SCHWEINFURT

Betreuung mit Liebe und Zuwendung

Heike Löser liebt Kinder und die Kinder lieben sie. Seit Juli gehört die ausgebildete Krankenschwester zum ehrenamtlichen Betreuungsteam für Flüchtlingskinder im Anker-Zentrum Schweinfurt. Foto: Anand Anders

Wenn Rebecca Paul mit der großen Schelle durchs Kinderhaus läuft, dauert es nicht lange, und eine ganze Gruppe von Kindern folgt ihr hinaus ins Freie. Dann geht es turbulent zu.

Fewo stürzt sich auf den Roller. Muna will mit dem Dreirad fahren. Und Beatrix probiert das Laufen mit den Stelzeneimern. Manchmal sind es bis zu 30 Kinder, die vor dem Kinderhaus im Anker-Zentrum herumtoben, spielen, lachen und in den verschiedensten Sprachen kommunizieren.

Das Kinderhaus in der Schweinfurter Anker-Einrichtung hat Modellcharakter. Das Miteinander von Ehrenamtlichen, geführt von zwei professionellen Erzieherinnen, und die vielfältige Angebotspalette für die Flüchtlingskinder ist beispielhaft in ganz Bayern. „Ich kenne keine Anker-Einrichtung, die das so anbietet“, sagt Erzieherin Barbara Finzel, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Rebecca Paul den täglichen Ablauf organisiert.

Aktuell sind 20 Ehrenamtliche ganz unterschiedlichen Alters im ständig-variablen Einsatz. Bei bis zu 30 Kindern, die regelmäßig ins Kinderhaus kommen, erfordert dieses Ehrenamt eine Menge Geduld, Toleranz und vor allem gute Nerven. Denn oftmals sind die Kinder aufgrund ihrer Fluchtgeschichte traumatisiert und leiden unter Unruhezuständen. Dies ist für Ehrenamtliche eine besondere Herausforderung.

Schutzraum für die Kinder

Hilke Neubauer ist schon seit zweieinhalb Jahren dabei. Die gelernte Altenpflegerin betreut gerne die ganz Kleinen. Das kann manchmal aber auch ziemlich anstrengend sein. Ibrahim beispielsweise will sich partout nicht die Schuhe ausziehen lassen, sondern sofort in die Spielecke rennen. Da ist Hilke Neubauer aber streng. „Mit Schuhen geht es da nicht rein.“

Martina Artes hilft ihr. Die junge Lehramtsstudentin kommt seit zwei Jahren regelmäßig ins Kinderhaus und unterstützt die Erzieherinnen bei der Betreuung der Flüchtlingskinder, die hier einen Schutzraum haben und Geborgenheit finden. Die Ehrenamtlichen sind im Dienstplan fest verankert. „Ohne sie könnten wir das gar nicht stemmen“, sagt Barbara Finzel.

Übrigens: Im Kinderhaus heißen alle Betreuerinnen Barbara. Für die Kleinen ist dieser Name wohl die Definition für Erzieherin.

Offenes Betreuungsangebot

Eröffnet wurde das Kinderhaus im Oktober 2015, drei Monate nachdem die Erstaufnahmeeinrichtung in den ehemaligen Ledward-Barracks in Betrieb genommen worden war. Damals stand es noch unter der alleinigen Trägerschaft der Caritas Schweinfurt und wurde nach einem Konzept mit festen Strukturen – ähnlich einer Kindertagesstätte – betrieben. Im Sommer 2016 wandelte sich das Betreuungsangebot – nun unter der gemeinsamen Trägerschaft von Caritas und Diakonie Schweinfurt – zu einem offenen Angebot. Das heißt, die Kinder können während der Öffnungszeiten von Montag bis Freitag jeweils von 14.30 bis 17.30 Uhr frei kommen und gehen.

„So können wir viel besser auf die ständig veränderte Zahl von Kindern reagieren“, erklärt Barbara Finzel, die von einer Sozialpädagogin der Flüchtlings- und Integrationsberatung sowie seit September 2018 von Erzieherin Rebecca Paul als zweite Fachkraft unterstützt wird.

