SCHWEINFURT

Brotzeit mit Herz

Sorgen für frischen Hörnchen-Nachschub. Bäckermeister Oskar Zimmermann und sein Azubi Jonas Eck in der Backstube,in der man schon wegen des guten Geruches länger verweilen möchte.
Sorgen für frischen Hörnchen-Nachschub. Bäckermeister Oskar Zimmermann und sein Azubi Jonas Eck in der Backstube,in der man schon wegen des guten Geruches länger verweilen möchte. Foto: Helmut Glauch

„Der Bäcker ist da!“ Beinahe jeden Tag, so um 11 Uhr herum, unterbricht diese völlig analog von unserer Redaktionssekretärin verbreitete Nachricht unseren Arbeitsalltag. Sie sitzt am Fenster und sieht als erste, wenn der Kleintransporter auf dem Hof vorfährt und sich langsam die hydraulische Seitenklappe öffnet. Wenn der Bäcker, eigentlich nur seine rollende „Mobil-Filiale“, da ist, dann schwärmen die Kollegen aus, um sich mit belegten Brötchen, heißen Knackern oder „etwas Süßem für die Nerven“ zu versorgen.

Dass der Bäcker kommt, das ist beinahe so selbstverständlich wie das 12-Uhr-Läuten eine Stunde später. Die Erfahrung lehrt aber, dass Dinge, die als „normal“ erachtet werden, eine Menge Arbeit machen, um sie Tag für Tag zuverlässig anbieten zu können. Einer dieser Bäcker, der täglich seine rollenden Brotzeitstübchen durch die Lande schickt, ist Oskar Zimmermann, der in der Neuen Gasse in Schweinfurt sein Geschäft hat.

Sechs Zimmermann-Fahrzeuge, die keine Balken, sondern Backwaren an Bord haben, gehen für ihn täglich auf Tour und sorgen dafür, dass zum Beispiel auch Arbeiter und Angestellte im Maintal, die zu Fuß ganz schön weit zum nächsten Bäcker hätten, eine ordentliche Brotzeit bekommen.

Ein letzter Check und dann geht es los

Und weil man nur spürt, was man erlebt hat, durfte ich eine ganze Tour mitfahren, mithelfen – und erfahren, dass man als Pilot einer kleinen rollenden Bäckerei viel mehr zu tun hat als nur Gebackenes gegen Geld zu tauschen. Als ich so gegen 7 Uhr bei der Bäckerei aufkreuze, stehen einige Fahrzeuge schon bereit, um in verschiedene Himmelsrichtungen auszuschwärmen. Schnell werden noch ein paar Kisten Gebackenes ins Auto gebracht. Dann noch ein Blick in die Auslagen – schauen, ob auch das Wasser heiß ist, in dem Wienerle und Weißwürste ihrem letzten Zweck entgegenschwimmen, ob kleines Geld zum Wechseln in der Kasse ist, und schon geht es los.

„Hopp, Hopp, rein mit dir“, ruft mir Carmen Spiegel zu, deren Co-Pilot ich heute sein darf. Die Mitsechzigerin, das merke ich schnell, hat das Herz am rechten Fleck, hat jede Menge Humor und sagt „freiweg“ was sie denkt. Charaktereigenschaften, mit denen ich prima klarkomme.

Straffer, aber machbarer Zeitrahmen

Der Zeitplan ist straff getaktet, gut 20 Stationen müssen allein auf der Vormittagstour bis 11 Uhr angefahren werden. Nicht alle Angestellten der angesteuerten Betriebe können mal eben ihren Arbeitsplatz verlassen, wenn der Bäcker hupt, sondern sind an feste Pausenzeiten gebunden. „Die stehen dann schon da und warten, wenn wir zu spät dran sind“, erzählt mir Carmen, die von ihrem Fahrstil sagt „Man muss auch mal Draufgänger sein, aber immer darauf achten Hindernisse zu umfahren und nicht umzufahren“.

Hindernisse gibt es reichlich, die dem Ziel, auf die Minute am vorgesehenen Ort anzukommen, im Wege stehen. Nicht nur Ampeln, die nicht auf Grün springen wollen, sondern auch Lkw oder Container, die gestern noch nicht auf dieser Ecke des Betriebsgeländes abgestellt waren. Manches Betriebsgelände, auf dem die hungrigen Kunden warten, ist durch eine Schranke gesichert – auch da heißt es warten, bis irgendwer den richtigen Knopf drückt und der Balken nach oben geht.

