SCHWEINFURT/TIROL

Bergwanderung mit Hammer und Hacke

Alpenverein: Zur Hütte der Sektion Schweinfurt in Tirol gehören 30 Kilometer Wege, die gepflegt werden müssen. Unterwegs mit dem Wegewart.
Arbeitsurlaub: Die ehrenamtlichen Schweinfurter Wegewarte Ludwig Pfeuffer, Michael Marpoder und Wolfgang Hugo (von links) auf dem Weg zum Bergeinsatz. Foto: Hannes Helferich

Wolfgang Hugo trägt die Schaufel, Ludwig Pfeuffer, Michael Marpoder und der Reporter sind jeder mit einer Hacke unterwegs. Die Hohe Wasserfalle, auf 3002 Metern gelegen, ist Ziel an diesem ersten Tag. 1000 Höhenmeter sind zu überwinden vom Startpunkt aus, der Schweinfurter Hütte.

184 der 325 Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) haben ihren Standort in Österreich, 90 davon in Tirol. So wie die Hütte der Sektion Schweinfurt in den Stubaier Alpen auf 2034 Metern Höhe. Eine der Pflichtaufgaben der Schweinfurter Alpenvereinsmitglieder ist die Wegepflege im Umkreis. Rund 30 Kilometer Berg- und Wanderwege sind instand zu halten – das ehrenamtliche Quartett wird fünf Tage unterwegs sein.

Vor elf Jahren hat Wolfgang Hugo zu seinem Amt als Wanderwart auch den Posten des Wegewarts übernommen. Bei der Anfrage von Karl Groha, der über drei Jahrzehnte beide Jobs innehatte, habe er „nicht lange überlegt“, sagt der 66-jährige Schweinfurter. „Die Arbeit ist nötig, das darf nicht einschlafen.“

Gut eine Woche ist Hugo seitdem jedes Jahr unterwegs. Mindestens zehn Kilometer nimmt er sich immer vor. Unterstützt wird er von Ehrenamtlichen – wie dieses Mal Ludwig Pfeuffer (59) aus Stettbach und Michael Marpoder (65) aus dem Stadtteil Oberndorf. Den Reporter fragte Hugo bei einem Zufallstreff – der vierte Mann war gefunden.

An diesem Morgen marschiert das Quartett los. Mit Schaufel und Hacke auf der Schulter, im Rucksack sind neben der obligaten Brotzeit einige Schilder, Schraubenzieher, ein Hammer. Was ist zu tun? „Viel“, sagt Hugo grinsend und etwas wortkarg in der für ihn trockenen, freundlichen Art. Die „Hauptarbeit macht das Wasser.“ Das Wasser? „Es zerstört die Wege, schwemmt sie aus, mitunter weg.“

Auf 2120 Metern steht der erste Arbeitseinsatz an. Es hat kräftig geregnet, ein wildes Bächlein überflutet den Weg auf 50 Metern. Marpoder und Pfeuffer kratzen eine Furche in den Weg, das Wasser kann jetzt in der Direttissima abfließen. Mehrmals wiederholt sich das, Gräben schaffen, damit das Wasser einen unschädlichen Weg talwärts nimmt.

Die Finstertaler Alm, 2142 Meter hoch, ist erreicht. Alle Schilder am Wegzweig sind locker, eines ist abgebrochen. Hugo schießt ein Foto für den Tourismusverband unten im Tal. Die Österreicher haben ein Interesse am guten Zustand der Beschilderung, fertigen und zahlen deshalb die neuen Schilder. Marpoder bastelt die Wegweisung notdürftig zusammen. Nächstes Jahr werde die Tafel durch eine neue ersetzt, sagt Hugo. Selten sind Randalierer unterwegs. Meist sind es Schneedruck, Wasser oder Kühe, die einen Pfahl umwerfen. Der Holzmast am Abzweig zum Peistakogel auf 2643 Metern Höhe ist in die Jahre gekommen. Hugo notiert sich das. Ein neuer Pfahl wird nächstes Jahr sicher mit hochgeschleppt, vielleicht der erste aus Aluminium, wie das die Nachbar-Sektion von der Pforzheimer Hütte – drei Stunden entfernt – bereits macht.