Möglich wurde dies durch eine zusätzliche Finanzierung über das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Personelle Unterstützung gibt es zeitweise auch von Praktikanten der Fachoberschule und verschiedenen Gymnasien sowie Studierenden der Hochschule für Soziale Arbeit in Coburg und Würzburg. Seit 2015 kommen zudem regelmäßig Praktikanten aus der Berufsfachschule für Kinderpflege und der Fachakademie für die Erzieherausbildung ins Kinderhaus.

Deutsch im Kinderhaus

Einmal wöchentlich bieten daneben ehrenamtlich tätige Musikpädagoginnen des Würzburger Theaters pädagogisch-musikalische Aktivitäten im Kinderhaus an. Zwei Studentinnen der Musikhochschule nutzten ebenfalls das Kinderhaus für ein Projekt zur musikalischen Erziehung. Auch eine Physiotherapeutin hat sich schon mit Entspannungsübungen für die Flüchtlingskinder engagiert. Und im Herbst soll eine Eltern-Kind-Gruppe installiert werden.

Für den Betreuungsnachmittag gibt es eine feste Struktur. Zuerst dürfen sich die Kinder im Freien austoben. Auf einem mit Pylonen abgegrenzten Parcours vor dem Kinderhaus können sie Dreirad, Rutschauto oder Roller fahren.

Danach geht es – aufgeteilt nach Alter – in die Gruppenräume. Dort wird gesungen, gebastelt und gespielt. Die größeren Jungs nehmen gleich den Tischkicker in Beschlag, während die Mädchen puzzeln oder malen.

Übrigens: Im Kinderhaus wird Deutsch gesprochen. Hände, Füße, Gestik und Mimik verdeutlichen das Gesagte. „Wir sind so nah am Kind dran, dass dies geht“, erklärt Barbara Finzel.

Die Angebotspalette ist immer abhängig von der Anzahl der ehrenamtlichen Betreuerinnen, die zur Verfügung stehen. „Sind mehrere Betreuerinnen da, können wir uns natürlich intensiver mit den Kindern beschäftigten und mehr Angebote machen“, erklärt Rebecca Paul. An diesem Dienstag ist neben Hilke Neubauer und Martina Artes noch Heike Löser im Einsatz. Die ausgebildete Krankenschwester ist hauptberuflich im Gesundheitsamt tätig und gehört seit Juli zum Betreuungsteam. „Ich wollte unbedingt etwas Ehrenamtliches machen“, erklärt sie ihre Motivation. Dass die Kinder sie bereits ins Herz geschlossen haben, zeigen die leuchtenden Augen der Kleinen.

800 bis 1000 Stunden Ehrenamt

„Die Arbeit mit so vielen unterschiedlichen Ehrenamtlichen ist für uns zwar eine Herausforderung“, sagen Barbara Finzel und Rebecca Baum, „aber sie bringen auch viele Facetten des kulturübergreifenden Miteinanders in die Betreuungsarbeit ein.“ Das sei enorm wichtig, denn Zuwendung, Geborgenheit und ein liebevoller Umgang seien für die Flüchtlingskinder der Schlüssel zum Zugang in die noch fremde Kultur. „Vor allem die afrikanischen Kinder sind sehr beziehungsorientiert“, hat Barbara Finzel festgestellt. Aktuell werden Kinder aus Algerien, Nigeria, Somalia, Armenien und der Elfenbeinküste betreut.

800 bis 1000 Stunden leisten die Ehrenamtlichen jährlich in der Betreuungsarbeit. Sie kommen ganz unterschiedlich ins Kinderhaus, manche täglich, manche stundenweise, manche punktuell. Allen gemein ist aber das große soziale Engagement und der Mut zu einem wertschätzenden Bekenntnis gegenüber Flüchtlingen und ihren Schicksalen. Damit wollen sie ein Zeichen setzen.

Beatrix ist seit sieben Monaten in Deutschland. Morgens besucht sie die Schule im Anker-Zentrum, nachmittags das Kinderh... Foto: Anand Anders
Da geht es rund: Erzieherin Barbara Finzel spielt Tischkicker mit Fewo und anderen Jungs. Foto: Anand Anders

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