Herzlichkeit vor und hinter der Theke

Doch Carmen Spiegel setzt sich durch, rangiert was das Zeug hält und wird freudig erwartet. Alle kennen sie, sie kennt die meisten, weiß, wer seine Knacker mit Senf oder Ketchup will und wem das Vitalbrötchen näher ist als die „Currywurst extrascharf“. Seit 17 Jahren fährt sie diese Tour. Mit vielen Kunden ist sie per Du, weiß Geschichten wie die von dem Mann, dessen Hund sich immer hinters Auto gelegt hat. „Da konnt ich erst wieder rückwärts raus, wenn der Hund ein Stück Wurst gekricht hat.

“ Die Euerbacherin weiß ganz genau, wer aus ihrem Ort in welcher Firma, die sie täglich anfährt, arbeitet und kennt alle rückwärtigen Einfahrten der Betriebe im Maintal. Mancher Ur-Schweinfurter würde sich wundern, welche Ecken seiner Heimatstadt er noch nicht kennt.

Zur Herzlichkeit und manchem freundlichen Wort kommt die Fähigkeit zu improvisieren. Nicht ungewöhnlich, dass zum Ende der Tour und mit schmaler werdendem Angebot, auch mal eine Weißwurst mit einem Wienerle ein ungleiches Pärchen im süßen Senf abgibt, oder für einen gebackenen Osterhasen, dem irgendwo die süßen Ohren abhanden gekommen sind, ein nach unten korrigierter Schätzpreis verlangt wird.

70 Kilometer Klappe auf und Klappe zu

70 Kilometer am Tag – nur in der Stadt und ihren Industriegebieten – kommen so zusammen. Klappe auf – Klappe zu, gemeint ist damit nicht nur die Seitentür des rollenden Bäckerwagens, sondern auch die immer netten Gespräche und die kleinen Geschichten über die Theke hinweg.

Ein Kunde meint schmunzelnd, dass er jetzt in der Fastenzeit seinen Kolleginnen immer was Süßes mitbringt, weil er sich dann selber schlanker vorkommt, ein anderer fragt mit seinen paar Groschen in der Hand, ob einem „armen Würstchen“ auch ein Würstchen verkauft wird. Ein Schwätzchen, ein freundliches Wort, gibt es immer. „Manches kann schiefgehen, unseren Humor dürfen wir nicht verlieren.“ Eine Lebensweisheit, mit der Carmen Spiegel 65 Jahre lang gut gefahren ist. Auch mir tut dieses Motto gut, als ein Kunde, der den Schalk im Nacken hat, meint, dass ich wohl für einen Praktikanten etwas zu alt bin – er hat ja so recht.

Zwischendurch, bei den kleinen Reisen von Firma zu Firma, erzählt Carmen von sich selbst, von einem nicht gerade ereignisarmen Leben, von elf Katzen und einem Hund und von ihrer Ballonfahrt, seit der sie sich „Gräfin Carmen aus dem schönen Euerbach“ nennen darf. Eine Gräfin übrigens, die schneller als jeder Taschenrechner ist, wenn es darum geht, die Summe aus zwei Hörnchen, drei Belegten und zwei Nussecken zu bilden, denn Kopfrechnen muss man können, eine Rechenmaschine gibt es nicht an Bord.

Frischer Sauerteig und Brot für Kesselfleisch

Langsam geht es auf Mittag zu, die Reihen der belegten Brötchen haben sich gelichtet. Nächstes Ziel ist die Bäckerei. Oskar Zimmermann bereitet gerade gemeinsam mit seinem Azubi Jonas Eck die nächste Hörnchen-Generation vor. „Alles selbst gemacht, bei uns werden keine Teiglinge aufgebacken“, verkündet er und erklärt, dass er jeden Tag den Sauerteig ansetzt. Bäckerhandwerk halt und keine Industriebäckerei. Bekannt ist er auch für sein Kesselfleischbrot, das, wie der Name schon sagt, besonders gut zu dieser deftigen Leibspeise, nicht nur der Schweinfurter, schmeckt.

