Stammheim

Bizarrer Frostschutz für die Pfirsichblüten

Auf den ersten Blick klingt's absurd: Mit künstlich erzeugtem Eis schützen Bauern die Blüten ihrer Obstbäume vorm Kältetod. Wie's funktioniert, zeigt sich gerade jede Nacht.
Zu früher Morgenstunde sind die Äste und Zweige von Obstbäumen am Main zu bizarren Gebilden aus Eis mutiert. Mit der Erzeugung von Erstarrungswärme versuchen einheimische Obstbauern, ihre früh blühenden Obstbäume vor Väterchen Frost und dem Knockout zu schützen. Foto: Peter Pfannes

Zu früher Morgenstunde sind am Dienstag die Äste und Zweige von Obstbäumen zu bizarren Gebilden aus Eis mutiert. Die Obstwiesen im Maintal bei Escherndorf gleichen einer schaurigen Kältekammer. Ist hier die Eiszeit ausgebrochen? Des Rätsels Lösung lautet "Forstbekämpfung mittels Beregnung".

Mit der Erzeugung von Erstarrungswärme versuchen einheimische Obstbauern, ihre früh blühenden Obstbäume vor Väterchen Frost und dem Knockout zu schützen. Auch in den Obstanbaugebieten um Lindach und Stammheim haben Obstbauern eigene Methoden entwickelt, damit nicht schon früh im Jahr die Aussicht auf eine gute Ernte zunichte gemacht wird.

Mit ihrem Pfirsich- und Aprikosengeist sind die Edelobstbrenner und Winzer Manfred und Ursula Dorsch-Römmelt vor einigen Jahren neue Wege gegangen. "Wir wollten etwas anbieten, das es nicht überall gibt. Williams, Zwetschgen und Obstler gibt es ja überall", erzählen die beiden Brenner. Die Pfirsiche und Aprikosen wachsen und gedeihen in einem offenen Obstgarten im Maintal zwischen Astheim und Escherndorf. Aber auch bei Neuses am Berg und bei Neusetz stehen welche.

Da Pfirsich- und Aprikosenbäume früh blühende Obstbäume sind, müssen sie die Tage überstehen, an denen der Nachtfrost ihnen den Garaus bereiten will. Die Römmelts haben, wie andere Obstbauern auch, Strategien entwickelt um die Blüten der Bäume im Frühjahr vor der Zerstörung durch Minustemperaturen zu retten. Die Beregnungsanlage auf der Obstwiese haben Römmelt und sein Sohn Sebastian schon vor geraumer Zeit installiert. Um den Frostzeitpunkt nicht zu verpassen, hat Sebastian eine Warnanlage installiert, die Tag und Nacht bei Frost Alarm schlägt.

Zu früher Morgenstunde sind am Dienstag die Äste und Zweige von Obstbäumen unterhalb der Vogelsburg zu bizarren Gebilden aus Eis mutiert. Die Obstwiesen im Maintal bei Escherndorf gleichen einer schaurigen Kältekammer.  Foto: Peter Pfannes

Letzte Sonntagnacht muss der gelernter Winzer und Obstbauer um zwei Uhr in der Früh "ausrücken". Die Wetterstation schlägt Alarm. Temperaturen um minus vier Grad Celsius lassen die Sirenen läuten. Für Sebastian, der gerade im Tiefschlaf verweilt, geht es jetzt um Minuten. Bei Eiseskälte macht er sich auf den Weg zu den Obstgärten, wirft das Dieselaggregat mit der Pumpe an und bewässert den Rest der eisigen Nacht die Obstbäume von oben. "Überkronenberegung" erklärt er die Vorgehensweise. Die Obstbäume verwandeln sich ganz langsam in eisige Kreaturen.

Nacht für Nacht wiederholt sich dieser Vorgang - eine ganze Woche lang - einmal vor Mitternacht, ein anderes Mal in den frühen Morgenstunden. "Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären alle Blüten zu hundert Prozent kaputt", ist Ursula Dorsch-Römmelt überzeugt von der Rettungsaktion. Überhaupt hätte es alles, was geblüht hat, in den beiden vergangenen Nächten erwischt, erzählt die routinierte Winzerin.