Hüttenwirt Andreas Jeitner notiert übers Jahr die Hinweise auf beschädigte Wegweisungen, die ihm Wanderer und Kletterer nennen. Die Liste übergibt er dann Wolfgang Hugo. Vor fünf Jahren hat der Wegewart eine Übersicht aller Wegweiser erstellt: Er weiß jetzt ganz genau, wo welches Schild mit welcher Zeit- und Höhenangabe und welcher Wegweisung steht. „Erleichtert die Arbeit.“

Am nächsten Tag geht Hugo mit dem Reporter den wiederbelebten „Schäferweg“. Am Einstieg in den Zweieinhalb-Stunden-Rundweg fehlt die wichtige Wegetafel. Sie ist beim Tourismusverband bestellt. Deshalb muss erst einmal ein Provisorium her. Der Reporter trägt den Holzmast, Hugo hat eine leere Tafel und schwarzen Nagellack im Gepäck. Vor Ort malt er Buchstabe für Buchstabe „Schäferweg“ drauf. Dann wird der Mast verankert. Der Weg ist weitgehend in Ordnung.

Weil es nach der Rückkehr noch früh am Tag ist, bleibt Zeit für die Renovierung der Doppelfenster im Erdgeschoss der Hütte. Marpoder schraubt Fenster und Läden ab, Pfeuffer bedient die Schleifmaschine, der Reporter übernimmt die Lasur, Hugo den neuen Farbanstrich. Beschäftigung für einen weiteren Abend ist am umgebauten Winterhaus.

Wolfgang Hugo markiert den neuen Schäferweg – provisorisch mit Nagellack. Foto: Hannes Helferich

Am dritten Tag geht's mit Ludwig Pfeuffer hoch zum Zwieselbacher Roßkogel auf 3081 Meter Höhe. Eine Hinweistafel ist locker, der Mast kurz vor dem Gipfel steht schief. Mit einigen herbeigeschleppten Steinen ist er bald festgemacht. Schaufel und Hacke warten auf 2500 Metern. Drei Wanderer begegnen den Wegewarten, die eine grüne Weste mit der Aufschrift „DAV – ehrenamtlich im Einsatz“ tragen. „Danke, dass ihr das macht“, sagt einer. Ein anderer fragt, ob man die „Bergpolizei“ sei.

Was die Schweinfurter dieses Jahr nicht dabei haben müssen: Farbe. Markierungsarbeit war 2016 schon Hauptaufgabe. „Farbe hält lang, sie verliert nur an Leuchtkraft“, sagt Hugo. Die Markierungen sind wichtig zur Orientierung: im Sommer bei Nebel für die Bergwanderer, im Winter für die Skitourengeher. Rot-Weiß-Rot besagt, dass es sich um einen Übergang zu einem anderen Zielort handelt, Rot-Weiß heißt: Dieser Weg führt einzig zum Gipfel. Wie an diesem Tag zum Roßkogel. Ein grandioser Ausblick belohnt dort die Wegewarte.

Die Sektion weiß um die Schwere des Jobs und ist dementsprechend dankbar: Die Übernachtung auf der Hütte ist frei, das Essen auch. Mit dem VW-Bus des DAV Schweinfurt sind die ehrenamtlichen Helfer ins Ötztal gefahren. Den Sprit zahlt die Sektion.

Warum macht man das? „Weil es Spaß macht“, sagt Marpoder, der wie alle großes handwerkliches Geschick aufweist. „Ich bin in den Bergen, da gehe ich ohnehin gerne hin und ich tue dazu noch Gutes“, sagt Pfeuffer. Richtung Winnebachseehütte (2361) und Grieskogel (3287) via Larsigrunde sind die weiteren Ziele. Dann geht es wieder nach Hause, nach Schweinfurt, ins Flachland.