Carmen Spiegel und ihre Kolleginnen rüsten inzwischen ihre rollenden Backwaren-Fahrzeuge nach. Eine weitere Tour steht an – irgendwo in Schweinfurt warten Menschen mit Appetit darauf, dass ein Fahrzeug vorfährt, eine Hupe erklingt und irgendwer verkündet „Der Bäcker ist da“.

Es kommt wie es kommt, aber unseren Humor dürfen wir nicht verlieren
Carmen Spiegel über ihre Lebens- und Arbeitsphilosophie
Team für einen halben Tag. Noch ist die Klappe zu, Carmen Spiegel und Helmut Glauch sind bereit, gemeinsam auf Tour zu gehen. Gut eingepackt, versteht sich, denn so ein Februarmorgen ist kalt.
Team für einen halben Tag. Noch ist die Klappe zu, Carmen Spiegel und Helmut Glauch sind bereit, gemeinsam auf Tour zu gehen. Gut eingepackt, versteht sich, denn so ein Februarmorgen ist kalt. Foto: Anand Anders
Ein Licht im trüben Morgengrauen. Viele Kunden am Hafen und im Maintal rechnen fest mit dem rollenden Bäcker.
Ein Licht im trüben Morgengrauen. Viele Kunden am Hafen und im Maintal rechnen fest mit dem rollenden Bäcker. Foto: Anand Anders
Brot gibt Kraft und was Süßes für die Nerven. Bei Carmen Spiegel gibt es beides.
Brot gibt Kraft und was Süßes für die Nerven. Bei Carmen Spiegel gibt es beides. Foto: Anand Anders
Die Käsestangen will ich eigentlich gar nicht hergeben, die mag ich selber so gern.
Die Käsestangen will ich eigentlich gar nicht hergeben, die mag ich selber so gern. Foto: Anand Anders

Rückblick

  1. Tag im Grünen: Arbeitseinsatz bei der Solidarischen Landwirtschaft
  2. Reporter in Betrieb: Glühweinausschank für Anfänger
  3. Mit dem Weihnachtsmann durch die Nacht
  4. Fränkische Landwirtschaft: Wo Mensch und Tier gemeinsam leben
  5. Mensa: Wo es günstig, schnell und trotzdem lecker sein soll
  6. Vesperkirche: Wo Gemeinschaft durch den Magen geht
  7. Auf Tour mit der mobilen Tierärztin
  8. Mit dem 20-Liter-Fass in den Gewölbekeller
  9. Nachschub für Heizöltank und Tankstellen
  10. Die Tafel. Oder: Essen wo es hingehört
  11. Hebammenalltag: Schmerzen, Flüche und ein lauter Schrei
  12. Ein Knochenjob
  13. Herr über sechs Millionen Liter Wasser
  14. Der Touri-Toni, die aktuelle Wettervorhersage und die Suche nach Zimmern
  15. Zwischen Friedhof und Elektroauto
  16. Zwischen Stall und Teller
  17. Brotzeit mit Herz
  18. Vom „Beckenbauer“ zur Doppelzunge
  19. Ein guter Whisky braucht Geduld, Erfahrung und Leidenschaft
  20. Adlerauge für den Datenhighway
  21. Mitarbeit bei der Weinlese: Zum Naschen keine Zeit
  22. Reporter in Betrieb: Anpacken in der Bücherei
  23. Wenn's die Pause richtig in sich hat
  24. Reporter in Betrieb: Jede Bohne erzählt ihre Geschichte
  25. Reporter in Betrieb: Abdrückschaufel und Felgenspanner
  26. Eine Schicht in der Großküche: Cordon Bleu am Fließband
  27. Zwischen Leben und Tod: Unterwegs mit Bestattern
  28. Im Kreislauf des Lebens: Ein Tag im Altenheim
  29. Serie „Reporter in Betrieb“: Die Arbeit mit der Kunst
  30. Naschen erlaubt: Einsatz auf dem Erdbeerfeld
  31. Ein Tag als Tierpflegerin: Frauen, die für Ziegen scharren
  32. Neue Serie: Reporter in Betrieb

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