SCHWEINFURT

Blick auf eine zerbrechliche Welt

Es ist eine schöne Tradition, dass das Bundesjugendorchester alle zwei Jahre eines seiner Konzerte in Schweinfurt bestreitet. In diesem Jahr beschloss es eine Tournee mit neun Spielorten, darunter die Berliner Philharmonie und die Dresdner Semperoper.

Alexander Shelley hatte die künstlerische Leitung inne, und ihm war es gemeinsam mit den namhaften Dozenten der vorausgehenden Arbeitsphase gelungen, einen Klangkörper zusammenzuschweißen, der bestens vorbereitet war, frisch und herzhaft musizierte und ein Beispiel dafür setzte, welche Leistungen jugendliche Musiker zu erbringen imstande sind, wenn sie entsprechend gefordert werden.

Das Programm war dem Motto „500 Jahre Reformation“ gewidmet. Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 5, die „Reformation“, stand im Mittelpunkt der ersten Konzerthälfte. Alexander Shelley umrahmte den ersten Satz durch zwei Lutherchoräle, schlicht und schön durch eine Holzflöte im Zuschauerraum gespielt. Der Übergang in die Sinfonie geriet auf diese Weise andachts- und weihevoll, das Allegro con fuoco blitzte glasklar, messerscharf und durchsichtig, auch in klanggewaltigen Passagen. Tänzerisches war zu hören, perfekte Artikulation, geschmeidig ausmusizierte liedhafte Melodik.

Triumphal und strahlend dann der Abschluss „Ein feste Burg“. Prunkvoll agierten hier wie im gesamten Konzert nicht nur die Bläser, großer Körpereinsatz bei allen Musikern, intensiv klang das und sehr kompakt.

In eine märchenhafte Zauberwelt an Klängen entführte der niederländische Komponist Michel van der Aa mit seiner für dieses Projekt geschaffenen Auftragskomposition „Reversal“ (Umkehr). Ein Spiel mit Farben, opulent und vielschichtig, mit groovenden Momenten, aber auch Ruhepunkten. Nicht nur die Schlagzeuger konnten hier ihre ganze Kunst einbringen: Eine derartig erfass- und leicht nachvollziehbare Interpretation eines komplexen Werkes gelingt tatsächlich nur, wenn alle absolut sattelfest sind!

Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3 D-Dur: Shelley hatte zwar die Besetzung reduziert, dennoch standen noch verhältnismäßig viele Musiker auf der Bühne. Und irgendwie klang die Ouvertüre verschwommen und unruhig, die Gavotten gehetzt und unelegant, und in der Bourrée ging das jugendliche Temperament völlig durch. Etwas mehr feines Musizieren wäre schön gewesen.

Ein krönender Abschluss

Schließlich Enjott Schneiders Sinfonisches Gedicht für Orchester „Ein feste Burg“ als wahrlich krönender Abschluss: Dunkel und bedrohlich geriet der Beginn, das Bundesjugendorchester musizierte expressiv, lieferte einen absolut spannenden Aufbau und furiose Entladungen, so fesselnd, üppig und kontrastreich, dass der Atem stockte. Einer Beschwörung gleich entstand ein Hexentanz voller Effekte, ein nicht berechenbares Fest der Sinne. Beeindruckend, wie das Orchester sich ins Zeug legte, leidenschaftlich, mit vollstem Einsatz!

Der Komponist Schneider hat hier mit großem Gespür für musikalische Architektur und Instrumentation tief in die Kiste kompositorisch-handwerklichen Könnens gegriffen, schüttet eine Fülle fantasievoller Ideen bis hin zu großen Gefühlen und cineastischen, auch mal pompösen Effekten, in die Welt. Düster dennoch sein musikalisches Resümee, so scheint es: Wie ein Blick aus dem All auf eine zerbrechliche Welt wirken die letzten Takte, wie eine philosophische Botschaft, die aufrütteln will. Das Orchester gab alles, wurde mit Standing Ovations gefeiert und verabschiedete sich mit einer hinreißend schmissig musizierten Candide-Ouvertüre von Leonard Bernstein. Ein Erlebnis!

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