Schweinfurt

Bei Fichtel & Sachs wurde 1919 erstmals ein Betriebsrat gewählt

Starke Gewerkschaften. 1993 kam es während der Krise in der Metallindustrie zu mehreren Demonstrationen auf dem Schweinfurter Marktplatz. Mit dabei die Sachs-Belegschaft.  Foto: Archiv ZF

Seit dem 8. November 1918 gab es in Schweinfurt einen Arbeiter- und Soldatenrat unter dem Vorsitz des Arbeitersekretärs Fritz Soldmann.  Er forderte die Einführung des 8-Stunden-Tages und die 48-Stunden-Woche, Mindestlöhne und den Aufbau einer Arbeitslosenfürsorge. Im April 1919 war Schweinfurt ähnlich wie München für vier Tage eine Räterepublik, bis sich die Revolutionäre am 11. April dem 2. Bayerischen Armeekorps beugen mussten. Kurz danach wurde bei Fichtel & Sachs der erste Betriebsrat gegründet. Ein Jahr bevor das Betriebsrätegesetz deutschlandweit in Kraft trat. Bereits 1916 waren Arbeiter- und Angestelltenausschüsse in kriegs- und versorgungswichtige Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten verpflichtend eingeführt worden. Lohn- und Arbeitsbedingungen sollten mit den Arbeitgebern durch "Einigung" geregelt werden.

Auf einer gemeinsamen Sitzung des Arbeiter- und Angestellten-Ausschusses wurde der erste Betriebsrat gegründet. F&S, das als Rüstungsbetrieb in der Kriegszeit bis zu 10 000 Beschäftigte gezählt hatte, hatte zu dieser Zeit noch 3500 Mitarbeiter . Eine erste Forderung war die nach einem "entsprechenden Zimmer mit Einrichtung möglichst in den Verwaltungsgebäuden und der Zugang zu den amtlichen Zeitungen der Reichs- und Landesregierung".

Sehr viel mehr lässt sich aus dem Archiv des Unternehmens nicht entnehmen, hat Daniel Schmitz, der Leiter der Sachs-Ausstellung, festgestellt. Die Quellenlage ist äußerst dürftig. Das zeigt auch die 2015 erschienene Chronik von Andreas Dornheim. Der Historiker stellt lapidar fest, dass Ernst Sachs für Gewerkschaften wenig Verständnis hatte. "Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er in seinem Unternehmen schalten und walten können, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Sein kompromissloser Kurs ließ sich jedoch auf Dauer nicht durchhalten."

Anfang 1920 gab es 5000 Arbeitslose in Schweinfurt

Mehr sagen kann man jedoch über die allgemeine Lage zu Beginn der Weimarer Republik. Die Arbeitslosigkeit in Schweinfurt war hoch. Anfang 1920 wurden 5000 Arbeitssuchende gezählt. Als der Tarif der bayerischen Metallindustrie auslief, verweigerten die drei Großbetriebe - Kugelfischer, F&S, Fries & Höpflinger - den Abschluss von Betriebsvereinbarungen und wollten lediglich den Lohn zahlen, den die Tarifparteien vereinbart hatten. Das hätte vor allem bei Heizern und Maschinisten zu erheblichen Einbußen geführt, da die hier üblichen Akkordprämien entfallen sollten. Hinzu kam, dass wegen des Kohlemangels nur zeitweise gearbeitet werden konnte.

Die Folge waren mehrere große Streiks. Auf angebliche widerrechtliche Arbeitsniederlegung reagierten laut Schweinfurter Tagblatt die Unternehmen mit der fristlosen Entlassung aller Streikenden. Im Herbst 1920 kam es jedoch zu einer Einigung mit Lohnerhöhungen von 20 bis 40 Pfennigen in allen drei Firmen.