Ihr Mann Manfred erläutert den Hintergrund: "Durch das Eis wird eine Erstarrungswärme an den Blüten erzeugt." Das Eis bildet quasi eine Art Schutzschicht um die Blüten. In dem Moment, in dem das auf die Bäume aufgesprühte Wasser zu Eis wird, entstehe Wärme um ein Grad Celsius rund um die Blüten. "Das nennt man Erstarrungswärme", erklärt der Frostschutzprofi. Beregnet wird solange, bis die Frostnächte vorbei sind. "Wenn ich jetzt mit der Beregnung aufhöre und heute Nacht gibt es wieder Minusgrade, dann war alles für die Katz´", sagt Römmelt. "Ich praktiziere diese Vorgehensweise seit drei Jahren und habe gute Erfahrungen damit gemacht", schildert er. Das Wasser zur Beregnung wird aus dem Hochwasser führenden Main abgepumpt. Wasser aus Tiefbrunnenwasser werde so nicht vergeudet.

Wer glaubt, die Arbeit für die Römmelts sei nach einer Frostnacht beendet, der täuscht sich. Die Obstbäume müssen in den Morgenstunden weiter beregnet werden, denn die Blüten sollen schonend, aber möglichst flott auftauen. Bei Temperaturen um plus vier bis fünf Grad würde es viel zu lange dauern, bis die Eisschicht verschwunden ist. Das Wasser hilft dabei.

Am frühen Morgenstunde bilden sich auch am Boden eisige Kunstwerke.  Foto: Peter Pfannes

Als Ursache für die ganze Frostproblematik sieht Römmelt immer mildere Winter, in denen die Obstbäume immer früher zu blühen beginnen. Plötzlich auftretender Frost vernichte dann praktisch die ganze Arbeit auf einen Schlag. "Ob es mit dem Klimawandel zu tun hat, weiß ich nicht", sagt Römmelt. Der hauptsächliche Broterwerb seiner Familie ist der Weinbau, seit vier Generationen. Die Römmelts bewirtschaften rund 7,5 Hektar Rebflächen. Zweites Standbein neben dem Weinanbau sind eine Brennerei und die Obstgärten mit etwa 1,5 Hektar.

Vorsicht auf dem Radweg: Die Beregnung hat bei Frost ihre Tücken. Foto: Peter Pfannes

Während Hobby-Obstbauer Franz Moller aus Stammheim die Blüten seiner drei Pfirsichbäume schon zu Beginn der Woche komplett erfroren sind, hat Franz Wieland in seinen Zwetschgenanlagen gasbetriebene Heizungsanlagen aufgestellt. Neun Hektar bewirtschaftet der Stammheimer mit Zwetschgen, Äpfeln und Birnen. Seine Wetterstation hatte am Montag Alarm geschlagen. Seitdem wird ein Teil des Obstgartens im Umkreis von 70 Metern beheizt. Die weißen Jojo-Zwetschgenblüten hatten schon herausgespitzt und so kann der Stammheimer jetzt nur hoffen, dass seine Beheizungsaktion erfolgreich war.

Weil Hermann Dereser spät blühende Obstsorten hat, betrifft der aktuelle Frost seine Lagen nicht. Etwas traurig macht ihn der Magnolienbaum in seinem Garten, der schon in voller Blüte stand und jetzt erfroren ist.

Wenig Sorgen mit Frost zum jetzigen Zeitpunkt hat der Lindacher Obstbauer Jürgen Seger. Einerseits liegt Lindach auf einem frostgeschützteren Hochplateau, andererseits blühen seine Obstbäume noch nicht. Seger fürchtet eher mögliche Fröste im Mai. "Erst einmal abwarten, es kann noch viel passieren", weiß seine Mutter Helga aus Erfahrung.

Ist hier die Eiszeit ausgebrochen?  Foto: Peter Pfannes

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