Gerolzhofen

Ausverkauf am Gerolzhöfer Bahnhof

Die Deutsche Bahn hat ihre letzten großen Flächen am Bahnhof von Gerolzhofen an zwei lokale Unternehmer verkauft. Die Stadt könnte mit einem Vorkaufsrecht noch reingrätschen.
Das Bahnhofsgelände in Gerolzhofen südlich der Freien Tankstelle zwischen der Kolpingstraße und den Bahngleisen wurde von einem Gerolzhöfer Geschäftsmann gekauft. Foto: Klaus Vogt

Die Deutsche Bahn hat jetzt zwei wesentliche Teilflächen des Gerolzhöfer Bahnhofsgeländes an zwei Gerolzhöfer Unternehmer verkauft. Dies hat die Redaktion aus gut unterrichteten Kreisen erfahren. Ein Sprecher der Deutschen Bahn in München wollte sich auf Anfrage nicht zu den Grundstücksgeschäften äußern. Die beiden Unternehmer wollen noch ungenannt bleiben.

Nach den neuesten Verkäufen hat die Deutsche Bahn keine Flächen mehr im Bereich des ehemaligen Bahnhofs. Die Eigentumslage stellt sich nun wie folgt dar: Das eigentliche Bahnhofsgebäude gehört nun schon seit einigen Jahren dem Unternehmer Harald Sperling aus Gerolzhofen, der das Gebäude vorbildlich saniert und dann vermietet hat. Das Grundstück umfasst im wesentlich nur die Fläche, auf der der Bahnhof steht, und dann noch einige wenige Meter bis zur Kante des Bahnsteigs. Die Fläche östlich des Bahnhofsgebäudes samt Grünflächen (dort, wo die Bahnhofsuhr steht) und den Parkflächen ist städtisch.

Die eigentliche Bahntrasse wurde, wie berichtet, in diesem Jahr verkauft an die baden-württembergische Firma Meißner Gleisrückbau. Verkauft wurden alle Flächen, wo Gleise im Schotterbett liegen. Meißner hat zusätzlich auch die Rampe auf der Westseite des Geländes gekauft, wo früher Fahrzeuge und Panzer auf Niederflurwaggons verladen wurden. 

Südlich der Tankstelle

Aktuell neu verkauft von der Deutschen Bahn wurde jetzt die freie Fläche südlich der Freien Tankstelle an der Kolpingstraße. Käufer ist ein Gerolzhöfer Unternehmer, dem bereits auch die freie Fläche südlich des Feuerwehrhauses an der Andreas-Hippler-Straße gehört. Dort am Feuerwehrhaus plant er, wie berichtet, den Bau eines fünfstöckigen Mehrfamilienhauses. 

Auf der Fläche an der Kolpingstraße standen seit Mitte der 70-er Jahre ein 5000 Tonnen fassendes Silo und eine langgestreckte Lagerhalle der Gerolzhöfer Firma Wolf Agrarhandel GmbH. Im Sommer 2016 wurden die Gebäude abgerissen. Mit der Bahn hatte die Firma Wolf für das Grundstück zunächst einen langfristigen Erbbau-Pachtvertrag abgeschlossen, der dann aber ausgelaufen war. Danach beharrte die Bahn im neuen Pachtvertrag mit Wolf Agrar auf eine Kündigungsfrist von nur drei Monaten.

Dies war dem Geschäftsführer Klaus Müller-Wolf verständlicherweise zu riskant. Auch ein Verkauf des Geländes an die Firma Wolf wurde von der Deutschen Bahn damals noch abgelehnt, so dass Wolf Agrarhandel das Grundstück zum Jahresende 2016 freiräumte, als "grüne Wiese" zurückgab und statt dessen neue Lagerkapazitäten am "Spielsee" bei Rügshofen schuf. Drei Jahre später kommt nun der Sinneswandel bei der Bahn: Man bot die Fläche feil.

Platz für Wohnbebauung?

Wie die mögliche neue Nutzung des Bahngrundstücks an der Kolpingstraße konkret aussehen wird und was der neue Eigentümer damit vorhat, ist noch unklar. Die CSU-Fraktion im Stadtrat hatte vor rund einem Jahr die Idee vorgestellt, dort die neuen Gebäude für die Grund- und Mittelschule zu errichten. Das Thema ist aber mittlerweile vom Tisch, weil sich der Stadtrat dann doch auf den alten Schul-Standort am Lülsfelder Weg festgelegt hat. Ebenfalls von der CSU stammt ein Gestaltungsvorschlag, der auf der betreffenden Fläche ein Misch- beziehungsweise ein Wohngebiet vorsieht, das von einer neuen Straße erschlossen wird, die zugleich eine neue Verbindung schafft vom unteren Schießwasen hinüber zur bisherigen Sackgasse der Nikolaus-Fey-Straße bei der Einfahrt zum Betriebsgelände der Firma Kirchner. 

Streifen auf der Westseite

Bei der zweiten Fläche, die von der Deutschen Bahn jetzt verkauft wurde, handelt es sich um den 5800 Quadratmeter großen Streifen auf der Westseite des Bahngeländes. Käufer ist ein anderer Geschäftsmann aus Gerolzhofen. Das Grundstück hat keinen direkten Zugang von der Frankenwinheimer Straße her, sondern nur über die bisherige Sackgasse der Nikolaus-Fey-Straße bei der Firma Kirchner. Direkt an der Frankenwinheimer Straße haben jetzt nur die Firma Meißner Gleisrückbau ein Grundstück (die alte Verlade-Rampe) und rechts daneben die Stadt Gerolzhofen. Das kleine städtische Grundstück liegt zwischen der Verlade-Rampe und dem Gelände der Firma Ratisbona mit den Einkaufsmärkten und der BayWa.