Der DAV in der Region

Die Schweinfurter Hütte: 1912 als Jagdhaus erbaut, übernimmt 1923 die Sektion Guben aus Brandenburg die Hütte. Weil sich die in der DDR „eingesperrten“ Gubener nicht kümmern können, schließt die DAV-Sektion Schweinfurt 1957 einen Patenschaftsvertrag. 1973 kauft Schweinfurt das erweiterte Haus. 1974 zerstört ein Feuer die Hütte, ausgelöst durch einen überhitzten Ofen. Der Wiederaufbau erfolgt rasch. 1981 wird ein Winterhaus gebaut mit 16 Schlafplätzen. Für eine neue Heizungsanlage mit Warmwasseraufbereitung, moderne Sanitärräume, Wärmedämmung und Isolierglasfenster investiert die Sektion insgesamt 450 000 Euro. Rund 200 000 Euro spart man sich dank der 9000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit vieler Mitglieder. In diesem Jahr wurde wegen einer Auflage für 330 000 Euro die Küche erneuert. Im Winterhaus gibt es nun nur noch acht Schlafplätze, weil Schlafräume und Sanitäranlagen für Koch und Servicekräfte geschaffen werden mussten.

Die Sektion Schweinfurt: 2016 eröffnete der Deutsche Alpenverein DAV im Sportpark Hundertäcker das Kletterzentrum. Dort sind nun alle vorher ausgelagerten „Filialen“ unter einem Dach. In diesem Juni kamen zu den 1000 Quadratmetern Innen-Kletterfläche 500 Quadratmeter Außenfläche hinzu. Investitionskosten insgesamt: 1,5 Millionen Euro. Mit maximal 50 Kletterern hatte man täglich gerechnet, aktuell liegt der Durchschnitt bei 60 pro Tag. Die Lust und Freude am Hallen-Klettern drückt sich auch in steigenden Mitgliederzahlen aus: In einem Jahr kletterte die Zahl von 2500 auf aktuell über 3500.

Unterfränkische DAV-Hütten in den Alpen: • Die Sektion Würzburg mit rund 10 000 Mitgliedern hat die Vernagthütte (2755 Meter) in Vent, Gemeinde Sölden im Ötztal und die Edelhütte (2238) bei Mayrhofen im Zillertal. • Die Sektion Aschaffenburg mit über 7700 Mitgliedern hat keine Hütte, aber es gibt den Aschaffenburger Höhenweg im Zillertal.

• Die Sektion Bad Kissingen mit derzeit 2400 Mitgliedern betreut die Bad Kissinger Hütte in den Tannheimer Bergen/Tirol (1788 Meter).

• Zur Sektion Main Spessart mit 2000 Mitgliedern gehört die Gaudeamus-Hütte im Wilden Kaiser in Tirol am Fuß der Törlspitzen (1270). hh

Die Wegewarte bei der Arbeit.Hannes Helferich Foto: Foto:
Bauarbeiten um die Hütte und am Winterhaus. Hannes Helferich Foto: Foto:
Michael Marpoder (links) und Ludwig Pfeuffer befestigen einen losen Wegweiser auf dem Weg zur Hohe Wasserfalle (3002) am Wannenkar auf 2500 Metern. Foto: Hannes Helferich
Die Schweinfurter Hütte im Ötztal auf 2034 Metern Höhe ist fußläufig gut erreichbar. Foto: Hannes Helferich
Rot-Weiß-Rot: Farbmarkierung zur Orientierung.Hannes Helferich Foto: Foto:
Markierung Rot-Weiß-Rot heißt: der Weg ist ein Übergang. Rot-Weiß: nur Gipfel. Foto: Hannes Helferich
Fein säuberlich aufgereiht: Wanderstiefel in der Berghütte.Hannes Helferich Foto: Foto:

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