Schweinfurt

Ausstellung im Bayernkolleg: Was Stalingrad bis heute lehrt

Heute heißt die Stadt Wolgograd. Die Erinnerung an das, was hier passiert ist, verblasst. Und doch ist eine der schlimmsten Schlachten bis heute präsent. In Rossoschka.
Bis 26. Juli ist die Ausstellung "Von Stalingrad nach Rossoschka" im Bayernkolleg zu sehen. Oliver Bauer (links), Bezirksgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge erläuterte (von links) Kurt Berger, Edeltraud Baumgartl, Oberbürgermeister Sebastian Remelé, der stellvertretenden Landrätin Christine Bender und Schulleiter Peter Rottmann den Aufbau und die Zielrichtung.  Foto: Anand Anders

War es der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg? Nein, meint Oliver Bauer, Bezirksgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Wäre eine der schlimmsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs auch anders ausgegangen, den Krieg hätte Deutschland in jedem Fall verloren.

Vielmehr steht Stalingrad für Bauer vor allem für die Sinnlosigkeit, das Grauen des Krieges, die Brutalität des NS-Regimes, das mit seinem Durchhaltebefehl tausende 250 000 deutsche Soldaten in den Tod geschickt hat. Insgesamt kostete die Schlacht, die zwischen dem Spätsommer 1942 bis zur deutschen Kapitulation am 2. Februar 1943 wütete, 700 000 Menschen das Leben. Stalingrad ist quasi das Synonym des Grauens. Und darf nicht in Vergessenheit geraten, sagt Bauer.

Einen Beitrag dazu will die Ausstellung "Von Stalingrad nach Rossoschka" leisten, die vom 26. Juni bis 26. Juli im Bayernkolleg zu sehen ist.Eine Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Volkshochschule und Bayernkolleg. Vergangenen Mittwoch wurde sie von ihrem Schirmherrn Sebastian Remelé eröffnet, eigentlich schon zum zweiten Mal. 2018 war die Ausstellung schon einmal in Schweinfurt zu Gast, damals im Rathaus. Der Besuch war eher spärlich, bilanziert Remelé. Nun sei die Ausstellung dort, wo sie hingehöre: bei den jungen Menschen, aber offen für alle.

Denn lehren kann uns der Blick auf das Schicksal der Gefallenen, die auf dem Soldatenfriedhof Rossoschka ihre letzte Ruhe gefunden haben, etwas ganz Essentielles. Dass Frieden eben keine Selbstverständlichkeit sei. Sondern eher die Ausnahme, etwas, wofür man sich einsetzen muss. Europa befinde sich in der längsten Friedensphase seit lange, so Remelé, doch in vielen Ländern der Welt, tobe der Krieg, müssten Menschen vor Gewalt fliehen. Deshalb sei es so wichtig, sich für Europa einzusetzen. Denn die zentrale Aufgabe der Europäischen Union, so Remelé, seien nicht Handel oder Wirtschaft, sondern ihre friedensstiftende Funktion.

Was ist damals passiert? Wie entstand die Erinnerungsstätte und welche wichtige Funktion erfüllt sie heute, außer, an die Gefallenen würdevoll zu erinnern. Die Ausstellung geht von vielen Seiten an das Thema heran. Foto: Anand Anders

Und die Soldatenfriedhöfe wie Rossoschka? Sie mahnen zum Frieden, betont Bauer. Der Volksbund, den er vertritt, kümmert sich um 832 solcher Stätten in 46 Staaten, im Inland sind die Kommunen für den Erhalt der Soldatenfriedhöfe zuständig. Bis heute fahndet der Volksbund nach unbekannten Schicksalen, werden Gefallene des Zweiten Weltkriegs umgebettet, finden ihre letzte Ruhe an einer würdigen Stelle. Vor allem im Bereich der ehemaligen Sowjetunion. Bis die Mauer, bis der Eiserne Vorhang fiel, war die Tür verschlossen. Erst in den 1990er-Jahren konnte die Arbeit beginnen. Detektiv- und Archäologen-Arbeit zugleich.

Basis waren Unterlagen der Wehrmacht, wo Soldaten begraben worden waren. Von 120 000 Gräberstätten wusste man, so Bauer. Von kleinen bis hin zu riesigen Anlagen. Viele von ihnen unversehrt, vor allem, wenn sie auf Arealen lagen, die keiner brauchte. Wie Rossoschka. Die Gräberstätte liegt an einem ehemaligen Flughafen, nicht weit entfernt vom damaligen Kessel von Stalingrad. Neben den 61 000 Gefallenen, die dort in Einzelgräbern bestattet worden sind, finden sich 120 000 Namen deutscher Soldaten, die nicht von Stalingrad nach Hause zurückgekehrt sind. Eingraviert auf Steinblöcke, die sich auf dem Areal verteilen, erinnern sie an den sinnlosen Massentod.

Briefe von Soldaten aus Stalingrad in die Heimat zeigen das Grauen. Foto: Anand Anders

Rossoschka ist ein wichtiger Ort der Erinnerung, sagt Bauer, und nennt genau das die Hauptaufgabe des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge heute. Das Erinnern, das Wachhalten der Ereignisse von damals, das Plädoyer, sich für den Frieden stark zu machen. Ganz bewusst wird ein Schwerpunkt auf die Jugendarbeit gelegt, gibt es Camps an Soldatenfriedhöfen im Ausland, wo junge Leute aus vielen Ländern sich ganz praktisch gemeinsam um die Pflege der Anlage kümmern. 

Die Ausstellung im Bayernkolleg zeigt zum einen das Schicksal einzelner Soldaten, gibt Einblicke in die Briefe, die sie nach Hause schrieben. Sie erzählen vom Grauen, von Verzweiflung. Die Unbekannten, die in Rossoschka beerdigt sind, bekommen ein Gesicht. Dazu gibt es Informationen über die Schlacht von Stalingrad und den Aufbau der Erinnerungsstätte. Als Rahmenprogramm der Ausstellung bietet die Volkshochschule Führungen an.

Begleitet wurde die Ausstellungseröffnung, zu der Bayernkolleg-Schulleiter Peter Rottmann als Gäste unter anderem auch die stellvertretende Landrätin Christine Bender, den Bezirksvorsitzenden des Reservistenverbands Kurt Berger, Johanna Wagner von der Volkshochschule, Wernecks Bürgermeisterin Edeltraud Baumgartl und Schüler begrüßte, von Anastasia Frank am Klavier.

Friedhofsführung: Kriegsgräber. Dienstag, 2. Juli, 18 Uhr, Treffpunkt: Haupteingang des Schweinfurter Hauptfriedhofs. Anmeldung über die vhs erforderlich (Tel.:51 54 33) Gebühr 8 Euro. „Die Zwangsarbeiter in Schweinfurt“. Samstag, 20. Juli, 17 Uhr. Treffpunkt: Kreuzung Uferstraße/Obere Weide. Veranstalter: Initiative gegen das Vergessen. Kostenfrei, Spende erbeten, ohne Anmeldung.

Öffnungszeiten der Ausstellung: Montag bis Freitag 8 bis 16.30 Uhr, Bayernkolleg, Florian-Geyer-Straße 13

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