Dieser Streifen zwischen dem Bahnhofsgelände (links) und dem Ratisbona-Areal (rechts) mit den Einkaufsmärkten und der BayWa hat ein Gerolzhöfer Unternehmer von der Bahn erworben. Foto: Klaus Vogt

Das neu verkaufte 5800 Quadratmeter große Grundstück beginnt hinter der Verlade-Rampe und dem städtischen Grundstück und zieht sich entlang der Grundstücke von Ratisbona, der Firma Schwarz und der Firma Kirchner in Richtung Süden. Der neue Eigentümer hat sich allerdings mit der Firma Meißner im Rahmen einer Grunddienstbarkeit bereits auf ein Wegerecht geeinigt, um sein Grundstück, das er gewerblich nutzen möchte, bei Bedarf auch von der Frankenwinheimer Straße bedienen zu können.

Es gab mehrere Bieter

Es habe mehrere Bieter für die Fläche gegeben, bestätigt der neue Eigentümer auf Anfrage. Letztlich sei er es gewesen, der das höchste Gebot abgab. Um bloßen Grundstücksspekulanten, die offenbar auch mitgeboten hätten, einen Riegel vorzuschieben, habe die Deutsche Bahn im Kaufvertrag Wert gelegt auf eine so genannte "Mehrerlös-Klausel". Diese besagt, dass der neue Eigentümer für den Fall, dass er in den kommenden zehn Jahren die Fläche mit Gewinn weiterverkauft, den Gewinn mit bis zu maximal 20 Euro pro Quadratmeter an die Deutsche Bahn abführen muss.

Beide neuen Grundstücksgeschäfte - sowohl für die "grüne Wiese" an der Kolpingstraße als auch für den Streifen westlich der Bahnschienen - stehen allerdings noch unter dem Vorbehalt eines Vorkaufsrechts der Stadt Gerolzhofen. Denn: Der Stadtrat hat im August 2019 beschlossen, sich für die Bahngrundstücke ein Vorkaufsrecht einzuräumen. Dies ist nach Paragraf 25 des Baugesetzbuches möglich, wenn die Kommune in diesen Gebieten städtebauliche Maßnahmen in Betracht zieht. Sie kann dann in einer Satzung die konkreten Flächen bezeichnen, an denen ihr ein Vorkaufsrecht zustehen soll. Diese Satzung ist inzwischen nach der Veröffentlichung im Amtsblatt in Kraft getreten. Und: Zu den in der Satzung aufgeführten Grundstücken gehören auch die beiden von der Bahn jetzt verkauften Flächen.

Entscheidung des Stadtrats

Wie geht es jetzt weiter? Johannes Lang, geschäftsführender Beamter an der Verwaltungsgemeinschaft Gerolzhofen, erklärt, dass die Stadt vom beurkundenden Notar eine Mitteilung erhalten wird, falls ein Kaufvertrag abgeschlossen wurde über Grundstücke, auf die ein Vorkaufsrecht der Stadt liegt. Die Stadt habe dann zwei Monate Zeit für eine Entscheidung, die der Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung treffen müsse. Wenn die Stadt ihr Vorkaufsrecht geltend mache, dann müsse dies der neue Eigentümer akzeptieren und ihr den Vortritt lassen.

Bürgermeister Thorsten Wozniak ist über die erfolgten Grundstücksgeschäfte vorab informiert worden. Er bestätigt auch, dass die Stadt selbst um die Grundstücke mitgeboten hat. Es freue ihn aber, dass es Unternehmer aus Gerolzhofen seien, die jetzt den Zuschlag bekommen haben, denn sie hätten bereits im Gegensatz zu etwaigen Grundstücksspekulanten "ernsthafte Visionen".

Aus Sicht der Stadt - unabhängig davon, wer die neuen Käufer seien -  gehe es jetzt um Fragen der Stadtentwicklung, ob und falls ja, wie, man die betreffenden Areale künftig überplanen wolle. Dies werde man im Stadtrat intensiv besprechen müssen. Es sei auch denkbar, dass man das Vorkaufsrecht der Stadt nur für kleine Teilbereiche geltend mache, zum Beispiel dann, wenn man dort eine Straße bauen möchte. Auf jeden Fall werde man mit den beiden Investoren vertrauensvolle Gespräche führen.

Und was macht die Eisenbahn?

Mit den beiden Verkäufen ist jetzt praktisch das gesamte Gelände des ehemaligen Bahnhofs in Gerolzhofen in privater Hand. Sollte es tatsächlich zu einer Reaktivierung der Strecke der Steigerwaldbahn kommen, stellt sich die Frage, wo die rund um einen Eisenbahnbetrieb benötigten Flächen, zum Beispiel für eine neue Haltestelle oder die Park & Ride-Parkplätze, herkommen sollen. Andererseits bleibt eine komplette Überplanung des Areals noch im Bereich des Wunschdenkens, solange die Bahnlinie nicht entwidmet ist und ihre Bestandskraft hat. Man werde sich im Stadtrat auch mit diesem Aspekt beschäftigen müssen, kündigte Bürgermeister Wozniak an.

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