SCHWEINFURT/GRAFENRHEINFELD

Aufatmen kann die Bevölkerung nicht

Das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld wird abgeschaltet, nun wohl am 20. Juni. Das bedeutet das Ende der Atommüllproduktion und schädlicher Emissionen aus dem "Normalbetrieb". Aufatmen kann die Bevölkerung aber nicht.
Zwischenlager: Sie ist bis 2046 genehmigt. Nach Expertenmeinung hält die Halle einem Flugzeugabsturz oder Terrorangriff nicht stand.
Zwischenlager: Sie ist bis 2046 genehmigt. Nach Expertenmeinung hält die Halle einem Flugzeugabsturz oder Terrorangriff nicht stand. Foto: Josef Schäfer
Es bleiben das Zwischenlager und der Rückbau. Und diese Hinterlassenschaften sind alles anderes als harmlos, wie hochkarätige Experten bei einer vom Aktionsbündnis gegen Atomkraft veranstalteten Fachtagung verdeutlichten. Viele Teilnehmer verließen das Augustinum in Schweinfurt jedenfalls sehr nachdenklich.

Sechs Referate, eine Podiumsdiskussion. Der Tagungsort ist in den acht Stunden durchgängig gut besetzt, rund 120 diskussionsfreudige Teilnehmer sind es insgesamt, darunter Bürgermeister (Dittelbrunn, Niederwerrn), Kreis-, zwei Stadträte, Vertreter von Widerstandsgruppen, normale Bürger. Bündnissprecherin Babs Günther sieht mit dem Abschalten eine jahrzehntelange Forderung erfüllt und wegen des Wegfalls dieser Belastungen einen „Grund zur Freude“.

Die Region bleibe aber wegen der Gefährdungen durch Zwischenlager und Rückbau eine Geisel der Atomkraft. Günther kritisiert das mehrheitliche Nein im Stadtrat, die Tagung finanziell zu unterstützen, und die Absagen von Eon und Bayerischem Umweltministerium. „Schade, dass sie sich der Diskussion um die Sicherheit der Bürger nicht stellen“, sagt sie.

Für Jochen Stay (Hamburg), „ausgestrahlt“-Sprecher und seit 30 Jahren aktiv gegen Atomtransporte und unsichere Atommüll-Lagerung, betreibe Deutschland „eigentlichen keinen Ausstieg“. Natürlich freue ihn das Ende in Grafenrheinfeld. Aber wenn 2019 Gundremmingen vom Netz geht, seien immer noch acht AKW in Betrieb, obwohl Atomstrom schon heute nicht mehr nötig sei. „Deutschland ist der zweitgrößte Atomproduzent in der EU“, sagt Stay und vergleicht das Szenario mit dem Versprechen eines Freundes, der 2022 das Rauchen aufhören will. „Er setzt sich bis dahin aber großer Gefahren aus, hoffentlich lebt er 2022 noch“. Zum Rückbau und zur Grenzwerte-Diskussion ein weiterer Vergleich: Tempo 50 in der Stadt sei auch ein Grenzwert, „aber dennoch gibt es Verkehrsunfälle“. „Auch nach dem Abschalten kann es zu schweren Störungen und einer Kernschmelze kommen“. Stays Fazit: Im Widerstand nicht nachlassen. „Wenn sich viele Kleine zusammentun, wird das für die scheinbar Mächtigen schwerer“. Beifall dafür.

Werner Neumann (Frankfurt), Physiker und Sprecher im BUND, nennt die Freimessung „ein Kartenhaus auf tönernen Füßen“. Freimessung ist die Freigabe von Atommüll beim Rückbau, die je nach Belastung den Pfad festlegt (Sonderdeponie oder nicht, Wiederverwendung etwa im Straßenbau, Verbrennung). Die derzeitigen Vorgaben des Gesetzgebers dafür nennt Neumann ein „raffiniertes Regelwerk“, die Grenzwerte zu hoch und nicht auf die „immensen Mengen von radioaktiv belastetem Material“ bezogen. In die Umwelt- und Stoffkreisläufe dürften es deshalb nicht kommen.

Im Widerstand nicht nachlassen

Es gebe keine Messung aller Nuklide, keine ausreichende Kontrolle, keine Information. „Die Arbeiter und Anwohner erfahren nichts von der radioaktiven Belastung“. Neumanns Fazit: Einen billigen Abriss darf es nicht geben, darauf müssten Politik und Widerstandsgruppen beharrlich Einfluss nehmen.

Die Hannoveraner Physikerin und Atomexpertin Oda Becker beeindruckt nachhaltig. Sie nennt das Zwischenlager Grafenrheinfeld wie das in Brunsbüttel nicht vor einem Flugzeugabsturz und terroristischen Angriff mit panzerbrechenden Waffen gesichert. Während das OVG Schleswig das aber bei Brunsbüttel (Urteil 2013) so festgestellt habe, sehen das Münchner Richter in Grafenrheinfeld anders. Moderator Norbert Steiche (BR) weist passend auf die aktuellen Testflüge der US-Amerikaner hin.

Für Becker ist die für 88 Castorbehälter ausgelegte Lagerhalle im Landkreis „kaum geschützt“, die Mauer nutzlos, eine Verbesserung nötig. Man solle sich nicht der Illusion hingeben, dass die radioaktiven Abfälle „nur“ bis zum genehmigten Zeitpunkt bis 2046 gelagert werden. Der Grund: Es gibt absehbar kein Endlager. Peter Dickel, Sprecher des Schacht Konrad, sieht das genauso. „Und ob es je eines geben wird, ist eine spannende Frage“, sagt der Braunschweiger.

Einen abgeschlossenen Ort, in den keine Flüssigkeit gelangt, oder der nicht in Bewegung sei, gebe es nicht. Die Lehre aus Asse sei lediglich, dass man – sollte je ein Standort gefunden werden – Möglichkeit schafft, den Atommüll auch wieder herausholen. Bis 2032 soll nun ein Endlagerstandort festgelegt sein. Laut Dickel werde aber von Mitgliedern dieser Kommission von Zeiträumen bis 2080 und mehr gesprochen. Stay und Becker gaben hier zu bedenken, ob die Castor-Behälter für längere Zeiträume ausgelegt sind. Dickel stellte deshalb fest: „Entscheidend ist nicht, wo der Atommüll irgendwann hinkommt, sondern wie damit jetzt umgegangen wird.“

Auf dem Podium wiederholte sich viel. Landrat Florian Töpper kommt es beim Rückbau in erster Linie auf die Gesundheit der Bevölkerung an. Er erwarte in der Erörterung dazu maximale Transparenz insbesondere von Eon und werde, wenn nötig, auch unbequeme Fragen stellen.

Diskussion: Auf dem Podiums saßen von links Jochen Stay, Babs Günther, Landrat Florian Töpper, Christian Frank (Landratsamt) und Herbert Barthel (Bund Naturschutz). Eon und Umweltministerium hatten abgesagt. Dafür standen die Pappkameraden.
Diskussion: Auf dem Podiums saßen von links Jochen Stay, Babs Günther, Landrat Florian Töpper, Christian Frank (Landratsamt) und Herbert Barthel (Bund Naturschutz). Eon und Umweltministerium hatten abgesagt. Dafür standen die Pappkameraden. Foto: Hannes Helferich

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Schweinfurt
  • Hannes Helferich
  • Atomexperten
  • Atomkraftwerk Grafenrheinfeld
  • Atomkraftwerke
  • Atommüll
  • Babs Günther
  • Eon AG
  • Florian Töpper
  • Radioaktivität
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
1 1
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!