Gerolzhofen

Bienenvolk auf Abwegen: Der umschwärmte Bürgermeister

Geschafft! Die Imker Gundula Trieloff (rechts) und Karl Zinser haben den Bienenschwarm, der sich am Rankgerüst des Geburtshauses des Dichters Ludwig Derleth als große Schwarmtraube festgesetzt hatte, vom Dach ihres Wohnmobils aus abgenommen und in die mitgebrachte Schwarmfangkist... Foto: Norbert Vollmann

Im falschen Film, in dem Fall in einem Killerbienen-Horrorstreifen, wähnte sich Bürgermeister Thorsten Wozniak, als er am Freitagnachmittag vor dem nächsten Abendtermin auf einen Zwischenstopp heimkehrte. Vor seinem Haus in der Ludwig-Derleth-Straße war wegen Abertausender herumschwirrender Bienen zunächst kein Durchkommen mehr. In Anbetracht des spektakulären Naturschauspiels waren bereits mit entsprechendem Sicherheitsabstand etliche Menschen zusammengelaufen. Ein mit der Königin ausgeschwärmtes Bienenvolk hatte sich schräg gegenüber von Wozniaks Wohnhaus am Rankgitter für die am Geburtshaus des Dichters Ludwig Derleth (1870-1948) wachsenden Weinreben der Familie Weinig festgesetzt.

Der Vorgang ist zur jetzigen Jahreszeit indes nicht ungewöhnlich im Gegensatz zu dem Ort, den sich die Bienenkönigin über der Haustür ausgesucht hatte, um sich niederzulassen. Mitte Mai, Anfang Juni erreicht das Bienenvolk nämlich seinen höchsten Entwicklungsstand. In dieser Zeit im Frühsommer läuft die Königin zur Hochform auf, indem sie bis zu 2500 Eier am Tag legt. So explodiert das Volk innerhalb weniger Wochen regelrecht auf eine Größe von bis zu 30 000 bis 40 000  oder noch mehr Bienen. Da wird es schnell eng im Kistenstaat.

Die Teilung des Bienenvolks

Das Bienenvolk reagiert darauf und schafft Platz, indem es den Reichtum und Überfluss an gesammeltem Nektar und Pollen nutzt, um sich zu teilen: Etwa die Hälfte der Bienen zieht dazu in den Monaten Mai und Juni in der sogenannten „Schwarmzeit“ im Gefolge der alten Königin aus, um sich in der Nachbarschaft als „Schwarmtraube“ etwa in einen Baum oder wie in der Ludwig-Derleth-Straße an der Rankhilfe für den Hausweinstock festzusetzen.

Der Rest der Bienen bleibt mit der geschlüpften neuen Königin in der angestammten Bienenkiste zurück.  „Schwärmen“ ist letztendlich die natürliche Methode kräftiger, gesunder Bienenvölker, durch die Teilung die Verbreitung der eigenen Art zu sichern.

Das steht sie nun die Schwarmkiste mit dem eingefangenen Bienenschwarm, während die restlichen umherschwirrenden Bienen ... Foto: Thorsten Wozniak

Für den Imker wiederum erweist es sich in zweierlei Hinsicht als nachteilig, wenn der Schwarm trotz aller Vorsichtsmaßnahmen unbemerkt das Weite sucht. Zum einen verliert er auf einen Schlag die Hälfte seines Volks.

Dieser Umstand ist aber noch relativ leicht zu verschmerzen. Das verbleibende Restvolk im Bienenstock erhält, wie erwähnt, in jedem Falle eine frische junge Königin und erneuert sich auf diesem Wege selbst. So wird der Verlust an Bienen relativ schnell wieder aufgeholt und ausgeglichen. Und Bienen sind bekanntlich fleißig.

Honig als Reiseproviant

Zum anderen hauen sich die „Auswanderer“ vor dem Abschied allerdings nochmals den Bauch richtig mit Honig als "Reiseproviant" voll – man weiß ja nicht, wann es das nächste Mal wieder was zu futtern gibt. Mit den Bienen fliegt so auch ein erheblicher Teil des Honigertrages davon. Denn die Haupthonigernte fällt genau in die Schwarmzeit.

Der Teil des kollektiv ausgeschwärmten Bienenvolks, der sich in Gerolzhofen auf die Suche nach einem neuen Zuhause gemacht hatte, sorgte jedenfalls in der Ludwig-Derleth-Straße für reichlich Aufsehen. Abertausende Bienen schwirrten unüberhörbar in der kleinen Gasse zwischen den Anwesen Weinig und Thüncher umher. Immer mehr von ihnen bildeten schließlich an dem Rankgerüst unter dem Weinlaub eine große wabernde Traube um die Königin. Die ist in den zigtausend Bienen zwar nicht zu erkennen, aber sie ist der Mittelpunkt der Traube, denn die Bienen ringsherum sind da, um sie zu schützen.

Das Einfangen der ausgeschwärmten Bienen

Wie aber zigtausend Bienen einfangen? Da trifft es sich gut, wenn, wie in diesem Fall am Freitagnachmittag, Imker wie Gundula Trieloff und Karl Zinser in der Nähe sind, um das Volk einzufangen. Das hierzu benutzte Wohnmobil ersparte die Leiter.

Bevor es an die eigentliche Arbeit ging, sprühten die beiden die Schwarmtraube von allen Seiten mit einem Zerstäuber mit Wasser ein. Das bewirkt, dass sich die Bienen enger zusammen ziehen und nicht so schnell auffliegen. Zugleich wird der Schwarm dadurch schwerer und lässt sich so leichter abstreifen.

Die Schwarmtraube am Rankgerüst für den Hausweinstock ist entfernt, es herrscht aber noch reichlich Flugverkehr an Biene... Foto: Thorsten Wozniak

Vom Dach des Wohnmobils aus schüttelten und fegten Gundula Trieloff und Karl Zinzer sodann in ihren weißen an Astronauten erinnernden Schutzanzügen die einige Kilo schwere Schwarmtraube ab. Das Wichtigste ist es dabei, die Königin zu erwischen. Denn dann bleiben die Bienen in der mitgebrachten Schwarmfangkiste. Sie müssen sich ja um ihre Königin kümmern.

Die anderen Bienen, die noch umherschwirren, finden übrigens normalerweise ganz von alleine zu ihrer Königin durch die Einflugöffnung zurück. So war es auch in der Ludwig-Derleth-Straße. Nach wenigen Stunden waren bis zum Abend alle Bienen im Kasten „eingelaufen“, wie der Imker zu sagen pflegt.

Herrenlose Völker dürfen behalten werden

Nach dem deutschen Bienenrecht behält der Imker das Eigentum am Schwarm, solange er ihn unverzüglich verfolgt. Dafür darf er übrigens auch fremde Grundstücke betreten.  Wird, wie in der Ludwig-Derleth-Straße, ein herrenloser Schwarm von einem anderen Imker eingefangen, darf ihn dieser quasi als Lohn seiner Arbeit als neuer Eigentümer behalten.

Als große wabernde Masse haben sich die ausgeschwärmten Bienen um ihre Königin über der Haustür des Geburtshauses von Lu... Foto: Norbert Vollmann

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