Kommunisten und Sozialdemokarten wurden verhaftet

Bis zum März 1933 gibt es wenig zu berichten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden Kommunisten und Sozialdemokarten verhaftet, die Gewerkschaften ausgeschaltet.  Im Mai wurde die Deutsche Arbeitsfront gegründet. Bei der DAF handelte es sich um die größte aller nationalsozialistischen Organisationen. Sie war ein Mammutgebilde und zählte im Jahr 1938 etwa 23 Millionen Mitglieder, 1942 sollen es sogar 25 Millionen gewesen sein. Die DAF trat an die Stelle der Gewerkschaften, ohne jedoch eine Gewerkschaft zu sein.

Am 2. Mai wurden auch in Schweinfurt die Gewerkschaftsbüros besetzt, der Vorsitzende des Ortsausschusses der Gewerkschaften, Philipp Blumöhr, wurde verhaftet. Alle Gewerkschaftsangestellten wurden zum 31. Juli 1933 entlassen, das Vermögen beschlagnahmt.

Nach dem Ende des Kriegs, 1945, wurde, so Schmitz, bei Fichtel & Sachs ein kommissarischer Betriebsrat gegründet.

90 Prozent Wahlbeteiligung

Obwohl 1932/33 auch Arbeiter Hitler gewählt hatten, waren doch führende Mitglieder der Arbeiterbewegung Gegner des Regimes. "Sowohl die Militärregierung als auch die deutschen Behörden griffen ab Mai 1945 in vielerlei Hinsicht auf die Arbeit und die Einschätzung der Gewerkschaftsvertreter und Betriebsräte zurück", stellt Schmitz fest.  Überragend sei der Beitrag der F&S-Betriebsräte im Rahmen der Entnazifizierung gewesen. Ansonsten sei leider die Arbeit des Betriebsrates der Fichtel & Sachs AG in den ersten Jahren nach 1945 relativ schlecht dokumentiert. Die erste Betriebsratswahl nach der NS-Herrschaft, die wahrscheinlich bereits im November 1945 durchgeführt wurde, hatte eine Wahlbeteiligung von rund 90 Prozent.

Unter den gewählten Betriebsräten bei F&S befand sich auch Georg Wichtermann. Er wurde 1956 für die SPD Oberbürgermeister von Schweinfurt und blieb bis 1974 in diesem Amt.

Die ersten Streiks nach dem Krieg fanden Mitte der 1950er-Jahre im Kitzinger Gusswerk von F&S statt. In den 1960er-Jahren sei die Politik des Betriebsrats vor allem davon geprägt gewesen, den Lebensstandard der Arbeiter und Angestellten durch Lohnerhöhungen zu heben und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, stellt Schmitz fest.

In der Dokumentation des Unternehmens taucht der Betriebsrat erst wieder 1987 beim Verkauf von F&S an Mannesmann auf. Fazit: Man war von dem Verkauf nicht begeistert, konnte ihn jedoch auch nicht verhindern. Anfang der 1990er-Jahre kam es zu Großdemonstrationen, als in Schweinfurt die Massenarbeitslosigkeit um sich griff. Die Übernahme durch ZF 2001 wurde nach Jahren der Unsicherheit begrüßt.

37 Betriebsräte
In Schweinfurt gibt es bei ZF drei Betriebsräte. Die beiden kleineren sind für den Aftermarket und für Race Engineering zuständig. Um das Gros der Beschäftigten kümmern sich 37 Räte, von denen die IG Metall 28 stellt. Neun kommen von der Christlichen Gewerkschaft.
Unter den 37 Betriebsräten befinden sich sechs Frauen, womit die gesetzliche Vorgabe um das Doppelte überschritten wird. Die Zusammensetzung des Betriebsrates bildet die Altersstruktur im Unternehmen ab, wenngleich es bei den 30- bis 40-Jährigen eine Lücke gibt, die auf die Krise der 90er-Jahre zurückzuführen ist.
Im Gesamtbetriebsrat ist der Standort mit drei Mitgliedern vertreten: Oliver Moll, Klaus Kern und Reiner Niklaus. Moll sitzt im Präsidium des Gesamtbetriebsrats, ist Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats und Mitglied im Aufsichtsrat.

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