erster Meilenstein ist die Verlegung des Flüsschens Steinach; auch sein ursprüngliches Bett ist verseucht.

2014: Betroffene Anwohner beklagen sich, weil ihr Alltag durch die Bauarbeiten massiv eingeschränkt ist. Auch unbeteiligte Schonunger müssen Lärm und Lkw-Verkehr aushalten, während das Hauptschadensgebiet saniert wird.

2015: Im Mai verlässt der letzte Lkw mit verseuchter Erde das Areal: 130 000 Tonnen sind es insgesamt. Die Großbaustelle wird Zug um Zug abgebaut. Die Gemeinde will pünktlich zum Jahresende den Städtebau abschließen, damit die EU-Zuschüsse von 80 Prozent nicht verloren gehen.

2015: Am Samstag, 26. September, schließt eine offizielle Veranstaltung die Sanierung ab. Danach feiert die SuB ihr traditionelles Solidaritätsfest. Das Ende des Städtebaus will die Gemeinde mit einer Feier im Mai 2016 begehen.

2017: Das „Monitoring“ endet. Darin werden zwei Jahre nach Sanierungsabschluss gering belastete und nicht sanierte Grundstücke sowie das Grundwasser überwacht.

Quellen: Landratsamt, STB-Archiv, Zusammenstellung/text: mjs

 

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