Schweinfurt

Blasrohrschießen: Mit viel Puste ins Schwarze treffen

Sie haben nicht nur Luftgewehr und Kleinkaliber im Anschlag. Seit einem Jahr blasen Sportschützen der Bürgerlichen Schützengesellschaft Schweinfurt auch die Backen auf.
Modernes Design: Hans-Peter Lamprecht mit seinem Blasrohr. Foto: Uwe Eichler

"Fffft." Zugegeben, auf dem Schießstand der BSG, der Bürgerlichen Schützengesellschaft Schweinfurt, wirkt Blasrohrschießen nicht ganz so dramatisch wie in einer Doku über Amazonas-Indianer. Im Dschungel würden Äffchen oder Papageien von den Bäumen fallen. Am Hainig bohren sich die Nadelpfeile aus den Pusterohren in runde, bunte Schießscheiben. Man merkt: Der "Indiosport" ist ein ruhiges Hobby. Eher was zum Durchatmen.

Seit etwa einem Jahr wird im Schützenheim geblasen, von einer Handvoll echter Enthusiasten, die überwiegend aus der Modellflugszene der "MFG Condor" kommen: Blasrohrschütze Christoph Regener ist dort  Vorsitzender. Auch Vizelandrat Peter Seifert, Niederwerrner Bürgermeister a. D., greift Mittwochabends zur "Blowgun", wie das Alu-Rohr im Englischen genannt wird. Mit der aus Tintenkillern und Papierkügelchen gebastelten Klassenzimmer-Artillerie der Schulzeit haben die Sportgeräte so wenig gemeinsam wie ein moderner Compound- mit einem Flitzebogen. Die Munition wird griffbereit auf eine Art Nadelkissen rund ums Rohr gesteckt. Es gibt Trichtermundstücke und Zielhilfen, die aber gemäß Reglement nicht benutzt werden dürfen. Außerdem schicke Transportköcher, bis hin zur Bazooka-Größe. 160 Zentimeter sind die größten "Kaliber" lang.

Blick ins Blasrohr. Foto: Uwe Eichler

Ebenfalls zum "Bläserensemble" zählen Frank Franz und  Kurt Katzenberger. Polizeihauptkommissar Sigurd Wiesinger aus Schweinfurt hat sozusagen die Seiten gewechselt und bläst jetzt selber ins Röhrchen. Den Blasrohr-Hype am Hainig ausgelöst hat Hans-Peter Lamprecht, seines Zeichens Metzgermeister aus Niederwerrn, der schon in den 60er-Jahren bayerischer Meister mit dem Blasrohr war. Peter Seifert hat mal bei Schützenbrüdern im Spessart "aus Spaß mitgeschossen", später in Kleinlangheim, wo es bereits eine Blasrohr-Abteilung gibt.

Schon im Mittelalter wurde das Blasrohr zur Vogeljagd eingesetzt

Soweit ist die BSG  noch nicht, auch wenn Schützenmeister Volker Buchner durchaus stolz auf das neue Angebot ist. Derzeit wird das erste Turnier in Sand anvisiert. Eine Einladung zum fränkischen "Landkleinodschießen" nach Großrinderfeld im Herbst 2020 gibt es auch schon: in Erinnerung an ein großes Armbrust-Turnier in Schweinfurt 1462. Der Wettkampf soll mit Blasrohr ausgetragen werden. Solange Curare und andere Pfeilgifte im Schrank bleiben, gilt das Sportutensil als waffenrechtlich unbedenklich. Hierzulande ist es schon im Mittelalter zur Vogeljagd eingesetzt worden.

Feuerfrei: Die Blasrohrschützen in Aktion. Foto: Uwe Eichler

 In Südbayern gebe es schon einen regelrechten Blasrohrboom, sagt Seifert. "Die Jugend brauchen wir unbedingt", lockt der stellvertretende Landrat. Schon der Bogensport beruhige hyperventilierende Teenager ungemein, um so mehr das  Blasrohrschießen. "Der Doktor freut sich", sagt Hans-Peter Lamprecht. Die regelmäßigen Atemübungen seien gut fürs Lungenvolumen. Oder fürs Zwerchfell.

Robin Hood lässt grüßen: Peter Seifert hat einen Pfeil getroffen. Foto: Uwe Eichler

Auf der Homepage des Bayerischen Sportschützenbunds (BSSB) findet sich, außer einem Online-Shop fürs Zubehör, das Regelwerk. Zehn Runden lang wird auf sechs Scheiben  geschossen, wobei sechs bis zehn Punkte zu holen sind, je nach Fitness auf fünf bis zehn Meter Distanz. Auch wenn Blasrohrschießen als Sportart für Menschen jeder Altersgruppe und Konstitution, inklusive Rollstuhlfahrern, gilt: Bei insgesamt 60 Schuss kann einem Schützen schon mal die Puste ausgehen, weswegen im Turnier Pausen vorgesehen sind.

Die richtige Technik ist entscheidend

"Es ist nicht ganz so einfach, wie es aussieht", bestätigt Lamprecht. Jeder müsse die richtige Technik für sich finden, wozu auch das richtige Blasen (bei dem man Druck mit der Zunge oder dem ganzen Mund aufbauen kann), das Halten und Anvisieren zählt.

Mit Rauch geht's auch: Sigurd Wiesinger hat sein Sportgerät etwas aufgepeppt. Foto: Uwe Eichler

"Auge zukneifen" gibt es nicht. Gezielt wird quasi durch zwei imaginäre Rohre hindurch, da jedes Auge das Rohr etwas versetzt sieht. Der Reporter darf das gleich mal ausprobieren und den Pfeil mit Gummipuschel ins Rohr schieben. Immerhin, zwei Schuss treffen wuchtig den blauen Rand der Scheibe, einer die Stellwand. Nicht berauschend, aber geräuscharm, CO2- und rückstoßfrei. In Holz bekommt man den Pfeil nur noch mit der Zange raus und muss ihn dann wieder zurechtbiegen, der sensiblen Flugeigenschaften wegen. Die Geschosse sind in den unterschiedlichsten Formen erhältlich, bis hin zu farbklecksenden Paintball-Kugeln.

Gekleckst wird auf der Schießbahn natürlich nicht. Um den stillen Sport mit Knalleffekten aufzupeppen, wird zwischendurch lieber auf Luftballons geschossen. Sigurd Wiesinger, Waffenexperte der Schweinfurter Polizei, bläst gerne auch mal Rauch aus der E-Zigarette durchs Rohr: Blasrohrschießen eignet sich schließlich hervorragend zum Dampfablassen.  

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